Glosse "Elfenbeinturm, 1. Stock": Der Prorektor - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Glosse "Elfenbeinturm, 1. Stock" Der Prorektor

Noch ist er nur der zweite Mann an der Universität und steht auf Fotos immer hinten links. Aber bald schon kommt seine Stunde. Denn niemand kennt die Winkelzüge beim Postenschachern so gut wie der Prorektor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Blitzkarrieren gibt es auch an der Universität. Mit 24 promoviert, mit 28 der eigene Lehrstuhl, mit 32 nimmt man stolz den Leibniz-Preis fürs Lebenswerk entgegen. Doch in der Regel verläuft der professorale Werdegang weniger aufregend: mit endlosen Fakultätskonferenzen, tristen Sprechstunden und unspektakulärem Forschungsgebiet.

So ziehen die Jahre dahin, mit Vorlesungen und Seminaren voller zäher Routine. Und irgendwann ist man fünfundfünfzig Jahre alt, sitzt im viel zu kleinen Dienstzimmer, blickt hinaus auf die kahlen Bäume vor dem Parkhaus und fragt sich leise: "Kann das schon alles gewesen sein?"

Für manchen Professor ist diese Frage Anlass genug, um auszusteigen. Er verkauft Haus und Hof und durchquert im Fellkostüm die sibirische Tundra, auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn des Lebens. Andere hingegen suchen das Abenteuer jenseits der akademischen Routine ausgerechnet in der Universitätspolitik.

Ein Hauch von cäsarischer Strenge

Doch da beginnen auch schon die Probleme. Denn die Zahl der wirklich attraktiven Posten in der Universitätsspitze ist überschaubar. Sicher, ein Sitz im Senat wäre was Feines. Weil man sich Senator nennen darf und mitunter fast ein Hauch von cäsarischer Strenge aufkommt. Nur berät man hier mäßig interessante Berufungslisten, statt wie dereinst riskante Feldzüge im Teutoburger Wald zu planen.

Deshalb wird der politisch ambitionierte Professor lieber Prorektor. Was ganz ähnlich ist wie Joschka Fischer bei Gerhard Schröder. Der Vorteil: große Präsenz in der Öffentlichkeit. Bekommt zum Beispiel ein Hörsaal einen neuen Tageslichtprojektor, wird ein Foto für die Lokalzeitung gemacht. Der Prorektor darf der Reporterin den schönen Satz: "Damit sind wir fit für das 21. Jahrhundert!" in den Block diktieren.

Und in der Universitätszeitung ist man ebenfalls regelmäßig auf Gruppenfotos zu sehen. Allerdings ist das Bild zumeist unscharf, und man steht hinten links, halb verdeckt vom größten Teilnehmer der Delegation der Partnerhochschule aus Litauen.

Kein wirklich spektakuläres Amt also, aber immerhin eines, mit dem der Prorektor bei Gartenfesten in der heimischen Doppelhaushälfte prächtig vor den Nachbarn protzen kann. "Glauben Sie mir, die enorme Verantwortung meines Amtes lässt mich bisweilen nachts keinen Schlaf finden", sagt der Prorektor, zieht bedeutungsvoll die Luft ein und dreht versonnen das Prosecco-Glas.

Denn wer weiß, vielleicht wartet nach zwei Amtsperioden auch noch der große Wurf. Das Amt des Rektors. Der erste Mann sein. Die Universität mit eiserner Hand regieren. Personal entlassen. Als mutiger Reformer in die zweibändige Geschichte der Hochschule eingehen. Gleich morgen wird er der Findungskommission unaufgefordert seinen Lebenslauf zuschicken, beschließt er, und holt sich noch einen Prosecco.