Entscheiden EIN LICHT IM DUNKELN
Die kleine Gabe sollte beim Kanzler für gute Stimmung sorgen. Edlen Spätburgunder aus der Weinforschungsanstalt Geisenheim überreichte die Fachhochschule Wiesbaden Gerhard Schröder auf der Jahrestagung der Hochschulrektorenkonferenz Anfang Mai. Der Regierungschef dankte in der hessischen Hauptstadt mit einem generösen Gegengeschenk.
100 Millionen Mark stellte Schröder den Rektoren in Aussicht, um "zusätzliche Informatikkapazitäten an den Universitäten und Fachhochschulen zu schaffen und die Ausbildung in den Zukunftsbranchen zu modernisieren". Die dringend benötigten Fachkräfte in der Informationstechnik sollen nicht nur aus Indien, sondern auch wieder stärker von den heimischen Hochschulen kommen, so die Botschaft des Kanzlers.
Doch das Sonderprogramm der rot-grünen Koalition blieb unter den Erwartungen der akademischen Führungskräfte. Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), suchte bei Konfuzius Zuflucht, um seine Enttäuschung zu verbergen. "Es ist immerhin besser, ein Licht anzuzünden, als nur auf die Dunkelheit zu schimpfen."
Was zunächst nach einem kräftigen Schub für die überlasteten und teilweise schlecht ausgestatteten Informatikfakultäten aussieht, verläppert in der Praxis. Nur 50 Millionen der 100 Millionen Mark kommen vom Bund, die andere Hälfte sollen die Länder beisteuern. Vor allem aber soll das Hilfsprogramm über fünf Jahre gestreckt werden. Pro Jahr fließen gerade einmal 20 Millionen an die Hochschulen. So kommen an den einzelnen Unis schließlich nur ein paar hunderttausend Mark an. Und wann das Geld wirklich zur Verfügung steht, ist noch unklar erst mal müssen die Länder dafür gewonnen werden.
"Am Ende bleibt für keinen etwas übrig"
"Um wirklich etwas zu bewegen, müsste es fünf Jahre lang jährlich mindestens hundert Millionen geben", rechnet HRK-Chef Landfried vor. Die Mittel sollten wenigstens auf einige ausgewählte Standorte konzentriert werden, meint Jörg Dräger, Geschäftsführer der privaten Elite-Hochschule Northern Institute of Technology in Hamburg-Harburg. Mit je zehn Millionen Mark könnten zehn international konkurrenzfähige Ausbildungsstätten für Informatiker geschaffen werden, glaubt Dräger. So aber bleibe "am Ende für keinen etwas übrig".
Die Fachbereiche sind dem Ansturm nicht gewachsen
"Das ist nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein", kritisiert auch Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) das Sofortprogramm aus Berlin. Zehetmair stellt den Informatikstudiengängen des Freistaats in den nächsten Jahren allein 30 Millionen Mark zusätzlich zur Verfügung. Auch seine hessische Kollegin Ruth Wagner (FDP) hat ein Sonderprogramm aufgelegt, mit dem in den nächsten vier Jahren zusätzliche 25 Millionen in die Informatikausbildung fließen sollen.
Doch auch wenn sich diese Landeshilfen gegenüber dem Sofortprogramm des Kanzlers geradezu großzügig ausnehmen selbst sie reichen längst nicht, um die Misere zu beheben. Denn überall sind die Studiengänge und Fachbereiche bei der Ausbildung in Informationstechnologie (IT) dem kaum noch gewachsen.
An der Fachhochschule Darmstadt etwa studieren derzeit über 1300 angehende Informatiker. Professoren, Computer und Seminarräume gibt es jedoch höchstens für 1000.
"Die Leute sitzen auf den Fensterbänken
Das Gedränge wird immer größer. Im vergangenen Wintersemester fingen 470 Erstsemester an, fast 200 mehr als ein Jahr zuvor. In diesem Herbst werden noch einmal so viele Anfänger erwartet. Vorlesungen und Seminare sind überfüllt, Praktika werden von einem Semester aufs nächste verschoben, die Studienzeiten verlängern sich.
An der benachbarten TU Darmstadt sieht es nicht besser aus. "Unsere informationstechnischen Studiengänge sind schon seit Jahren übervoll", klagt Uni-Präsident Johann-Dietrich Wörner. Schrieben sich 1997 gerade einmal 140 Erstsemester für Informatik ein, waren es zuletzt über 400. "Das ist unzumutbar", weiß inzwischen auch Wissenschaftsministerin Wagner in Wiesbaden. "Die Leute sitzen auf den Fensterbänken, es gibt kein Personal und keine Geräte."
Während die Nachfrage nach Computerspezialisten dank des Internet-Booms noch weiter ansteigen wird, greifen die Hochschulen zu ihrem alten Hausmittel, den Zulassungsbeschränkungen. Den Darmstädtern erlaubt Wagner, zum Wintersemester einen Numerus clausus (NC) für Informatik einzuführen. Den hatten zuletzt nicht nur die beiden Hochschulen, sondern selbst die Studenten von ihr gefordert.
Sergio Vergata, 23, von der Informatikfachschaft der Darmstädter FH geht sogar noch einen Schritt weiter: "Eigentlich dürften im Herbst gar keine neuen Studenten dazukommen."
Auch in Berlin wird im nächsten Semester längst nicht jeder computerbegeisterte Schulabgänger mit dem Informatikstudium beginnen können. Alle drei Berliner Universitäten haben beschlossen, einen NC einzuführen.
"So verspielen wir unsere Zukunft"
"Nur so lässt sich die Qualität der Ausbildung halten", sagt Peter Pepper, Professor an der Technischen Universität. Auch in Stuttgart, Mannheim und München gibt es inzwischen Zulassungsbeschränkungen. Glücklich sind die Professoren mit ihren Notmaßnahmen dennoch nicht. "So verspielen wir unsere Zukunft", warnte kürzlich der Präsident der FH Darmstadt, Christoph Wentzel.
Die Unis sind auf eine kontinuierliche, vorausschauende Bedarfsanalyse der Industrie angewiesen, welche Berufsanfänger in welcher Zahl nötig sind und dann brauchen sie entsprechend aufgestockte Etats statt ständiger Stop-and-go-Programme.
Doch das ist offenbar unmöglich. Den derzeitigen Boom der Informatiker zum Beispiel hat vor fünf Jahren kaum jemand vorausgesehen, als die Fakultäten mangels Nachfrage halb leer waren und allerorten Mitarbeiterstellen gestrichen wurden.
Die spektakulären Aktionen des Kanzlers kommen gerade bei den Studenten schlecht an. Dass Schröder die Green Card für Software-Ingenieure aus Indien propagiert, ausländischen Informatikstudenten aber nach dem Abschluss noch bis vor kurzem die Abschiebung in ihre Heimat drohte, stößt auf Unverständnis.
Die Green-Card-Initiative mache die Lage der Hochschulen nur noch schlimmer. "Das ist nicht nur viel zu kurzsichtig, sondern auch genau die falsche Werbung zur falschen Zeit", wettert der Darmstädter Fachschaftler Vergata: "Nach dem ganzen Gerede wollen doch jetzt nur noch mehr Leute Informatik studieren. Wo sollen die denn hin?"
MARCO FINETTI