Fehlstart an der Uni Vom Computer ausgebremst
Entzündet hat sich der Protest am "Campus Management", einer Software, mit der künftig alle Informationen der Studenten elektronisch verarbeitet werden sollen. Die FU Berlin ist die erste große Universität in Deutschland, die eine derart umfassende IT-Lösung einführt - alles neu, alles moderner und besser, versprach die Uni.
Zu Semesterbeginn sollte sich ein Großteil der knapp 4000 Studenten in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen online für Vorlesungen und Prüfungen . "In weiteren Ausbaustufen wird das Campus Management System zur vollständigen Unterstützung des 'Student Life Cycle' von der Bewerbung bis hin zur Alumnibetreuung bereitgestellt", heißt es auf der Uni-Webseite.
Doch dahin ist es noch ein weiter Weg - und nicht alle Studenten wollen ihn mitgehen, einige streiken diese Woche gar. Die Probleme begannen bereits, bevor das System startete. "Ich bin da gar nicht reingekommen, man hat mir dann gesagt, ich brauche irgendein spezielles Programm", erzählt Claudia Meyerhoff. Die Biologiestudentin hat nach eigenem Bekunden von Computern keine Ahnung.
Griechisch-Module für Biologen
Doch auch technisch versiertere Kommilitonen berichten von Pannen auf dem "eCampus". Alina Toben studiert ebenfalls Biologie, "mir wurden aber Seminare in Physik und Griechisch angeboten". Toben konnte zwar die richtigen Module wählen, "doch irgendwas hat nicht geklappt, am Ende mussten wir uns alle wieder in Listen eintragen".
Eigentlich wollte die Freie Universität mit dem neuen System den Papierkrieg entschärfen. Der Verwaltungsaufwand ist mit den neuen Studiengängen erheblich gestiegen, viele Veranstaltungen gelten als Teilprüfungen. "Der Prüfungsaufwand hat sich verdreißigfacht", erklärt FU-Vizepräsident Werner Väth, "das ist mit Hand und Papier nicht mehr zu regeln."
Während viele andere Hochschulen noch wie selbstverwaltete Betriebe der siebziger Jahre arbeiten, setzte die FU auf in Unternehmen übliche Programme, um die Datenlawine in den Griff zu bekommen. Sie hat das Campus Management im Rekordtempo von neun Monaten implementiert, Universitäten in Belgien und der Schweiz ließen sich für die Einführung der SAP-Software mindestens ein Jahr Zeit.
Die größten Probleme meldet der Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften. "Mir hat der Computer automatisch drei zusätzliche Seminare zugewiesen", erzählt Politikstudent Martin Eckermann. Die Veranstaltungen hatte er im letzten Jahr bereits absolviert, doch die Daten sind noch nicht im System. Allerdings konnte man sich beim Campus Management für einzelne Seminare nicht wieder . Dazu mussten Eckermann und etwa 500 andere Politikstudenten ein Formular ausfüllen und im Prüfungsbüro abgeben, wo man bis heute mit der Bearbeitung der Anträge beschäftigt ist.
Software sperrt überfüllte Vorlesungen
"Wir haben mehr Aufwand anstatt mehr Service", schimpft Jenny Simon. Doch die Kritik der hochschulpolitischen Referentin des Asta geht weiter. Campus Management soll nämlich auch das Problem überfüllter Veranstaltungen lösen: Es lässt nur so viele Studenten zu, wie die Kapazitätsbeschränkung vorgibt. "Man kann nicht mehr nach eigenen Interessen studieren", kritisiert Simon. "Die Universität wird total entmenschlicht. Früher konnte man mit Professoren reden und größere Räume suchen, heute entscheidet das System."
Verärgert sind Studenten und Dozenten auch über die verkürzten Abgabefristen. Binnen zwei bis vier Wochen sollen künftig sämtliche Klausuren und Hausarbeiten eingereicht werden. Campus Management überwacht die Einhaltung der Fristen und kann auf fehlende Leistungen mit "zeitgesteuerten Maluspunkten" reagieren.
Die Freie Universität ging inzwischen auf die Protestler ein. Unmittelbar nach der Streikankündigung verschickte FU-Präsident Dieter Lenzen einen Brief an die Studenten und kündigte darin an, dass die Abgabefristen flexibilisiert werden und die Regelung zu Malus-Punkten vorläufig ausgesetzt wird.
Auch Lenzens Stellvertreter zeigt Verständnis für die Streikenden. Die momentanen Probleme mit dem Campus Management bezeichnet Werner Väth als "Kinderkrankheiten" und "Programmierfehler". Es sei "nicht die Software, es sind die Regeln, über die wir diskutieren müssen", sagt Väth. "Campus Management ist nur der Brennspiegel, der die Probleme mit dem Bachelor sichtbar macht."
Auf dem Weg zur Campus-Maut
Ein gravierendes Problem sei die Arbeitsbelastung der Bachelor-Studenten. Manche Naturwissenschaftler müssten 18 Stunden pro Tag studieren, um die Anforderungen zu schaffen. Nebenbei zu jobben sei kaum möglich. "In einigen Fächern können die Anforderungen wohl so nicht bestehen bleiben", so Väth. "Doch das ist eine der größten Studienreformen der letzten 40 Jahre, und wir sind noch in der Testphase."
Der Protest der Studenten, die am Dienstag vorübergehend das FU-Präsidium besetzten, richtet sich auch gegen Studiengebühren. Die stehen zwar in Berlin mindestens bis zur Wahl des Abgeordnetenhauses im Jahr 2006 nicht auf dem Plan, doch Campus Management erinnert nicht nur wegen der technischen Probleme an die Autobahn-Maut.
Die Software bietet auch alle Funktionen zur Erhebung einer künftigen Campus-Maut. "Mit SAP Biller Direct können sie offene Posten direkt online bezahlen", wirbt der Hersteller. Säumige Zahler können gesperrt werden. "Das System erinnert an einen Online-Shop, wo man einzelne Bildungsmodule kaufen kann", sagt Politikstudent Eckermann - "es fehlt nur noch das Symbol für den Warenkorb".