In Potsdam beklagen Studenten den Mangel an Wohnheimplätzen - DER SPIEGEL
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Studenten auf Wohnungssuche Kampf um jedes Bett

Das Semester hat begonnen, günstiger Wohnraum ist knapp: Weil Alternativen fehlen, nehmen manche Studenten sogar Zimmer mit Wasserflecken, losen Fliesen und kaputtem Fußboden in Kauf. Die Uni-Städte müssen improvisieren - und Studentenvertreter fordern mehr Zimmer.
Flashmob in Jena (2010): Studenten in Schlafsäcken protestieren gegen die Wohnungsnot
Flashmob in Jena (2010): Studenten in Schlafsäcken protestieren gegen die Wohnungsnot

Flashmob in Jena (2010): Studenten in Schlafsäcken protestieren gegen die Wohnungsnot

Foto: dapd
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Wenn der Wohnraum in Potsdam knapp wird, dann muss Gudrun Wewetzer auch mal Zimmer vermieten, die nicht so schön sind. Zwar ist das Wohnheim an der Glienicker Brücke in der Nähe des Schlossparks Babelsberg gut gelegen, manche Zimmer sind aber eher einfach eingerichtet.

"Sie haben dort Wasser, Licht und ein Dach über dem Kopf", sagt Wewetzer, Sprecherin des Studentenwerks in Potsdam. In dem Wohnheim mit ockergelber Wandfarbe aus den fünfziger Jahren müssen in diesem Jahr zum Semesterstart auch Unterkünfte mit leichten Schäden vermietet werden, so groß ist der Andrang.

"Zum ersten Mal konnten nicht alle mit Zimmern versorgt werden", sagt Wewetzer. Wegen der hohen Nachfrage seien auch Zimmer vergeben worden, die aufgrund ihres schlechten Zustands in den vergangenen Jahren nicht angeboten wurden. Sie wurden zu einem reduzierten Preis übergangsweise vermietet.

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Ungewöhnliche Unterkünfte: Mein Haus, meine Oma, mein Boot

Foto: Eva-Lotte Andereya

Denn an den Brandenburger Hochschulstandorten sind die Wohnheimplätze knapp. Dies gilt vor allem für Potsdam, wo weniger als zehn Prozent der Studenten in Wohnheimen des Studentenwerkes unterkommen können, wie aus einer Statistik des Dachverbands deutscher Studentenwerke hervorgeht.

Aus diesem Grund nehmen Studenten kurzfristig auch Wasserflecken, kaputte Fliesen oder beschädigten Parkettboden in Kauf. In Potsdam stehen derzeit rund 275 Studenten auf der Warteliste des Studentenwerks, sagt Wewetzer. Am sogenannten Tag der freien Vergabe, an dem übrig gebliebene Zimmer an Suchende vermittelt werden, kamen 110 Studenten auf nur 47 freie Zimmer.

Der Verband deutscher Studentenwerke fordert daher mehr Investitionen. Das Brandenburger Wissenschaftsministerium sieht das Land jedoch gut aufgestellt. Im bundesweiten Vergleich liege Brandenburg mit seinem Angebot an Wohnheimplätzen auf dem vierten Platz, hieß es.

"Wir nehmen das natürlich ernst", sagt Martin Sand, stellvertretender Sprecher des Wissenschaftsministeriums in Potsdam. Er betonte jedoch, dass bei ihnen im Land bereits eine Menge getan werde. Im Vergleich mit anderen Bundesländern liege man sogar in der Spitzengruppe, sagt auch der Bildungsexperte Peer Jürgens.

Studenten fordern Bund-Länder-Programm

Dennoch hat angesichts dieser Zahlen der studentische Dachverband FZS eine Kampagne gestartet, durch die die Politik auf die prekäre Wohnraumsituation in ganz Deutschland aufmerksam gemacht werden soll.

"Die Landeszuschüsse sinken seit Jahren", obwohl die Anzahl der Studenten steige, sagte Vorstandsmitglied Dorothea Hutterer. Sie forderte die Länder auf, sich für ein Bund-Länder-Programm zur Schaffung von Wohnraum einzusetzen.

Denn nicht nur in Potsdam sind Wohnheimplätze Mangelware. In vielen Städten gestaltet sich die Suche nach einem Zimmer kompliziert. Überall stehen Hunderte von Studenten nach Angaben der Studentenwerke noch auf der Warteliste für eine Unterkunft:

  • In Köln hat Oberbürgermeister Jürgen Roters eine Offensive für mehr Wohnraum gestartet. Durch den Ansturm der doppelten Abiturjahrgänge wurden an der Hochschule zwar die Studienplätze erhöht, Unterkünfte bleiben aber rar. Auf 4700 Wohnheimplätze habe es bereits im vergangenen Jahr 9800 Bewerbungen gegeben. "Wir rechnen mit mehr als 10.000 in diesem Jahr", sagte Peter Schink, Geschäftsführer des Kölner Studentenwerks, dem "Stadtanzeiger".
  • In Hamburg wurden bereits die ersten Pritschen in einer Turnhalle aufgebaut. In Vierteln wie Altona, Schanze oder St. Pauli stehen die Bewerber bei Wohnungsbesichtigungen oft umsonst an, so groß ist der Andrang. "Die Verzweifelten rennen uns die Bude ein", sagt Maarten Thiele, Sozialreferent des Asta der "Hamburger Morgenpost".
  • In München liegen die Quadratmeter-Preise schon länger über dem bundesweiten Durchschnitt, deshalb haben es Studenten dort auch besonders schwer. Mitte September standen noch rund 5500 Studierende auf den Wartelisten des Deutschen Studentenwerks für ein vermitteltes Zimmer.
  • In Regensburg ist die Wohnungsnot inzwischen offenbar so groß, dass vorrübergehend Matratzenlager als Notunterkunft eingerichtet wurde.
  • In Karlsruhe zog eine Studentin sogar in die Auslage eines Schreibwarengeschäfts, um mit der Aktion "Schlafen im Schaufenster" auf den immensen Wohnraummangel der Stadt hinzuweisen.

Wie angespannt der Mietmarkt in der Bundesrepublik ist, zeigen auch die alljährlichen Verlosungen von freien Plätzen der Studentenwerke. In den nächsten Wochen dürfte sich die Situation für die studentischen Fördereinrichtungen kaum entspannen. Dann werden Studenten vorstellig, denen erst kurzfristig ein Studienplatz zugesagt wurde und die nun wenige Wochen vor Semesterbeginn noch nach einem günstigen Zimmer suchen.

Angesichts der studentischen Wohnungsnot sieht Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) Handlungsbedarf bei den rasant steigenden Mieten. "Was sich in Universitätsstädten derzeit abspielt mit jungen Leuten, die studieren wollen, ist gelinde gesagt ein Skandal", sagte er. Dort gebe es Mietsteigerungen von acht bis zehn Prozent. Dämpfend auf die Mietpreise könne der Neubau von Wohnungen wirken. Auch wäre es möglich, leerstehende Büros oder Kasernen in Wohnungen umzuwandeln.

Matthias Arnold/dapd/dpa/jon