Hütten & Paläste Wohnen im Wirrwarr
Spätestens nach den Partys am Anfang des zweiten Semesters hört man auf, das Zimmer regelmäßig zu entrümpeln. So ist es meist auch während der Prüfungszeit. Aber spätestens beim Umzug in die nächste WG fallen einem plötzlich alte Briefe, Bücher oder Postkarten in die Hände, deren Existenz man aus tiefster Überzeugung selbst im KGB-Verhör geleugnet hätte.
Leos Zimmer im Überblick - mehr davon zeigt das Video unten
Foto: Simon KremerÜber die Semester sammelt sich in Studentenwohnungen allerlei Nützliches und Unnützes an, das an wichtige Stationen und Phasen des Studiums erinnert. An den Auslandsaufenthalt, die legendäre Grillparty im Mondschein am Ufer der Elbe, die verkorkste Klausur, nach der man alles hinschmeißen wollte. "Wie Menschen denken und leben, so bauen und wohnen sie", sagte einst der Dichter Johann Gottfried Herder.
Ein Blick in die Zimmer kann helfen, ein wenig näher zu ergründen, wie Studenten in Deutschland leben, was sie neben Vorlesungsmitschriften alles in ihren vier Wänden zwischen Lateinbuch und Laptop verstecken. Häufig sehen die Zimmer aus wie ein Ikea-Ausstellungsraum mit leicht musealem Charakter.
Die neue Serie auf SPIEGEL ONLINE versucht, dieses Lebensgefühl in den Fotostrecken aufzugreifen. Sie erzählt die Geschichten von sechs Studenten, die ihr Zimmer mit verschiedensten Objekten teilen: mit den Care-Paketen der Eltern, den Stapeln von Tausenden Seiten Promotionsunterlagen - oder auch mit dem eigenen Kind.
Es sind echte Alltagsbilder. Aber mit kleinen Einschränkungen: Fast alle Studenten gestanden, die Wohnung zumindest ein bisschen aufgeräumt, die Dreckwäsche unter dem Bett verstaut und den Bierkasten auf den Balkon gestellt zu haben.
Heute: Leo, 23 - Jazz wird's anders
Als sich die eigene Kneipe im Szeneviertel der Uni-Stadt nicht mehr trug, entschied sich Leo zum Studium und machte das, was vermutlich nicht ganz im Sinne von Mutti war: Er zog in eine WG mit sechs anderen Jungs. In der Küche stapelt sich das Geschirr, Zigarettenstummel garnieren die Reste des Nudelauflaufs von vor zwei Wochen, und nackte Brüste wohlproportionierter Frauen hängen auf Augenhöhe an den Wänden.
In der Prüfungszeit setzt Leo sich auf sein Bett und breitet alle Materialien U-förmig um sich herum aus, als Ersatz für die Bibliothek, die ihm zu unruhig ist. Außerdem habe er dann den Fernseher und seinen "Altar der Erinnerungen" genau in Blickrichtung, mit Relikten von Freunden und Träumen für die Zukunft, sagt Leo.
Irgendwann hatte ein Besucher Leo ein Metallschild mit tschechischer Schrift auf den Türrahmen seines Zimmers gesetzt: "Rein zu halten" heißt es übersetzt. "Meine Mitbewohner sagen, dass ich im Zentrum des Chaos lebe", erklärt Leo und kokettiert auch ein wenig damit, dass er keine Schränke besitzt - die einzige Ordnung des Zimmers besteht aus dem "Lern-Haufen", dem "Neu-Haufen" und dem "Müll-Haufen". Höhe: satte 71 cm.
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