Fotodesign Doppelbild mit Damen
Die eine jobbte beim Porträtfotografen in einer niederbayerischen Kleinstadt; zupfte an Brautpaaren und Kommunionskindern herum, rollte die Jalousie mit Palmen und Sonnenuntergang herunter für verschämte Aktstudien, die ihr Chef betrieb. Nach Feierabend stand sie in der Dunkelkammer und entwickelte eigene Fotos für ihre Bewerbungsmappe. "Langsam begriff ich", sagt sie heute, "Fotografie ist mein Ding."
Die andere war Stammgast im Schlachthof von Wuppertal. Morgens um vier fotografierte sie ausblutende Schweinehälften am Fleischerhaken und kombinierte die Bilder mit Fotos von rosafarbener Miederware aus dem Orthopädie-Fachgeschäft. "Damals dachte ich, das sei Kunst", sagt sie heute.
Zum ersten Mal begegneten sich Anna Meyer-Kahlen, 31, und Florence Schäfer, 28, vor fünf Jahren. Beide hatten nach Umwegen über ein Jura- und Romanistikstudium die Aufnahmeprüfung der Fachhochschule Dortmund für das Fach Fotodesign bestanden.
Weil Florence ein langhaariges Model für eine Arbeit in der Fotoklasse suchte, sprach sie Anna an. Die war sofort dabei. Seitdem sind die beiden Kommilitoninnen beste Freundinnen und Kolleginnen im erfolgreichen Zweierteam.
Jeden Morgen um neun treffen sich die Fotografinnen in Annas Düsseldorfer Dachwohnung. Jeden Morgen es sei denn, sie müssen an die Uni. Zum Aufwärmen blättern sie sich durch die Fotostrecken der Hochglanz-Magazine "Wallpaper", "Self Service", "Dutch" oder "Surface", besprechen neue Aufträge, tippen Kostenvoranschläge und Rechnungen. "Wir haben uns gefunden, machen jeden Auftrag und jedes Seminar zusammen. Vier Augen sehen besser als zwei."
"Die letzten Monate waren ein einziger Höhepunkt"
Seit knapp einem Jahr sind Anna und Florence gut im Geschäft, mit einer Menge Veröffentlichungen in angesehenen Zeitschriften und hochbezahlten Werbejobs. "Die letzten Monate waren ein einziger Höhepunkt", sagt Anna. Das Studium allein reicht ihnen nicht, sie platzen vor "verrückten Ideen" und wollen gewappnet sein für später, für die Zeit nach dem Diplom. "Am liebsten arbeiten wir an freien Projekten. Um die zu finanzieren, müssen wir kommerzielle Jobs in der Werbebranche an Land ziehen." Ein gut dotierter Auftrag pro Monat reiche ihnen schon, meist aber sind es mehr. Studios mieten, Models casten, mehrtägige Fotoshootings für Anna und Florence ist bereits gut ein Jahr vor dem Diplom Alltag, was für viele Mit-Studenten selbst nach dem Abschluss ein Traum bleibt.
Den Durchbruch schafften die beiden ausgerechnet mit dem muffigen Thema "Gesundheit", einem Projekt ihrer Professorin Caroline Dlugos mit der Uni Essen und der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Ihre Bilder von physiotherapeutischen Hilfsmitteln nannten sie "Hausapotheke". Auf ihnen sind ernst blickende Menschen zu sehen, die Stützkorsett, Gesundheits-BH und Lungenvolumenmessgerät tragen, als wären es coole Accessoires. Aseptisch wirkt das auf den ersten Blick und technisch perfekt. Auf den zweiten zeigt sich die verschmitzte Handschrift des Frauenduos.
Als beide Anfang vergangenen Jahres den bekannten Fotografen und Kurator F. C. Gundlach auf einem Empfang sahen, schnippte Anna ihrer Freundin die Zigarette aus der Hand, zerrte sie mit sich, und beide hielten Gundlach ihre Arbeiten unter die Nase. Der Profi war beeindruckt und schlug vor, "Hausapotheke" beim renommierten Reinhart-Wolf-Preis für Nachwuchsfotografen einzureichen. Auf Anhieb gewannen die Studentinnen den mit 10.000 Mark dotierten ersten Preis. Daraufhin meldeten sich "Allegra", "Zeit", "SZ Magazin", SPIEGEL und große Werbeagenturen wie Jung von Matt.
"Wir mögen skurrile Menschen und haben ein Faible für Laien", sagen Anna und Florence, die sich und ihre Familien am liebsten selbst fotografieren und bis heute gemeinsam durch den Sucher schauen. "Weil wir keine Einzelkämpferinnen sind, sondern totale Labertaschen, die bei der Arbeit auch mal lachen wollen, bleiben wir ein Team, komme, was wolle."
Die Zukunft des Duos könnte gesichert sein: Die ersten Arbeiten sind veröffentlicht, das erste Geld steckt in der neuen Profi-Ausrüstung. Aber noch sind sie froh, beides zu haben: den eigenen Erfolg und den Halt an der Uni. "Profs und Kommilitonen unterstützen unsere Arbeit, müssen wir uns aber immer noch, wenn wir mal wieder fehlen."
So wie neulich. Da unterbrachen Anna und Florence ihre Diplomvorbereitungen und inszenierten sich wieder selbst. Als Puppen, aufgenommen aus der Vogelperspektive. Auf dem schwarz-weißen Boden in der Küche von Annas Mutter räkeln sie sich als Vamps mit rot geschminkten Lippen und toupierten Mähnen. Kindlich, weiblich, ironisch: "Wir können in jede Rolle schlüpfen."
FIONA EHLERS