Vater werden in Peru: ¡Hola, Gringo!
Geburt eines Gringos Luke, ich bin dein Vater
Karenns Periode ist seit ein paar Tagen überfällig, und sie hat dieses Gefühl. Bedeutet gar nichts, rede ich mir ein. Es ist Ende Januar. Als sich am Schwangerschaftstest der zweite Streifen bildet, muss ich mir etwas neues einfallen lassen. "Sowieso nicht zuverlässig, diese Tests", behaupte ich.
"Von wegen", sagt der Arzt. Und: "Herzlichen Glückwunsch!" Ich sage nichts, denn jedes Wort bleibt mir im Hals stecken.
Mit 24 Jahren sollte ich Vater werden, mitten im Studium, kurz vor der Zwischenprüfung in Philosophie. Umgeben von Leuten, die eher eine Reise zum Mond unternehmen würden, als Kinder in die Welt zu setzen. In einem Land, das Elterngeld zahlt, damit überhaupt noch jemand Nachwuchs zeugt.
Trotzdem war klar: Irgendwie schaffen wir das. Unsere Beziehung war abgehärtet durch zwei Jahre Nahkampf in der gemeinsamen Wohnung, und das Geld, wussten wir, wird schon reichen.
"Gleich betäuben wir dich"
Im siebten Monat fährt Karenn mit dem Bauchumfang eines Bierwirts zum Flughafen und meldet sich für Flug LH 534, Endstation Lima, Peru. Ihre Heimat. Weil sie seit drei Jahren in Deutschland wohnt, sollen ihre Eltern wenigstens die Geburt erleben - in der Stadt, in der wir vor vier Jahren in die Liebe stolperten, ich Praktikant, sie Sprachtherapeutin an der gleichen Schule.
Am 7. September passiert es. "Die Fruchtblase ist geplatzt", ruft Karenn und zeigt auf die Pfütze im Bett, im Zimmer riecht es nach Blut. Vor der Tür wartet das einzige Taxi, das sich um zwei Uhr nachts finden lässt: ein alter Kombi, nicht besser gefedert als ein Kinderfahrrad, jede Bodenwelle fühlt sich an wie ein Sturz vom Dreimeterbrett. Dann - endlich! - kommen vor dem Krankenhaus Ärzte angerannt, einer wartet mit dem Rollstuhl vor der Einfahrt.
Am Morgen werden die Wehen stärker. Karenn geht in die Hocke, verzerrt das Gesicht, keucht. Um 13 Uhr bettelt sie um den Kaiserschnitt. "Gleich betäuben wir dich", sagt eine Krankenschwester, aber es passiert nichts. Karenn schreit weiter, nass vor Schweiß - wie in einem Exorzistenfilm, denke ich, nur dass der Ausgetriebene von allen erwartet wird.
Grau und runzelig, wie ein Mini-Elefant
Dann kommt doch der Anästhesist - ein gewaltiger Mann mit Boxerstatur, der mit seinem Arsenal an Spritzen aussieht, als wolle er einen Bullen lahmlegen. Binnen Sekunden schickt er Karenn in den Schlaf.
Blinzelnd erwacht sie im Geburtsraum, umgeben von Ärzten, die warten, dass endlich was passiert. Ein letztes Mal noch muss Karenn ihre Kräfte sammeln und pressen, obwohl sie den betäubten Unterkörper kaum fühlt. Und da ist es, das Köpfchen. Kaum ist der Rest vom Körper nachgerutscht, streckt der Chefarzt mir das zappelnde Wesen entgegen. Ein Junge! Der Name stand schon vor der Geburt fest: Lukas. Der einzige Name, auf den wir uns einigen konnten.
Grau und runzlig wie ein Mini-Elefant sieht er aus. Nach dem ersten Bad verwandelt sich das Grau in ein dunkles Rosa, die Haare dunkel, die Augen blau, die Nase viel zu groß. Wie ein Peruaner, findet mein Teil der Familie. Un Gringo, sagen die Peruaner, sie meinen: einen Hellhäutigen. Ich finde, er ist eine Mischung. Die schönste der Welt.
Klingt nach Happy End, doch bevor wir glücklich nach Deutschland reisen können, stellt sich uns noch ein Gegner in den Weg: die Bürokratie. Zwei Kämpfe müssen wir bestehen, denn wir brauchen zwei Pässe für unser Kind: einen peruanischen und einen deutschen. Eine Woche noch bis zum Rückflug. Reicht die Zeit?
Theoretisch haben wir keine Chance. Allein die Abwicklung der Namenserklärung, Voraussetzung für einen Pass, dauert laut Botschaft etwa zwei Monate. "Wir tun, was wir können", hatte die Sachbearbeiterin gesagt. Ihr Lächeln gab uns Vertrauen.
Zwei Pässe, endlose Schlangen
Für den Passantrag benötigt die Botschaft zwei Formulare, biometrische Fotos, Geburtsurkunden von Kind und Eltern und unsere Heiratsurkunde. Für Karenns Geburtsurkunde sind vier Stempel nötig: vom Einwohnermeldeamt der Heimatstadt, von der zentralen Einwohnermeldebehörde, vom Außenministerium und von einer Übersetzerin. Jeder Stempel kostet, und der gedruckte Kringel der Zentralbehörde ist die größte Hürde: Wegen der anstehenden Wahlen bildet sich schon vor dem Gebäude eine 200 Meter lange Schlange - frustrierte Gesichter im Smog von Limas Innenstadt.
Manche stehen stundenlang an, verkaufen ihren Platz in der Schlange und fangen noch mal von vorn an. Einige Polizisten bessern ihr Gehalt auf, indem sie die besten Plätze verscherbeln. Lukrativ, aber die Schieber riskieren, von den Wartenden angegiftet zu werden.
Drei Regeln kennt das warten. Erstens: je kürzer der Abstand zu den nächsten Wahlen, desto länger die Schlange vor der Behörde. Zweitens: Wer ein Baby dabei hat, muss weniger anstehen. Und drittens: Das Papier muss die richtige Farbe haben.
Das Erlernen von Regel drei kostet mich zwei Tage. Einen Nachmittag lang stehe ich für die Geburtsurkunde an und gehe damit tags darauf zur Notarin. Die schaut auf die Urkunde wie auf eine schlechte Fälschung - das Papier habe "nicht die richtige Farbe". Zurück beim Einwohnermeldeamt sagt eine Beamtin, natürlich sei nur die Kopie auf weißem Papier kostenlos, das bunte koste umgerechnet fünf Euro.
Zurück ins deutsche Leben
Mit den letzten Unterlagen hetzen wir zur Botschaft. Der Pass wird noch fertig, einen Tag vor Karenns Flug.
Dass am Ende alles so schnell ging, hat mich mit der deutschen Botschaft versöhnt - sogar mit unserem ersten Telefonat. "Wir haben es gar nicht gern, wenn Leute nur nach Peru kommen, um ein Kind zu bekommen", hatte mir eine Mitarbeiterin da gesagt. Später hat sie sich dafür entschuldigt.
Jetzt sind wir zurück in Reutlingen, und ich genieße es, angekommen zu sein. Vieles ist neu. Ich kann jetzt Windeln wechseln und Babys baden, lese "Nido" statt "Neon" und finde nicht mehr, dass Arbeit das Wichtigste im Leben ist. Von der Uni habe ich erst mal genug - stattdessen gehe ich seit April auf die Reportageschule in Reutlingen. In der Klasse bin ich einfach zu erkennen: der mit den breitesten Augenringen.
Trotzdem: Wenn Lukas lächelt und mich mit seinen riesigen Augen anschaut, dann vergesse ich, dass ich letzte Nacht wieder wach lag. Er ist es wert.