Harvard-Schnappschuss Fegefeuer in Efeuland
Etwas verwirrend ist das jetzt schon für die japanische Reisegruppe. Ihr Fremdenführer, ein freundlicher Harvard-Physikstudent in Jeans und Rolli, erzählt gerade mit wild rudernden Armen, was für eine "awesome" (supertolle) Uni dieses Harvard sei. Die Auswahl an Kursen! Bloß acht Studenten auf einen Professor! Die besten Dozenten der Welt!
Und doch stehen nur 20 Meter weiter, im Blickwinkel der japanischen Kameras und am Eingang zum ehrwürdigen Harvard Yard, rund 60 andere Studenten mit Schildern, auf denen sich dieser Uni-Traum weniger rosig liest. "Larry must go" und "Stop the sexism at Harvard" steht da, und mit Megaphonen fordern wütende Rednerinnen das Ende der Uni-Männerherrschaft. Zwei dutzend Reporter wuseln um das Grüppchen herum und kritzeln mit, als ein bebrillter Mitdemonstrant düster raunt: "Die eigentliche Story hier ist doch, wie die Machthaber die Macht missbrauchen."
Provokation weltweit gelungen
Schwer zu verstehen für die Touristen und doch derzeit sehr authentisch. Denn an der wohl berühmtesten Uni des Planeten wird seit über einem Monat weniger über Lehrpläne oder Nobelpreise diskutiert als über Frauen, Chauvinismus - und Macht.
Am 14. Januar hatte Harvard-Präsident Larry Summers auf einer ökonomischen Konferenz Hypothesen präsentiert, warum es viel weniger weibliche als männliche Wissenschaftler gibt. Weniger wichtig als Sozialisierung oder Diskriminierung, schwadronierte er, sei die fehlende Bereitschaft von Frauen, 80 Stunden pro Woche zu arbeiten. Zudem sprach Summers von möglicherweise "angeborenen Unterschieden" in der weiblichen Begabung für das wissenschaftliche Arbeiten.
Zwar hatte Summers schon während seiner Rede immer wieder betont, seine Ideen könnten alle falsch sein, er wolle ja nur die Konferenzteilnehmer provozieren. Das ist ihm aber gleich weltweit gelungen, weil ein Harvard-Präsident eben nicht mal eben unbeschwert als Privatmann "provozieren" kann. "Welches Zeichen setzt es für weibliche Harvardstudenten, wenn der Unipräsident ihnen die Eignung abspricht?", ruft Amee Chew, eine der Organisatorinnen der Demo, fassungslos in ihr Mikro.
Meuterei missglückt
Das wollen zum Zeitpunkt des Studentenprotests auch Harvards Professoren ganz genau von Summers wissen. 500 von ihnen drängen sich am Dienstagnachmittag im Lowell House, zu einer außerordentlichen Fakultätssitzung. Die war vor einer Woche angesetzt worden, als im ersten Aufeinandertreffen von Professoren und Summers nach dessen Bemerkungen so viele wütende Wortmeldungen zusammengekommen waren, dass die angesetzte Zeit nicht reichte. Im Vorfeld wurde gemunkelt, die Dozenten planten gar ein Misstrauensvotum. Das würde Summers zwar nicht stürzen (die Entscheidung darüber liegt bei der Harvard Corporation, die ihm den Rücken gestärkt hat), aber es gliche in der Efeublattidylle Harvards einer Palastrevolution.
Dazu ist es vorerst nicht gekommen: Bei der Versammlung forderte Physikprofessor Daniel S. Fisher den Rücktritt Summers, um weiteren Schaden von Harvard abzuwenden, erhielt jedoch nur noch vereinzelten Applaus. In den Tagen zuvor hatten sich nämlich auch die Unterstützer Summers besser formiert. 186 Professoren unterschrieben einen Brief, ihn als Präsidenten behalten zu wollen - darunter viele Ökonomen und Naturwissenschaftler, die Summers während seiner bisherigen Amtszeit besonders gefördert hat.
Selbst seine Unterstützer erkennen aber an, dass Summers Fehler gemacht habe und nicht gerade ein liebenswerter Charakter sei. Hat der geniale Wissenschaftler Summers, der mit 28 Jahren schon Professor in Harvard war und danach als Weltbank-Chefvolkswirt und US-Finanzminister unter Clinton diente, immer noch nicht die Wandlung zur diplomatischen Führungspersönlichkeit vollzogen? Summers galt stets als brillanter Denker, aber auch als ruppig, arrogant, undiplomatisch. An diesem Ruf hat sich in Harvard wenig geändert, er geriet rasch mit zahlreichen Professoren schlagzeilenträchtig aneinander.
"Größter Schauprozess seit Stalin"
Vor allem aber versäumte er es, seine durchaus zukunftsweisenden Reformideen - Modernisierung des Curriculum, ein neuer Campus für Naturwissenschaften, die Berufung junger hungriger Wissenschaftler statt satter Stars - ausreichend zu kommunizieren und zu erklären. In Umfragen erklären mehr als die Hälfte der oft sehr selbstbewussten Dozenten, mit Summers autokratischem Führungsstil unglücklich zu sein.
Viele von ihnen sehen nun offenbar die aktuelle Kontroverse als Chance zur Rache an Summers. Um Sinn oder Unsinn von Summers Worten über Frauen geht es dann nur noch am Rande: "Das ist der größte Schauprozess seit Stalin", klagt die Literaturprofessorin Ruth R. Wisse, eine der wenigen offenen Summers-Unterstützerinnen in der Fakultät.
Auch viele Studenten scheint mittlerweile die Sorge umzutreiben, dass manche Professoren in ihrem Zorn auf den Präsidenten übers Ziel hinausschießen. Weitaus zahlreicher als die "Anti-Sexismus"-Demonstranten sind die Unterzeichner auf der neuen Website "studentsforlarry.org" (mehr als 350). Als erste Rücktrittsforderungen über den Campus schwirrten, widmete die Studentenzeitung eine ganze Seite den Verdiensten Summers: von der Förderung sozial schwacher Studenten über die Ernennung zwei weiblicher Dekane in seiner kurzen Amtszeit bis zu seinen Auftritten als Dozent für Studienanfänger.
Öffentliche Reue statt Ruppigkeit
Ein Kolumnist tat die Wehklagen der Professoren gar als verletzte Eitelkeiten ab, andere warnten vor einer Zwangsjacke für unbequeme Denker wie Summers. "Soll man an einem Ort wie Harvard für unpopuläre Meinungen seinen Posten verlieren?", fragt Jason Bressner, Mitgründer der Website "Alumni for Summers".
Nach der Krisensitzung am Dienstag treten einige Dozenten gleich wieder vor Reporter. "Beim nächsten Treffen am 15. März bringe ich einen Misstrauensantrag ein", verspricht Politikprofessor J. Lorand Matory.
Und Summers? Der hat im vorigen Monat vier Entschuldigungsschreiben veröffentlicht und zuletzt sogar den Tonbandmitschnitt seiner Bemerkungen freigegeben, um den fast so heftig gerungen worden wie einst um Nixons Watergate-Tonbänder. Er versprach eine Reformkommission zur Rolle von Frauen und hörte in Fakultätssitzungen noch dem weitschweifigsten Redner schweigend zu. "Manches war angenehm zu hören, vieles nicht", sagt er nun vorsichtig.
Den Professoren versprach er am Dienstag mehr Respekt: Er werde ein "neues Kapitel in der Zusammenarbeit aufschlagen", sorgfältiger zuhören und seine Worte mit mehr Bedacht wählen. Der einst so ruppige Larry Summers mag Harvard-Präsident bleiben. Aber er wird nicht Larry Summers bleiben können.