Harvard-Schnappschuss Mars kreist um Venus
Krisenszenarien ist Nicolas Fasquelle nach einem Jahr an Harvards Kennedy School of Government wirklich gewohnt. Als ihm ein Kommilitone eine Fallstudie zumailte, nach der ein Meteorit auf Frankreich zusteuere, der in der darauffolgenden Nacht alles Leben auslösche, stockte der Franzose erst bei der Abschlussfrage: "Programmieren Sie den Videorecorder oder bleiben Sie auf, um den tödlichen Einschlag live zu sehen?"
Fasquelle konnte darüber lachen - sein Landsmann Patrice Higonnet, Harvard-Professor für Französische Geschichte und seit 49 Jahren in den USA, fand die Frage, warum er nicht endlich nach Hause gehe, weniger lustig. Die kam auf, als der Historiker in "Libération", schrieb, Amerika sei unter Bush eine böse Ansammlung von Politik-Cowboys, Imperialisten und Ölfanatikern. Ein Kolumnist der hiesigen Unizeitung geißelte den Professor dafür unter der Überschrift "Higonnet's arrogance", auf konservativen Websites war zu lesen, der Franzose solle doch nach Europa zurückkehren. Higonnet sitzt im Sessel seines Büros an Harvards Zentrum für Europäische Studien, auf dem Tisch vor sich ein Flugblatt für eine Friedensdemo, und seufzt: "Man fühlt sich als Europäer hier plötzlich so marginal."
Natürlich ist das eine sehr charmante Übertreibung, trotz vereinzelter Anfeindungen. Europa mag vielleicht marginal auf den Landkarten von Donald Rumsfeld sein, aber gewiss nicht in Harvard. Die Uni hat ein bestens ausgestattetes Zentrum für Europäische Studien, eine Heerschar von europhilen Professoren, die mit Begeisterung das transatlantische Verhältnis auf kleinste Risse abtasten - und nun wird sogar Uni-Präsident Larry Summers bald mit dem Ex-Harvard-Professor Henry Kissinger einer Kommission vorstehen, welche die europäisch-amerikanischen Beziehungen reparieren soll (Kissinger hat ja in Vietnam und Kambodscha auch bewiesen, dass er in Reparaturarbeiten unschlagbar ist).
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Folgerichtig kauern angesichts der ersten wirklich dramatischen Krise im Verhältnis (gut, es gab de Gaulle, aber zu dessen Zeit waren viele der heutigen Experten noch keine) ganze Gruppen von Harvard-Professoren in den ersten Reihen, wenn europäische Besucher über die Spannungen referieren - unlängst etwa Rudolf Scharping, Kurt Biedenkopf, der BBC-Chef Greg Dyke oder Javier Solana. Dessen Vortrag hieß fast esoterisch "Mars und Venus wieder versöhnt", in Anspielung auf die These des Politologen Robert Kagan, nach der Amerikaner vom Mars seien und Europäer von der Venus - weil letztere militärisch schwach sind und sich deshalb für Recht und moralische Werte entschieden haben. Das wiederum passt gut zu den luftigen Begriffen von "hard power" (für Militär etc.) und "soft power" (Kultur, Werte), die Harvard-Professor Joseph Nye erfunden hat und munter in die aktuelle Debatte streut.
Aber hinter allen theoretischen Wortschöpfungen ist nicht nur die feste Überzeugung der ganzen schlauen Köpfe greifbar, dass der Wahlkampf-Pazifist Schröder und Jacques "Non" Chirac mitsamt ihren Rapallo-artigen Annäherungen an Russland genauso wenig als Lehrstoff für hohe Diplomatie taugen wie die Alleingänger Bush und Rumsfeld - sondern vor allem echte Besorgnis, dass nicht einfach wieder alles gut wird, trotz aller gemeinsamen Interessen. "Es gibt keine Automatik in internationalen Beziehungen", warnt Politikprofessor Ash Carter. "Es kann noch schlimmer werden."
Langfristig hängt das von jungen Leuten ab, den Studenten am College etwa. Wenn Patrice Higonnet dort von der katastrophalen Erfahrung der Europäer mit dem Nationalismus spricht, bemerkt er schon mal verdrehte Augen. "Europa ist für viele hier unmodern und veraltet." Früher seien junge Harvard-Absolventen nach Paris gegangen, weil es die Zukunft bedeutete, sagt Higonnet - "heute fahren sie dorthin, weil sie kulturell sein wollen, und schauen sich nach den Trends in Asien um".
Paradox an der Sicht Europas als Seniorenheim ist, dass die Amerikaner das moderne Projekt der europäischen Einigung komplett ignorieren. Als Richard Morningstar, Dozent an der Kennedy School, vor vier Jahren US-Botschafter bei der Europäischen Union wurde, fragten ihn selbst bestausgebildete Freunde, was die EU eigentlich sei, eine Art loser Wirtschaftsbund? Doch Morningstar hofft, dass die Krise an der Ignoranz etwas ändert - sein Kurs in diesem Semester zu Beziehungen zwischen Amerika und der Europäischen Union ist mit knapp 70 Teilnehmern doppelt so groß wie erwartet, "und die Hälfte davon sind Amerikaner".
Die müssen sich von moralisch übereifrigen europäischen Harvard-Kommilitonen zwar schon mal anhören, dass die Aufklärung in den USA nicht stattgefunden hat. Aber weniger vorhersahbar grübeln Europäer laut im Klassenraum, warum man die Amerikaner hasst für Sünden, die andere Nationen auch begehen - und Kriegsbefürworter unter den US-Studenten geißeln ihre Regierung für diplomatische Debakel wie den Streit um das Klimaschutzabkommen von Kyoto.
Wer nun also Schuld an der verkorksten transatlantischen Lage ist, scheint doch nicht immer so klar zu sein wie bei Berliner Friedensdemos oder dem Fox News Channel. Die Schuldzuweisung ist nicht leicht, auch wenn mancher eine einfache Gleichung daraus macht: Auf einer Tafel am Harvard Yard stand vor einigen Wochen gekritzelt "Schröder = bad". Aber Vorwürfe helfen ja kaum weiter angesichts neuer Herausforderungen. Syrien bietet sich als nächster Streitpunkt zwischen Europäern und Amerikanern an, Nordkorea erst recht.
Nicolas Fasquelle jedenfalls arbeitet schon an einer neuen Fallstudie, nach der sich Frankreich und Deutschland aus der Nato zurückziehen, wenn die Amerikaner Syrien angreifen sollten. Aber er grinst versöhnlich: "Das ist nur ein hypothetisches Szenario." Fasquelle hat bei der Rede von Javier Solana in der Vorwoche gut zugehört. Der beschloss seinen Vortrag nämlich mit der Anmerkung, aus der Verbindung von Mars und Venus sei ja ein Kind hervorgegangen - genannt Harmonie.