Erasmus-Typologie Der Durchmogler
Es ist Oktober, Semesterbeginn. Und wieder machen sich zahlreiche deutsche Studenten auf, um ihr Glück im Ausland zu suchen. Die einen setzen sich in Straßencafes, um zu dichten und zu denken. Die anderen liefern sich leidenschaftliche Trinkspiele und Raufereien mit ihren englischen Kommilitonen. Die ganze Wahrheit über deutsche Erasmusstudenten - heute...
Der Durchmogler
Durch eine ausgeklügelte Klageschrift hat er in letzter Sekunde noch seinen Erasmusplatz bekommen. Nicht nur weil sein Vater Anwalt ist, sondern auch, weil zu seinen eigenen Hobbys neben sporadischer Schwarzfahrt und gelegentlicher Schwarzarbeit das Verfassen von Beschwerdebriefen für Freunde und Bekannte zählt. Diesmal greift er in eigener Sache zum Stift und hat prompt Erfolg.
Der Durchmogler sieht das Auslandsjahr als genussvolle Auszeit, gewissermaßen als Aussteigen auf Zeit. Als moderner Robinson Crusoe verzichtet er auf die Schiffskatastrophe, nimmt stattdessen den Billigflieger und findet in der Fremde schnell einen guten Freund namens Freitag, an dem er generell ausschläft oder gar nicht zur Uni geht. Seine anderen Freunde heißen Montag bis Donnerstag. Da geht er nur bei schlechtem Wetter in die Uni, stellt sich bei Professoren als Erasmus-Student vor, lächelt sie während der Vorlesungen an und erkundigt sich bei ihnen nach Themen für Referate, die er nie halten wird.
Lieber schlendert er stattdessen durch die Stadt oder trifft sich mit den Bekanntschaften des Wochenendes, das sowieso sein Freund ist. Er genießt das Leben, erkundet Cafés, unternimmt Exkursionen und kennt viele Geheimtipps, die den immer ausgeschlafenen Lebenskünstler für Beobachter noch interessanter machen.
Schön, wenn man Freunde hat
Nur vor den Prüfungen verfällt er plötzlich in Hektik: Er versucht allerlei Studenten zu konsultieren. Er kopiert Skripte und Mitschriften, die er nicht versteht. Er schwitzt. Er verbringt ganze Vormittage im Erasmus-Büro, um sich das Prüfungs-Prozedere haarklein erklären zu lassen. Er schwitzt erneut.
Unter der Dusche versteht er endlich, dass er auch für bloßes Erscheinen in seinen Kursen so genannte Credit Points bekommt. Den Rest erledigen seine Freunde im Erasmusbüro, die ihm die nötigen Unterschriften besorgen.
In der Prüfungszeit bereist er dann zufrieden das Land, während sich die anderen Austauschstudenten mit ihren Wörterbüchern entnervt über Fachtexte unterhalten. Mag auch sein spezifischer Wortschatz im Studienfach nicht sonderlich gewachsen sein, ist er dennoch derjenige, der die gesprochene Sprache der Straße wirklich beherrscht. Durch seine vielen Affären, zwanglosen Verabredungen und Urlaubsbekanntschaften fährt er zwar nicht mit der jeweiligen Hochsprache im Handgepäck nach Hause, aber mit diversen Adressen von EU-Bürgern/-innen aller Art (auch Nicht-EU-Bürger/-innen sollen dabei gewesen sein).