Irina und Marina Fabrizius: Die Künstlerinnen-Zwillinge - DER SPIEGEL
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Zwillinge und Künstlerinnen Irina und Marina Fabrizius: In 33 Jahren keinen Tag voneinander getrennt

Foto: dpa Picture-Alliance / Federico Gambarini/ picture alliance / dpa

Künstlerinnen-Zwillinge Fabrizius Unzer_trennlich

Sie sind verwirrend, talentiert und malen ihre Bilder gemeinsam: Irina und Marina Fabrizius, 33, haben vermutlich eine große Kunstkarriere vor sich. Doch das Glück der Zwillinge ist auch ihre Last.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Geschichte von Irina und Marina Fabrizius beginnt in Kostanai, einem Ort im Norden Kasachstans am Fluss Tobol, unweit der russischen Grenze. Dort, wo die Wälder so dicht sind, dass ein Mensch, der sich darin verläuft, nie mehr hinausfindet, wurden sie 1981 im Abstand von fünf Minuten geboren. Es war der Beginn einer großen Geschwisterliebe - und der Start in ein Leben, das ihnen nun vielleicht eine große Künstlerkarriere bescheren wird.

Damals, in Kostanai, hatten ihre Eltern nicht viel Zeit für sie: Sie waren beide berufstätig und bewirtschafteten nebenbei einen kleinen Hof, der die Familie mit Obst und Gemüse versorgte. "Wir hatten ja uns", sagt Irina. Als die eineiigen Zwillinge drei Jahre alt waren, gab ihre Mutter ihnen Malstifte und lehrte sie, ganz genau hinzusehen: Das war der Moment, der alles veränderte. "Eine Sonnenblume war für uns danach nicht nur einfach gelb", sagt Marina. "Wir waren besessen davon, die einzelnen Farbnuancen zu erkennen. Wir lernten, hinter die Farbe zu blicken."

Die Vorfahren der Zwillinge stammen aus Deutschland, und als Helmut Kohl den deutschen Aussiedlern Ende der Neunzigerjahre die Rückkehr in die alte Heimat anbot, entschied sich Familie Fabrizius, das alte Leben hinter sich zu lassen. Vater Heinrich glaubte nicht an eine Zukunft in Kasachstan, er machte sich Sorgen um die politische Lage. Eine Schwester seiner Mutter lebte in Mengen, einem 10.000-Einwohner-Ort in Baden-Württemberg. Dorthin brach die Familie im Jahr 1990 auf.

Neun Jahre waren die Zwillinge alt, als sie in den Zug stiegen, der sie in den Westen brachte. In der Schule konnten die anderen Kinder wenig anfangen mit den beiden merkwürdigen Mädchen, die sich glichen wie ein Ei dem anderen, die die gleiche Kleidung trugen, kaum Deutsch sprachen und ihre Pausen lieber malend im Klassenzimmer verbrachten, als mit den anderen auf dem Schulhof Fangen zu spielen. Das sei keine schöne Zeit gewesen, sagt Marina, "aber wir hatten ja uns". Es ist ein Satz, der oft fallen wird im Gespräch mit den Schwestern.

Trotz der Zurückweisung durch ihre Klassenkameraden wurde Deutschland für die Zwillinge die Erfüllung eines Traums. Die Eltern waren nicht reich, aber die Mädchen brauchten nicht viel: Es genügten ihnen Buntstifte und Wasserfarben, die ihnen der Vater kaufte.

Bild von den Fabrizius-Zwillingen

Bild von den Fabrizius-Zwillingen

Foto: Marina und Irina Fabrizius/ Benn Hermanni

"Wir wussten schon damals, dass das Malen unsere Bestimmung ist", sagen sie. An einem Tag im April sitzen die mittlerweile 33 Jahre alten Schwestern in ihrem Atelier in einer alten Fabrik im Düsseldorfer Süden, die die Stadt jungen Künstlern zur Verfügung stellt. Es ist auffällig sauber, an den Wänden stehen ein gutes Dutzend bemalter Leinwände: abstrakte, großformatige Farblandschaften mit nahezu hypnotischer Wirkung; Flächen, in die man eintauchen, in denen man versinken kann. Manche erinnern an Fotos, die durchs Flugzeugfenster geschossen werden, bei aufgehender Sonne. Irina und Marina, die keinen Tag ihres Lebens getrennt waren, malen die Bilder gemeinsam: Wenn sie im Atelier sind, agieren sie wie ein Mensch, ein Gehirn, eine Seele.

Sie arbeiten mit zwei Pinseln, aber es ist, als wäre es nur einer.

Die beiden jungen Frauen, beide in Jeans und schwarzer Jacke, die langen blonden Haare zu einem Dutt geknotet, sitzen auf einer Couch mit weißem Überwurf und trinken Orangensaft. Sie wirken entspannt, dabei haben sie viel zu tun. Bald soll eine Vernissage mit ihren Bildern in Düsseldorf stattfinden. Mit rund 15 großformatigen Gemälden wird es die bisher umfangreichste ihrer Ausstellungen sein. Keiner, der die Karriere der Fabrizius-Zwillinge in den vergangenen Jahren beobachtet hat, glaubt an einen Misserfolg.

Für ein Bild benötigen die beiden bis zu einem halben Jahr. Die aufwendige Technik der Lasurmalerei, bei der bis zu zehn Schichten übereinander aufgetragen werden, lässt es nicht zu, dass sie mehr als 20 Bilder im Jahr malen. "Und das ist dann schon Akkordarbeit", sagen sie.

Irina (l.) und Marina Fabrizius: Sie arbeiten mit zwei Pinseln, aber es ist, als wäre es nur einer

Irina (l.) und Marina Fabrizius: Sie arbeiten mit zwei Pinseln, aber es ist, als wäre es nur einer

Foto: dpa Picture-Alliance / Federico Gambarini/ picture alliance / dpa

Wenn Irina und Marina erzählen, wirkt es oft so, als spräche nur eine Person. Während die eine noch nachdenkt, führt die andere den angefangenen Satz der Schwester zu Ende.

Nach dem Abitur studierten die Zwillinge an der Freien Kunstakademie in Nürtingen. Damals malten sie vor allem realistisch, aber sie merkten, dass da noch etwas anderes ist, was herauswill.

Nach ihrem Abschluss bewarben sie sich für ein Studium der Malerei an der renommierten Kunstakademie in Düsseldorf, die schon namhafte Künstler wie Joseph Beuys, Thomas Ruff oder Andreas Gursky hevorgebracht hat. Auf ihre Bewerbungsmappen schrieb die eine "Unzer", die andere "trennlich". Irina und Marina machten gar nicht erst den Versuch, sich voneinander abzusetzen, sie scheuten das Risiko, dass die eine der anderen vorgezogen wird. Die Strategie hatte Erfolg: 2006 begannen sie ihr gemeinsames Studium in Düsseldorf.

In der Kunsthochschule suchten sie sich einen Raum unter dem Dach, dort, wo die Kommilitonen sich selten hin verirrten, wo sie ihre Ruhe hatten. "Wir hatten ja uns", sagt Irina.

Der Schlüsselmoment

Schnell bemerkten die Professoren, darunter Deutschlands "Malerfürst" Markus Lüpertz, dass die beiden jungen Frauen die gleiche Handschrift haben. Wer welches Bild gemalt hat - die Dozenten konnten es nicht erkennen.

Eines Tages saß Irina an einem Bild, das auf dem Kopf steht wie die Werke von Georg Baselitz: Bäume, deren brennende Wurzeln in den Himmel ragen und deren Kronen im Boden stecken. Längst hatten die Zwillinge die realistische Malerei hinter sich gelassen. "Die eine Hälfte war fertig", erinnert sich Irina, "doch ich kam nicht weiter - der Schatten wollte mir einfach nicht gelingen." Marina malte das Bild schließlich fertig.

Es ist ein Schlüsselerlebnis, das zur Legende wird, zur Grundlage ihres Erfolgs und ihrer Bekanntheit: "Meine Schwester hat es genau so gemacht, wie ich es mir vorgestellt habe, eins zu eins. Das war schockierend und gleichzeitig faszinierend. Von diesem Moment an haben wir kein Bild mehr getrennt gemalt", sagt Irina.

Ende 2014 machten die Zwillinge Fabrizius ihren Abschluss an der Kunsthochschule - natürlich mit einem Bild, das sie gemeinsam malten: Nebel, der dicht über den Feldern hängt, "durchsichtig, fast schwebend", dahinter die durchbrechende Sonne. Für Irina und Marina, die die Farbe lieben, war dieses Bild, das ausschließlich in weißen Tönen gehalten ist, eine Herausforderung. "Wir wussten bis kurz vorher nicht, ob wir pünktlich fertig sein werden."

Ihre Abschlusspräsentation hielten die beiden gemeinsam: So etwas war in den 250 Jahren seit der Gründung der Hochschule nie vorgekommen, und wahrscheinlich wird es das auch nie wieder geben.

Prominente kaufen ihre Bilder

Seitdem sind die Zwillinge gut im Geschäft: Zwei Menschen, die einander so gleichen und immer gemeinsam an einem Werk arbeiten, das lässt sich natürlich gut vermarkten. Ihre Bilder verkaufen sich mittlerweile für viele Tausend Euro, auch bei Prominenten hängen sie an den Wänden - bei Fußballprofis, Unternehmerinnen, TV-Stars. Namen wollen die beiden mittlerweile nicht mehr nennen. Ihre Bilder sollen im Mittelpunkt stehen, nicht der Käufer. Auf ihrer Homepage schreiben sie nur: "Privatsammlung", wenn ein Bild unverkäuflich ist.

"Die Fabrizius-Zwillinge sind eine Marke geworden", sagt Irina, "darüber sind wir froh, aber wir wollen vor allem, dass unsere Bilder die Käufer so glücklich machen, wie sie uns glücklich machen."

Die Schwestern überlegen, sich eine Wohnung in der Nähe ihres Ateliers zu suchen. "Das Malen ist für uns keine Arbeit, es ist das Schönste, was wir uns vorstellen können. Wenn wir nicht im Atelier sind, ist es, als wären wir nicht vollständig, als fehlte ein Teil von uns."

Wohin das führen wird? Irina und Marina Fabrizius werden in diesem Jahr 34 Jahre alt. Sie denken an Familie, an Kinder, doch noch sind beide Single. Für Männer ist es nicht einfach, mit eineiigen Zwillingen wie ihnen zusammen zu sein: Es wird immer jemanden geben, der mindestens genauso wichtig ist wie sie.

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Foto: Jindrich Novotny/ UNI SPIEGEL

Ausgabe 3/2015

WG-Horror
Warum das Zusammenleben oft so schwer ist

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Das große Glück der Zwillinge ist manchmal auch eine Last, zumal mit Blick auf die Zukunft. Fällt die eine aus, kann auch die andere nicht arbeiten. "Dass wir so abhängig voneinander sind, lähmt uns manchmal", sagt Irina. "Wir wissen: Die Bilder werden verschwinden, wenn wir nicht mehr zusammen sind."