Großbritannien: Der Bummelstreik der Professoren - DER SPIEGEL
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Großbritannien Der Bummelstreik der Professoren

In Deutschland streiken die Studenten, in England die Dozenten. Sie halten sich für stark unterbezahlt und setzen auf Aktionen, die auf den ersten Blick drollig wirken: Die Vorlesungen finden weitgehend statt, aber Klausuren und Hausarbeiten werden nicht korrigiert und benotet.
Von Adrian Schimpf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das englische Studium ist zeitlich straff organisiert. Der Benotungsboykott bringt den ganzen Terminplan durcheinander: Werden die Arbeiten nicht rechtzeitig durchgesehen, können die Unis die Diplome nicht zur geplanten Zeit aushändigen. Und auch das Datum der Abschlussfeier, krönender Höhepunkt am Ende der drei- oder vierjährigen Hochschulausbildung, gerät in Gefahr. Es ist ein bisschen so, als würde man in Deutschland nach mehrjährigem Konfirmandenunterricht und Kirchenbesuch in letzter Sekunde die lang geplante Konfirmationsfeier absagen, weil der Pastor mehr Geld von der Kirchenleitung haben will.

Genau darum geht es auch beim Streik der Association of University Teachers (AUT), eine der englischen Dozentengewerkschaften: mehr Geld. Die Dozenten sind die Einkommens-Verlierer des letzten Jahrzehnts und haben gegenüber der Gehaltsentwicklung in vergleichbaren Berufsgruppen gewaltig an Boden verloren. Inzwischen verdient mancher Berufseinsteiger deutlich mehr als ein erfahrener Hochsschullehrer. Wer zum Beispiel im Londoner Büro der Rechtsanwälte Linklaters anfängt, verdient 28.500 Pfund jährlich (43.000 Euro). Das akademische Startgehalt eines frischgebackenen Rechtslehrers dümpelt hingegen bei rund 23.000 Pfund (34.500 Euro) jährlich.

Unter Dozentenstreiks leiden Studenten, nicht Unis

Die Universitäten haben eine Gehaltssteigerung von 3,44 Prozent in diesem und 3 Prozent im nächsten Jahr angeboten - kaum mehr als ein Inflationsausgleich. Außerdem wollen die Vice-Chancellors (geschäftsführende Rektoren) der Universitäten die Karrierepläne ändern: Künftig sollen Beförderungen länger dauern, was langfristig zu erheblichen Gehaltseinbußen beim Lehrpersonal führen würde. Und als wäre das nicht genug, drängen die Hochschulen auf Öffnungsklauseln im Tarifvertrag, um lokale Vereinbarungen schließen zu dürfen. Das aber ist ein Frontalangriff auf die Macht der Gewerkschaft. Die AUT muss befürchten, bei regionalen Verhandlungen marginalisiert zu werden und erheblich an Einfluss zu verlieren.

Es kam, wie es kommen musste: Gewerkschaft und Arbeitgeber konnten sich in den Tarifverhandlungen nicht einigen. Also beschlossen die AUT-Mitglieder zu streiken. Was beamtete Professoren in Deutschland nicht dürfen, steht in England allen Lehrkräften zu.

Vor allem junge Dozenten, wenn auch nicht an allen Universitäten, machen mit. Bei jedem Lehrerstreik gibt es indes ein grundsätzliches moralisches Problem: Die Leidtragenden sind vor allem die Studenten, nicht die Arbeitgeber der Lehrenden. Laufen keine Lehrveranstaltungen, kümmert das die Hochschulbosse wenig, denn ein Vorlesungsboykott hat finanziell keine direkten Folgen für die Unis. Anders als Unternehmen können sie einen Ausfall der "Produktion" von Lehre und Forschung einfach aussitzen. Den schwarzen Peter haben die Studenten.

Das akademische Fußvolk darbt

Mit dem cleveren Schachzug, die Benotung statt Vorlesungen zu boykottieren, will die AUT diesem Dilemma entkommen: Zwar leiden die Studenten noch immer am meisten unter dem Korrekturstopp, aber sie werden wenigstens ordnungsgemäß ausgebildet. Die Gewerkschaft inszeniert sozusagen einen verantwortungsvollen Streik - wie vor zehn Jahren, als die streikenden Dozenten schon einmal auf den Klausuren hockten und die Noten erst herausrückten, als die Einigung mit den Universitäten unter Dach und Fach war.

Diese Taktik könnte abermals zum Erfolg führen. Wenn Eltern die schon lange geplante Studien-Abschlussfeier vom Streik bedroht sehen, werden sie sich ebenso wütend bei den Vice-Chancellors beschweren wie Studenten, die ohne rechtzeitig ausgehändigtes Diplom den Anschlussstudiengang oder die Bewerbungsfrist für Trainee-Stellen verpassen.

AUT-Vorsitzende Sally Hunt hat alle Studenten aufgefordert, ihre Haus- und Diplomarbeiten mit der Bitte um zügige Benotung direkt an die geschäftsführenden Rektoren zu schicken. Denn die kassierten laut Gewerkschaft in den letzten sieben Jahren eine durchschnittliche Gehaltsteigerung von über 50 Prozent, rückten in dergleichen Zeit für ihr akademisches Fußvolk nur 25 Prozent heraus.

Kein Wunder, dass die AUT in ihrem Kampf sogar von der nationalen Studentenvereinigung NUS unterstützt wird - was bei den Studenten durchaus umstritten ist. Die NUS-Vorsitzende Mandy Telford teilte mit: "Studenten wollen schließlich nicht von demotivierten und unterbezahlten Lehrkräften unterrichtet werden. Wir unterstützen daher die AUT in ihrem Kampf."