Interview zu Bildungschancen: "Offene Wunde" - DER SPIEGEL
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Interview zu Bildungschancen "Offene Wunde"

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ute Erdsiek-Rave, begrüßt den Besuch des Uno-Bildungsbeauftragten Vernor Muñoz und seine Kritik am deutschen Schulsystem. Im Interview spricht sie sich gegen einen puren Wettbewerbsföderalismus aus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Der Uno-Sonderbotschafter hat die ungleichen Bildungschancen in den Bundesländern kritisiert. Was tun Sie dagegen?

Ute Erdsiek-Rave: Da hat er den Finger in eine offene Wunde gelegt, wie wir seit der ersten Pisa-Studie von 2001 wissen. Wir arbeiten mit Standardsetzungen, Vergleichen und zentralen Prüfungen dagegen an.

SPIEGEL ONLINE: Ist es dann nicht sinnvoll, eine Instanz wie das Bundesbildungsministerium als Koordinierungsstelle zu nutzen?

Erdsiek-Rave: Wir müssen und wollen mit dem Bund stärker in Bildungsfragen zusammenarbeiten. Der Föderalismus muss gestaltet werden, er darf nicht provinziell werden. Es darf nicht heißen "Einmischen unerwünscht", sondern "Zusammenarbeit gewollt".

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen sie das verhindern?

Erdsiek-Rave: Wir führen den Reform-Kurs konsequent fort und arbeiten miteinander an den Problemen. Wir stehen in einem globalen und europäischen Wettbewerb - da ist die Konkurrenz zwischen Bayern und Schleswig-Holstein unerheblich. Einen puren Wettbewerbsföderalismus darf es im Bildungsbereich nicht geben, da stünden Sieger und Verlierer von vornherein fest.

SPIEGEL ONLINE: Herr Muñoz empfiehlt, eine Grundsatzdebatte über die Schulstruktur zu führen. Droht nun eine Neuauflage der jahrzehntealten Gesamtschuldiskussion?

Erdsiek-Rave: Es ist ein vermintes Gelände, aber in vielen Ländern bricht das dreigliedrige System schon auf. Selbst die Wirtschaft führt diese Diskussion, weil sie sieht, dass zu viele Schüler trotz intellektueller Begabung hinten runterfallen. Das können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten.

SPIEGEL ONLINE: Der Uno-Botschafter hat auch festgestellt, dass Kinder aus Zuwandererfamilien und aus ärmeren Schichten sehr schlechte Bildungschancen haben. Diskriminieren deutsche Schulen ausländische Kinder?

Erdsiek-Rave: Das mag der Eindruck von Herrn Muñoz sein. Klar ist: Sprache ist der Schlüssel für den Zugang zur Bildung, da müssen wir besser werden. Aber hier sind auch andere Ressorts gefragt, die Politik darf die Schulen nicht allein mit der Integrationsarbeit lassen.

Das Interview führte Per Hinrichs