Entscheiden EINE GEWISSE ZÄHIGKEIT
Noch immer erzählt Thomas Oppermann, 46, gern von seiner revolutionären Vergangenheit. Angeödet vom Germanistikstudium in Tübingen, fuhr er mit der Friedensorganisation Aktion Sühnezeichen nach Amerika und organisierte dort mit Gewerkschaftern Streiks und Protestmärsche, um einen Tarifvertrag für mexikanische Wanderarbeiter zu erkämpfen.
"Wir bekamen zehn Dollar die Woche, Kost und Logis", erinnert sich Oppermann. Er und andere College-Kids warben Spender und Unterstützer im New Yorker Stadtteil Brooklyn, boykottierten Weinfirmen und Supermärkte, die vom Hungerlohn der mexikanischen Billigarbeiter profitierten. "Am Ende hatten wir 30 000 Landarbeiter unter Vertrag gebracht", erzählt er noch heute stolz, "das hat mich geprägt."
Heute ist vom jugendlichen Revoluzzer immerhin noch die Lust an der Provokation übrig geblieben. Oppermann, seit März 1998 SPD-Wissenschaftsminister in Niedersachsen, liebt spitze Formulierungen. Die Kultusministerkonferenz nennt der Göttinger schon mal "einen verschnarchten Verein", der " in seiner Gesamtheit schwer erträglich" sei. Die Abneigung der eigenen Partei gegen Hochleistungsuniversitäten brandmarkt er als Auswuchs der " Lebenslüge sozialdemokratischer Eltern". Studiengebühren bis zu 2000 Mark pro Jahr möchte der Sozialdemokrat kassieren und "überflüssige" Fachbereiche und Hochschulen zusammenlegen oder einfach nur schließen. Elitestudenten will er fördern, Semesterferien gezielt abschaffen und Schnellstudiengänge einführen.
Zielstrebig zog der Student Oppermann 1978 nach seiner Rückkehr aus den USA auch sein eigenes Studium durch. Er wechselte zu der karrierefördernden Fächerkombination Jura und Politik in Göttingen und stieg nebenbei noch in der Juso-Hochschulgruppe auf. Im Semester und während der Ferien arbeitete er als Maurer auf dem Bau, während seines Examens als Nachtwächter in einer Fabrik. Nach nur neun Semestern war der Jura-Student, Sohn eines Molkereimeisters aus dem Westfälischen, fertig, als erster von 400 Kommilitonen. Was immer Oppermann an den heutigen Unis kritisiert, beruht auch auf den eigenen Hochschulerfahrungen: "Viele Profs waren schlecht vorbereitet, der Apparat war undurchschaubar, die Vorlesungen pädagogisch oft ohne jedes Konzept."
Der Niedersachse ist deshalb ein entschiedener Verfechter der von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn vorgeschlagenen Dienstrechtsreform für Professoren. Statt 10 500 Mark Durchschnittssalär sollen Professoren künftig nur noch 8000 Mark Grundgehalt bekommen. Zulagen sollen sich die Hochschullehrer Stück für Stück erarbeiten müssen: mit dem Einwerben von Drittmitteln, mit anerkannten Publikationen, mit Funktionen im Uni-Apparat und mit guten Noten bei ihren Studenten.
"Reformen an den Unis sind so schwierig wie das Verlegen eines Friedhofes", beginnt einer seiner Lieblingswitze, "es fehlt an der Mitarbeit von unten." Gleichwohl habe sich an den niedersächsischen Unis bereits "allerhand getan". Die Profs hätten "weniger Flausen im Kopf", dafür sei bei den meisten "eine große Nüchternheit" eingetreten.
Für das Ziel, die Hochschulen "fit zu machen für die Zukunft", zieht Oppermann seit zwei Jahren durchs Land. Im Gespräch mit Genossen, Rektoren oder Journalisten wippt er meist unruhig auf der Stuhlkante. Die Ellenbogen dynamisch auf den Tisch gestemmt, referiert der Vater zweier Kinder über die "Verlogenheit der 68er und 78er Generation: Die haben das Leistungsprinzip für sich selbst akzeptiert, sie ackern, um etwas zu erreichen, aber ihren Kindern predigen sie, dass Eliten etwas Unanständiges seien".
Mit Vorträgen dieser Art, das weiß Oppermann, könnte er auf jeder CSU-Versammlung Beifall ernten. "Aber auf SPD-Parteitagen rede ich auch nicht anders", sagt er und schmunzelt wie einer, der Spaß hat an der Provokation.
"Eine gewisse Zähigkeit" zählt Oppermann ohnehin zu seinen Tugenden. Die bewies er besonders Ende 1998, als er in Niedersachsen eine Einschreibgebühr von 100 Mark pro Semester einführte. Das Geld wird seitdem zur Modernisierung von Uni-Gebäuden sowie für den Auf- und Ausbau neuer Studiengänge genutzt.
Die Studenten kämpften gegen die verhasste Sonderzahlung mit Aktionen, wie Oppermann sie aus seinen alten Kampfestagen in Brooklyn bestens kannte: mit monatelangen Boykotts, Streiks und Musterklagen, die den SPD-Minister ein halbes Jahr lang als Rotstift-Rambo attackierten. Erfolg hatten die Studenten freilich nicht, der "Verwaltungskostenbeitrag" von 100 Mark ist bis heute fällig.
Zufrieden lächelnd registriert Oppermann einen Nebeneffekt der Sondergebühr. Rund 10 000 Studenten meldeten sich nicht mehr zum Studium zurück, die meisten davon jenseits der Zehn-Semester-Grenze.
HANS-JÖRG VEHLEWALD