Entscheiden: WUNDER IN DER WEISSEN WELT - DER SPIEGEL
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Entscheiden WUNDER IN DER WEISSEN WELT

An der Humboldt-Uni in Berlin lernen die künftigen Ärzte Praxis und Patienten schon im ersten Semester kennen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im "Trainingszentrum für ärztliche Fertigkeiten", kurz "TÄF" genannt, begegnen sich zwei Welten: die herkömmlichen Strukturen des Medizinstudiums, gut 150 Jahre alt, und der "Reformstudiengang Medizin", sechs Monate jung. Das Ambiente nimmt Rücksicht auf beides. "TÄF" liegt auf dem Gelände der Berliner Charité, einer Klinik, die vor Jahrhunderten als Pesthaus begann, zu Kaisers Zeiten in einen roten Ziegelbau zog und noch immer die Wunden zeigt, die ihr der Zweite Weltkrieg und der Sozialismus schlugen.

Im TÄF herrscht Neuzeit. Für 1,5 Millionen Mark sind die Räume ausstaffiert worden, mit Kipptisch und Spritzenwagen, EKG, Röntgenschaukästen, dem Herz- und dem Lungenmodell, gleich zehn Reanimations-Dummies und anderen Puppen zum Erlernen des Blutabnehmens. Hier treffen die Erstsemester des Reformstudiengangs die älteren Kollegen des Regelstudiums, geprüft in Physikum, dem Ersten und dem Zweiten Ärztlichen Staatsexamen.

Weil in der weißen Welt der Heilkunst der jeweilige Status auch durch die Accessoires signalisiert wird, fiel den älteren Studenten beim ersten Rendezvous fast der Reflexhammer aus der Hand. "Was? Ihr seid erstes Semester und habt schon ein eigenes Stethoskop?"

Nicht nur das. Die 63 Reformstudenten, die im vergangenen Wintersemester in Berlin ihr Studium aufnahmen ­ insgesamt studieren an der Berliner Humboldt-Universität 2400 Medizinstudenten ­, sind auch sonst anders als die anderen:

  • Reformstudenten verbringen den Donnerstagvormittag regelmäßig in der Praxis eines Allgemeinmediziners, sie sind als Praktikant und Helfer bei jeder ärztlichen Verrichtung dabei;
  • sie haben sich im Wintersemester 1999/2000 mit nur drei Problemkreisen beschäftigt: der Bewegung (fünf Wochen), der Ersten Hilfe (eine Woche) und dem "Block Flüssigkeitshaushalt/Herz-Kreislauf" (sechs Wochen).

Noch revolutionärer ist, worauf diese Medizinstudenten der neuen Art alles verzichten: auf die Sektion von Leichen in der Anatomie; auf die "großen" Vorlesungen in den bisherigen Hauptfächern Physiologie und Biochemie; auf die "kleinen" Vorlesungen auch; auf die strikte Trennung von "Vorklinik" ­ in der ein Student vier Semester lang keinen Kranken zu sehen bekommt ­ und "Klinik", die erst, und zwar ganz langsam nach der gefürchteten "Ärztlichen Vorprüfung", dem "Physikum", an leidende Menschen heranführt. Reformstudenten brauchen kein Physikum zu absolvieren, und auch das nicht minder gruselige Erste Ärztliche Staatsexamen ist aus ihrer Studienordnung gestrichen.

"Es war ein wunderbares erstes Semester" sagt Anke Neuwirth, 20, "interessant, voller Herausforderungen." Ihr Kommilitone Johannes Meier, 22, ergänzt: "Vom ersten Tag des Studiums mit Patienten in Kontakt zu sein statt mit Leichen, das ist schon eine faszinierende Reform." Und Alexander Zitt, 23, urteilt nach den ersten sechs Monaten: "Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut aufgehoben gefühlt wie im Reformstudiengang."

Die Bilanz der drei Erstsemester wird von den meisten Mitstudenten bestätigt. Bei den Semesterabschlussprüfungen fielen nur 2 von 63 durch, ein Student bat um eine "Auszeit". Er weiß noch nicht, ob die Heilkunde das richtige Fach für ihn ist.

Die gute Stimmung und der "ganz erstaunliche Lerneifer und Fleiß" seiner Reformstudenten sind auch für Professor Walter Burger, 50, eine Überraschung. Er ist eigentlich Kinderarzt, doch geht ein Großteil seiner Arbeitszeit für den Reformstudiengang drauf. Zehn Jahre hat er an dem Projekt gearbeitet: "Ein paar Mal waren wir zwischendurch schon scheintot" ­ und nun das: Der Reformstudiengang, misstrauisch beäugt von 36 Medizinischen Fakultäten in ganz Deutschland, lebt und gedeiht. Schon bekunden andere Fakultäten Interesse.

Auch aus dem Ausland kommt Beifall. Die radikale Änderung des Medizinstudiums ist kein deutsches Patent. An der amerikanischen Harvard-Universität wird seit Jahren nach den neuen Regeln studiert, auch im niederländischen Maastricht und im schwedischen Linköping. Doch zäh und tief verwurzelt war der Widerstand dagegen, es in den Mauern der altehrwürdigen Charité mit dem neuen Konzept zu versuchen.

Alle, die heute Medizin lehren, haben den gleichen Studienfrust und die gleichen irrationalen Examina hinter sich. Alle haben erst Anatomie gehört und vier Jahre später Nervenlehre ­ im Glücksfall fügte sich das dann zu einem Verständnis von Bewegung. Orthopädie und Kreislaufkenntnisse müssen hinzukommen. Dass man, als Abiturient und "blutiger Laie", schon im ersten Medizinsemester mit einer Kombi-Strategie und Fallbeispielen so komplexen Dingen wie Kniegelenkschmerzen, Ausdauer und Koordination auf die Spur kommen kann ­ wer soll denn das für möglich halten?

"Ein Arzt", sagt Burger, "steht später in der Praxis immer vor drei Fragen: Ist es wichtig? Ist es gefährlich? Ist es dringlich?" Er brauche deshalb ein gutes Allgemeinwissen, müsse aber auch die Grenzen seiner eigenen Kenntnisse respektieren. "Die meisten Studenten wollen etwas lernen, sie sind nicht faul" ­ doch der herkömmliche Studiengang überfrachte den jungen Kopf mit tausenden von Fakten, die eigentlich totes Wissen sind. Auch beim besten Willen könne sich das menschliche Gedächtnis davon nur einen Bruchteil merken. Der Frust der Prüfungen tue das Seine dazu.

Deshalb gilt das herkömmliche Medizinstudium zwar als harte Probe für Gedächtnis, Ehrgeiz, vegetative Stabilität und Sitzfleisch, aber nicht als optimale Ausbildung zu einem "guten Arzt". Den, sagt Burger, "können auch wir nicht garantieren".

Man verbessere nur die Rahmenbedingungen. Deshalb werde "problemorientiert" gelernt, nicht abstrakt. Das erleichtert dem strapazierten Gedächtnis das Behalten. Und es wird über die "Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns" nicht doziert, sondern gemeinsam diskutiert.

Die Reformstudierenden bilden Gruppen von jeweils sieben Studenten. Die bleiben zwei Semester beieinander. Das Prinzip bewährt sich offenbar: "In der Gruppe sind wir unschlagbar", behauptet stud. med. Zitt, "na ja, jedenfalls beinahe." Der eine weiß über Physik Bescheid, der andere über Chemie; manche können perfekt Englisch und via "Medline" aus dem Internet die allerneuesten Neuigkeiten heranschaffen. Anke Neuwirth hat mit ihrem praktischen Arzt nicht nur gemeinsam Hausbesuche gemacht, sie durfte ihn auch während seines Nachtdienstes begleiten.

Die engen, unübersichtlichen, aber so schrecklich wichtigen Beziehungen zwischen Medizin und Geld lernen Reformstudenten schon gleich in der Praxis kennen. Schön deutlich, selten neutral, klären die Ärzte ihre Famuli über Krankenkassen, Sozialrecht und Reformbedarf auf. Man lernt also schon im ersten Semester, wie man die "Pharmareferenten" empfängt (oder abwimmelt), dass "teuer" kein Synonym für "besonders gut" ist, jedenfalls nicht bei Medikamenten, und dass eine Kur oft gerade von jenen Patienten gewünscht wird, die sie eigentlich nicht brauchen.

Im zweiten Semester, das gegenwärtig läuft, müssen sich die Gruppen jeweils an einen neuen Dozenten gewöhnen. Die rotieren aus dem gleichen Grund, der auch für die geplante Auflösung der Siebener-Gruppen am Ende des Sommersemesters gilt: Man will keine Kuschelecken, keine sentimentale "beschützte Werkstatt" entstehen lassen. Die Reformstudenten sollen dem wirklichen Leben gewachsen sein.

Daran, so sagen die Kritiker des Berliner Modells, werde es mangeln. In der Hauptstadt, so die etwas hämische Prognose, werden sich "Barfußärzte" sammeln, "Professorenkinder, die in Naturheilkunde ausgebildet" werden. Für diese Befürchtungen gibt es bisher nicht den kleinsten Hinweis. Burger und seine Professorenkollegen stehen fest auf dem Boden der Naturwissenschaften ­ nur wollen sie, was man ihnen nicht verdenken kann, "die wissenschaftliche Basis erweitern und hinterfragen". Ebenso wichtig sei es, "Kompetenzen in der Kommunikation" zu erwerben, schließlich ist Arzt-Sein ja ein sprechender Beruf.

Damit aber am Ende nicht etwa, wie an einer Berliner Universität nahe liegt, weißbekittelte "Diskussionswissenschaftler" die Hohe Schule verlassen, werden die Kenntnisse und Fertigkeiten der Reformstudenten durch unabhängige Experten alle Jahre wieder evaluiert. Die Zweite Ärztliche Prüfung ­ ein Superhorror von "Multiple Choice", vier Tage lang ­ müssen, so sieht es die Prüfungsordnung vor, beide Studentengruppen gemeinsam absolvieren.

Spätestens dann, also in gut vier Jahren, wird sich erweisen, ob und wie der gepfropfte Kopf das Gespeicherte parat hat. Das selbstbestimmte Lernen der Reformstudenten hat jetzt schon einige altgediente Uni-Menschen verblüfft. "Was ist denn bei Ihnen los?", fragten die Bibliothekarinnen den Hochschullehrer Burger. "Die Studenten drängeln sich in unseren Lesesälen, als gäbe es da etwas geschenkt."

Die wissbegierigen Reformmediziner dürfen dennoch auch mal den Mut zur Lücke beweisen. Beim so genannten Progresstest, der die Fortschritte des Lernens kontinuierlich während des ganzen Studiums misst, gibt es nämlich eine Antwort-Möglichkeit, die herkömmliche Tests gar nicht kennen. Der Student kann, statt zu raten, wahrheitsgemäß ankreuzen: "Weiß nicht."

HANS HALTER