Interview zu Bezahlstudium: "Studiengebühren wirken abschreckend" - DER SPIEGEL
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Interview zu Bezahlstudium "Studiengebühren wirken abschreckend"

Das Bundesverfassungsgericht hat den Weg für Studiengebühren freigemacht. Kostet das Studieren künftig Geld, könnten die Studentenzahlen stark zurückgehen, warnt der Wirtschaftsjurist Bernhard Nagel - und verweist auf die Erfahrungen anderer Länder.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie haben die sozialen Auswirkungen von Studiengebühren in den USA, Australien, Großbritannien, den Niederlanden und Österreich untersucht. Wirken Studiengebühren nun abschreckend oder nicht?

Bernhard Nagel:

Studiengebühren wirken abschreckend. Die Frage ist nur, wie sehr. Da können wir erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern feststellen: In den USA sind die Studienbewerber und ihre Familien risikofreudiger als zum Beispiel die in Österreich. In Österreich haben bereits relativ niedrige Studiengebühren abschreckend gewirkt: Bei Einführung einer Gebühr von rund 360 Euro pro Semester im Wintersemester 2001 ging die Zahl der Ersteinschreibungen von Inländern erheblich zurück, sie hat sich bis heute nicht erholt. Und das, obwohl die wirklich armen Studierenden in Österreich keine Gebühren zahlen. Es trifft also die untere Mittelschicht. Erheblich höhere und in der Spitze sogar extreme Studiengebühren in den USA haben nicht so abschreckend gewirkt.

Woran könnte das liegen?

Nagel: In den USA gibt es ein ausgebautes privates und gesellschaftliches Stipendiensystem - etwas, was Österreich so nicht vorzuweisen hat. Das ist die Frage, die man sich stellen muss, wenn man Studiengebühren einführt: Was sind die Auffangpositionen, die geboten werden, und die Hilfen, die die Gesellschaft, also die Privatleute anbieten. Und da ist die Situation in Österreich ganz anders als in den USA.

Was schließen Sie daraus für Deutschland? Die Bildungssysteme sind ja ähnlich.

Nagel: Genau dasselbe wird in Deutschland kommen, wenn Studiengebühren eingeführt werden: Man wird erstaunt sein, wie viele wegbleiben werden, und man wird nicht herausfinden, wo sie abgeblieben sind. Und ich befürchte, dass in Deutschland wie in Österreich das Geld jedenfalls auf Dauer nicht an den Hochschulen ankommt, sondern dass die Hochschuletats entweder sofort oder im Lauf der Zeit abgeschmolzen werden, die Studiengebühren also an den Finanzminister gehen.

Gibt es dafür Hinweise bei Ländern, die schon vor längerer Zeit Studiengebühren eingeführt haben?

Nagel: Es gibt kein Land, in dem es nicht so war. Selbst in den Niederlanden, die ein relativ moderates Studiengebührensystem eingeführt haben, haben wir die Parallelentwicklung einer Absenkung der staatlichen Hochschulausgaben und einer Erhöhung der Studiengebühren.

Ein Argument für Studiengebühren ist, dass diese letztlich sozial gerechter seien, weil vom Studium angehende Akademiker und daher Besserverdiener profitieren.

Nagel: Diese Gerechtigkeitsbetrachtungen halte ich für verfehlt. Es geht nicht darum, die Reichen zur Kasse zu bitten, indem man Studiengebühren einführt. Hier sollte man die Gerechtigkeit über das Steuersystem schaffen. Insofern sind wir im Moment in einer völlig verdrehten Diskussion: Auf der einen Seite wird die Senkung des Spitzensteuersatzes gefordert, auf der anderen Seite sollen die angeblich Reichen Studiengebühren zahlen.

Das bisherige Steuersystem reicht ja aber zu einer befriedigenden Finanzierung der Hochschulen nicht aus.

Nagel: Ich bin für den Abbau von Subventionen, jedenfalls von verfehlten Subventionen. Wenn man die Eigenheimzulage abschafft und in die Bildung steckt - nicht nur in die Hochschulen! - dann hätte man gute Bildungspolitik gemacht und gleichzeitig das Staatssäckel nicht über Gebühr belastet.

Aber Studiengebühren zahlen nur diejenigen, die auch vom Studium profitieren.

Nagel: Investitionen in die höhere Bildung sind Investitionen im Interesse der gesamten Gesellschaft. Die gesamte Gesellschaft profitiert davon, wenn sich das Qualifikationsniveau erhöht. Genau deshalb erheben die Skandinavier keine Studiengebühren.

Das Interview führte Barbara Schäder, AP

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