Erasmus-Typologie: Der Anpasser - DER SPIEGEL
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Erasmus-Typologie Der Anpasser

Was sind das nur für Menschen, diese Erasmus-Studenten? Philipp Braun kennt sie alle - und keiner kommt schneller zurecht als der Anpasser, der sich in Windeseile die Sitten des Gastlandes zu Eigen macht und für deutsche Touristen fremdschämt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist Oktober, Semesterbeginn. Und wieder machen sich zahlreiche deutsche Studenten auf, um ihr Glück im Ausland zu suchen. Die einen setzen sich in Straßencafés, um zu dichten und zu denken. Die anderen liefern sich leidenschaftliche Trinkspiele und Raufereien mit ihren englischen Kommilitonen. Die ganze Wahrheit über deutsche Erasmusstudenten - heute ...

Der Anpasser

Er verbrüdert sich bereits nach wenigen Wochen mit seinen neuen Landesmitbewohnern. Er übernimmt bereitwillig Traditionen, Kleidungsstile sowie Ess- und Schlafgewohnheiten der Einheimischen.

Unbewusst, aber zweifellos gekonnt überzeichnet er dabei jedes bekannte Klischee. In seiner Freizeit (also ein Erasmusjahr lang) widmet er sich hingebungsvoll der Analyse des Stehverhaltens der Einheimischen in Bars, um sein eigenes Stehvermögen zu renovieren. Oder er analysiert neugierig Gesichtsausdrücke seiner Mitmenschen beim Gemüse- oder Zeitungskauf, um sie ab sofort in sein Mimikrepertoire aufzunehmen. Im Restaurant bestellt er begeistert Gerichte, die am Nebentisch verspeist werden, auch wenn er sie schon als Kind nicht leiden konnte.

Neben seinem Studium kellnert er in einem gut besuchten Cafe und schämt sich täglich für seine Heimatlandsleute, die in bestenfalls erbrochenem Italienisch/Spanisch/Französisch den falschen Kaffee auswählen und bestellen, um dann den eigentlich gewünschten zu bekommen. Deutsche Touristen, die nach dem Weg fragen, schickt er genussvoll in die falsche Richtung.

Zurückkehren? Niemals!

Je nach seinem erasmusspezifischen Aufenthaltsort tanzt er schon nach kurzer Zeit mit seinen Mitbewohnern baskische Volkstänze, singt slawische Volksweisen oder backt französische Crêpes. Überall schneidet er sich ungefragt eine Scheibe ab, ohne auch nur einmal höflich nach dem Messer zu fragen.

Am Ende des Jahres sieht er ein, dass sein Erasmusjahr eigentlich nur der Beginn eines Auswanderjahrzehnts war - denn er kehrt niemals in sein Heimatland zurück. Was aus ihm wird? Entweder ein weltgewandter (und ebenso kulturbeflissener) freier Journalist. Oder ein kulturbeflissener (und ebenso weltgewandter) Straßenmusiker. Und wenn er nicht gestorben ist, dann spielt er noch heute in seiner Ein-Mann-Combo die erste und einzige Geige.