Erasmus-Typologie: Der Einmarschierer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Erasmus-Typologie Der Einmarschierer

Diese Erasmus-Studenten sind ein Volk für sich. Philipp Braun kennt sie alle. Da ist zum Beispiel der Austauschstudent, der partout nicht deutsch wirken möchte und doch so typisch deutsch ist - hinter seinem Rücken nennen die Kommilitonen ihn "Wurstfresser".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist Oktober, Semesterbeginn. Und wieder machen sich zahlreiche deutsche Studenten auf, um ihr Glück im Ausland zu suchen. Die einen setzen sich in Straßencafes, um zu dichten und zu denken. Die anderen liefern sich leidenschaftliche Trinkspiele und Raufereien mit ihren englischen Kommilitonen. Die ganze Wahrheit über deutsche Erasmusstudenten - heute...

Der Einmarschierer

Er sieht sich als den besseren Deutschen, als wirklich würdigen Vertreter seines Heimatlandes, ganz weit entfernt von rechtem Gedankengut. Also verurteilt er bei jeder Gelegenheit die Schandtaten der Nazis und entschuldigt sich nach drei Gläsern Rotwein schluchzend auch bei allen Austauschstudenten, an deren Ländern Hitlers Panzer nur vorbeifuhren. Zur Lektüre empfiehlt er "Die Blechtrommel" von Günther Grass.

Sein tägliches Streben ist das Anerkennen auch der weniger schönen ausländischen Gepflogenheiten (Langsamkeit, Unpünktlichkeit, Schmutz) und der Serviceoasen, die er aus Deutschland so nicht kennt und die ihn hochgradig verwirren.

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei

Daher hat er noch nach sechs Monaten im Gastland Probleme, sich von einem Gleichaltrigen im Supermarkt die Einkäufe einpacken zu lassen. Bereitwillig zieht er Nummern in Metzgereien oder in Supermärkten, auch wenn keiner vor ihm in der Schlange steht und wenn die Bedienung ihm freundlich zuzwinkert.

Abends weint er manchmal im Bett, weil er in der ganzen Stadt weder Schwarzbrot noch Presssack bekommt. Auch auf Brezn und Weißbier kann er einfach nicht verzichten. Ein ganzes Jahr lang sucht er heimlich das, was ihm daheim immer missfallen hat - die deutsche Mentalität.

Den meisten anderen geht er bald gehörig auf die Nerven. Hinter seinem Rücken nennen sie ihn liebevoll "Wurstfresser", "Einmarschierer" oder "Serviceoase" (gerne veranstaltet er Deutschkurse für Erasmus-Studenten aus aller Welt).

Für große Begeisterung bei seinen Zuhörern sorgt er am letzten Abend, als er auswendig in sämtlichen Landessprachen "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!" vorsingt und ein Wiedersehen auf dem Oktoberfest vorschlägt.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel