Forschen: EIN SINNLICHER HERZMENSCH - DER SPIEGEL
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Forschen EIN SINNLICHER HERZMENSCH

An einer Hightech-Puppe, die 27 Herzkrankheiten simuliert, lernen Essener Medizinstudenten mehr als an lebendigen Patienten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Herr aus Miami, da sind sich die Essener Medizinstudenten einig, ist der ideale Patient. Acht Hände dürfen gleichzeitig seinen gebräunten Körper abtasten. Zwei fühlen am Arm den Puls, zwei suchen die Halsschlagader, vier fingern auf dem Brustkorb herum.

Extrem geduldig sei dieser Kranke mit dem Schwimmerkreuz, lobt Kathrin Engeln, 23, die "schnell noch mal den Herzspitzenstoß" kontrolliert. Und das Beste: "Er redet nie dazwischen."

Denn Harvey Cardialis, gezeugt von Michael S. Gordon, Direktor des Forschungscenters für Medizinische Ausbildung an der University of Miami School of Medicine, ist eine Puppe. Allerdings eine ganz besondere: 27 Herzerkrankungen simuliert der nach Gordons Lehrer Proctor Harvey benannte Kunst-Patient auf Knopfdruck, inklusive der typischen Pulsfrequenzen, Brustkorbbewegungen und Herzgeräusche. Seit diesem Semester ist der an deutschen Universitäten erste "Herzmensch Harvey" in Essen im Einsatz. Ein "phantastisches Instrument zur Verbesserung der Lehre im Fach Medizin", schwärmt Professor Raimund Erbel, 52, Leiter der Kardiologie der Uniklinik Essen .

Sechs Jahre lang hat der Professor ("Studenten in Deutschland lernen viel zu wenig vom Handwerk der Diagnose") Anträge geschrieben, damit die 200 000 Mark teure Puppe angeschafft werden konnte ­ samt englischsprachigem Lernprogramm auf CD und 60 Kopfhörern zur Übertragung der Herz- und Atemgeräusche an jeden einzelnen Studenten. Rund 150 000 Mark gab schließlich das Düsseldorfer Wissenschaftsministerium, den Rest die Universität.

Harvey, der aussieht wie eine Schaufensterpuppe mit amputierten Beinen, ist auf einem 1,80 Meter langen Krankenbett festgeschraubt. Der Bettkasten verbirgt die Mechanik, Hydraulik und Elektronik, die Brustkorb- und Pulsbewegungen simulieren. Aus einem silbernen Blechkasten unter dem Kopfende dringen die dazugehörigen Herz- und Atemgeräusche. Bei der Diagnose helfen zusätzlich weitere Daten wie EKG-Befund, Röntgenaufnahmen und Laborwerte des Kunst-Patienten, die per CD eingespielt werden können.

Ein "langer Weg der Überzeugungsarbeit" war es, räumt Erbel ein, bis endlich das Geld lockergemacht worden sei, "obwohl hier zu Lande doch jeder über die Qualität der Lehre jammert". An amerikanischen Universitäten wird bereits seit 1978 mit Harvey und seinen Vorläufer-Modellen gearbeitet. Erbel lernte den Patienten-Simulator vor zehn Jahren in Mainz kennen. Eine Firma hatte das Ding zu Demonstrationszwecken für zwei Tage dort aufgebaut. "Seitdem träume ich von einem eigenen Harvey", sagt Erbel.

Im Ernstfall die richtige Diagnose stellen

Der "Herzmensch" soll echte Patienten nicht ersetzen, aber in Zeiten hoher Studentenzahlen "den Patientenkontakt effizienter machen", wie Erbels Assistent Frank Heinzel, 28, erläutert. Studenten können erst mal an Harvey üben ­ und müssen nicht in Großgruppen zu Schwerkranken pilgern.

Am Ideal-Patienten Harvey lernen sie jeweils alle denkbaren Symptome einer Herzerkrankung kennen. Mit diesem Kombinationswissen, so Heinzel, sei es einfacher, im Ernstfall die richtige Diagnose zu stellen ­ auch wenn ein echter Patient vielleicht nur ein oder zwei der "Harvey"-Merkmale zeigt.

Der Arzt im Praktikum weiß, wovon er spricht. Sein letztes Studienjahr verbrachte er an der University of Illinois in Chicago ­ und übte pro Woche fünfeinhalb Stunden an einem Harvey-Exemplar: je eine Stunde mit einem Professor, zwei mit einem Assistenten und zweieinhalb Pflichtstunden allein ­ paradiesische Verhältnisse.

So viel Zeit werden die 1740 Medizinstudenten in Essen mit Harvey wohl nicht verbringen können: Schon beim ersten Kennenlernkurs gab es mehr Interessenten als Seminarplätze. Heinzel ("Ich möchte meine tollen Erfahrungen an möglichst viele weitergeben") will jetzt dazu beitragen, dass in diesem Semester zumindest rund 150 Essener Studenten in Tutorien und Kursen den Patienten-Simulator kennen lernen. Als Fernziel möchten Erbel und er erreichen, dass jeder Medizinabsolvent der Uni Essen mindestens einen Übungskurs mit Harvey macht.

"Das klingt wie eine Art Tack-Ti-Dumm"

Denn um ein guter Mediziner zu werden, meint Erbel, genüge es nicht, Antworten zu Multiple-Choice-Fragen auswendig zu lernen. Selbst Examenskandidaten seien oft "die einfachsten Tricks klinischer Untersuchungen" nicht bekannt, weil die Praxis im Studium zu kurz komme: "Die haben richtig Angst, wenn sie dann nach den Prüfungen vor einem Patienten stehen."

Bekommen künftige Mediziner mit Hilfe von Harvey mehr Praxiserfahrung, meint Erbel, sei das auf Dauer sogar kostensparend. Manche teure Herzkatheter-Untersuchung lasse sich durch präzise Diagnose vermeiden, so der Professor. Denn den Grund für ständig steigende technische Untersuchungskosten sieht er vor allem in "der Unsicherheit der Ärzte".

Mehr Sicherheit und mehr Spaß an der Diagnose ­ das soll Harvey nun die Essener Studenten lehren. Aha-Erlebnisse will Erbel mit Hilfe des Medizin-Mannes vermitteln: "Die Studenten sollen nach Hause gehen und sagen: Wow, ich habe heute zum ersten Mal ein systolisches Herzgeräusch gehört." Solche sinnlichen Erfahrungen, sagt Erbel, der in Köln und Düsseldorf "bei tollen Lehrern" studierte, machten das Studium erst spannend ­ "und helfen über viele Stunden am Schreibtisch hinweg".

So viel Euphorie muss ansteckend wirken. Ehrfurchtsvoll (Erbel: "Sie sind gewissermaßen Auserwählte") packen die ersten 60 Essener Medizinstudenten bei der Harvey-Premiere Mitte April die fabrikneuen Kopfhörer aus. "Klingt extrem echt", stellt Bernd Brinker, 27, fest, als zum ersten Mal Harveys Puls, per Infrarot-Signal übertragen, durch die Hörer pocht.

Im Frage-Antwort-Spiel wird sogleich der erste praktische Fall gelöst. Auf einer Zahlentastatur wie beim Taschenrechner gibt Erbel einen Code ein, Harveys Innenleben rattert ein wenig ­ und dann beginnt die Puppe mit vibrierendem Brustkorb zu atmen. Harvey spielt einen 16-jährigen Patienten, der mit "akuten Schmerzen auf der linken Brustseite" (Erbel) in die Notaufnahme einer Klinik kommt.

Was tun, um festzustellen, ob der junge Patient einen Herzinfarkt hatte? Nach und nach werden die Diagnose-Schritte geübt: Blutdruck messen ("120 zu 70, wirkt normal"), mit einem zitternden Wattestäbchen an der Halsschlagader den Arterien-Puls prüfen, Venen-Puls abschätzen und schließlich Herztöne abhören.

Wer nicht selbst vorn an Harveys Krankenbett mituntersucht, hört zumindest per Kopfhörer alle Geräusche. "Klingt wie eine Art 'Tack-Ti-Dumm'", murmelt eine Studentin, die andächtig lauscht ­ und nun versteht, was Erbel mit dem "physiologisch gespaltenen zweiten Herzton" meint. Schließlich wird gemeinsam die Diagnose gestellt: alles in Ordnung, Patient gesund.

Diesmal war's noch Fehlalarm. Doch noch in diesem Semester sollen die Studenten bei Harvey alle gängigen Herzerkrankungen sehen, tasten und hören. Zum Beispiel die Aortenstenose, Einengung der Aorta: Kaum ist der passende Zahlen-Code eingegeben, sinkt Harveys Blutdruck auf 100 zu 80. Ein merkwürdig an- und abschwellendes Geräusch dringt aus seinem Brustkorb, am lautesten über der Aortenklappe. Der Herzspitzenstoß, die Kraft, mit der das Herz gegen die Außenwand hämmert, wird stärker. Und jeder, der mag, darf den "Schwerkranken" dabei anfassen.

Seine schlanke Figur entzückt die Studentin

Trotz kleinerer technischer Pannen ­ mal wird der Puls nicht wunschgemäß schwächer, ein anderes Mal mag das Computerprogramm die passende Grafik nicht ausspucken ­ zeigten sich die Premierengäste an der Essener Uni beeindruckt.

Simin Omidi, 23, im 4. Klinischen Semester, ist begeistert, wie einfach sich bei Harvey der Puls fühlen lässt: "Ich hoffe, dass ich das nächste Mal bei einem echten Patienten sicherer bin." Kathrin Engeln, die schon Harveys Schweigsamkeit bewunderte, entzückt auch dessen schlanke Figur: "Da muss man sich nicht wie bei anderen Patienten durch zentimeterdickes Fett tasten." Dorothee Schönfeld, 24, will wie die meisten Studenten den Harvey-Kurs unbedingt fortsetzen, obwohl er nicht zum Pflichtprogramm gehört: "Er ist ein totaler Gewinn in Sachen Praxisbezug der Lehre."

Assistent Frank Heinzel weiß allerdings, dass ­ Praxis hin, Praxis her ­ selbst der Kunstmensch Harvey nicht alle studentischen Übungsgelüste mitmacht. Während er die Silikonhaut des Mannes aus Florida vorsichtig von den Fingerabdrücken der ersten Test-Taster befreit, weist er auf ein kleines Metallschild am Bett des Patienten hin: "Do not give CPR", steht da.

"Bitte nicht reanimieren", übersetzt Heinzel die Medizinersprache: "Das verträgt Harvey leider gar nicht."

ANDREA STUPPE