Jordanische Studentin Mit Allah nach Almania
Wa'ed Hussien Al-Tarawneh wirkt zunächst, wie sich Europäer eine typische Araberin vorstellen: Sie trägt ein Kopftuch, spricht leise, ihre dunklen Augen mustern ihr Gegenüber schüchtern. Doch die 20-Jährige ist kein graues Mäuschen, das sich von der Männerwelt dominieren lässt. Wa'ed studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der "German-Jordanian University" (GJU) in Jordaniens Hauptstadt Amman.
Warum sie gerade diesen Studiengang gewählt hat? "Ich wollte etwas machen, was in Jordanien wirklich gebraucht wird", sagt die Studentin und fügt selbstbewusst hinzu: "Ich will nach meinem Abschluss sicher nicht zu Hause sitzen." Anders als viele arabische Frauen hat sie mit ihren Eltern nicht um die Studienpläne kämpfen müssen. "Meine Familie hat mein Vorhaben immer unterstützt", nur ein Onkel sei zunächst dagegen gewesen.
Auch Wa'ed kamen nach der anfänglichen Begeisterung Zweifel. Zum Studium an der länderübergreifenden Fachhochschule gehört ein einjähriger Aufenthalt in Deutschland - und der machte ihr Angst: "Das ist sehr weit weg von meinem Zuhause." Außerdem sei es in ihrer Kultur nicht erlaubt, dass eine junge Frau allein ins Ausland geht.
Ihr Vater, ein Mediziner, konnte die Bedenken jedoch zerstreuen. "Er hat mit unserem Imam gesprochen, und der meinte, dass es kein Problem sei, weil ich zusammen mit anderen gehen würde." Außerdem betonte der Vater, wie wichtig es ist, neben Englisch noch eine weitere Sprache zu lernen. "Es gibt sicher viele andere Familien, die ihren Töchtern ein Studium im Ausland nicht erlauben, weil sie Angst vor der fremden Kultur haben", sagt Wa'ed.
"Meine Eltern behandeln uns alle gleich"
Die 20-Jährige wurde sehr offen erzogen: Ihr Vater hat sie früh auf ein Englisch-Institut geschickt. Auch ihre vier jüngeren Geschwister darunter drei Jungen sollen eine gute Ausbildung bekommen. In vielen arabischen Familien immer noch ungewöhnlich, für Wa'ed selbstverständlich: "Meine Eltern behandeln uns alle gleich."
In Jordanien haben junge Frauen deutlich mehr Aufstiegschancen als in den Nachbarstaaten. Doch auch hier gibt es Unterschiede: "Je weiter man von der Hauptstadt weggeht, desto schwieriger wird es für junge Frauen, einen Job zu bekommen", erklärt Malyuba Abu-Dabbes, Dekanin der Fakultät für angewandte medizinische Wissenschaften an der GJU. Die 32-Jährige gehört zu den wenigen weiblichen Dekanen Jordaniens.
Wa'ed jobbt neben ihrem Studium an der Uni und ist als Studentensprecherin in den Hochschulgremien. Ihre moderne Erziehung schließt eine tiefe Religiosität nicht aus: Die Sunnitin betet fünfmal täglich. "Ich weiß, dass Gott bei mir ist und mir Stärke gibt", sagt sie leise, aber betont. Das Kopftuch ist für die Studentin Ausdruck ihres Glaubens, auch in Deutschland möchte sie es tragen. "Ich bin gespannt, ob ich damit akzeptiert werde."
Deutschlandbild: Orgien in den WGs
Jordanien orientiert sich stark an den Vereinigten Staaten. Doch für Wa'ed stand ein Studienaufenthalt dort nie zur Diskussion nicht nur, weil an ihrer besonderen Hochschule ein Deutschlandaufenthalt Pflicht ist: "Wenn man an gute Ingenieure denkt, denkt man automatisch an Deutschland, nicht an die USA."
Auch die Sprache gefällt ihr. Ihre Deutschnoten sind jedoch durchwachsen. Ein Grund: Wa'eds Familie wohnt in Zarqa, knapp eine Stunde von Amman entfernt. Die Deutschstunden beginnen häufig um acht Uhr. "Selbst wenn ich um fünf Uhr aufstehe, schaffe ich es oft nicht rechtzeitig, weil der Bus im Stau steht." Mit Begeisterung liest Wa'ed Bücher über die deutsche Kultur allerdings noch auf Arabisch.
In den Deutschklassen gibt es oft hitzige Diskussionen über den Lebensalltag in Deutschland. "Wir müssen unseren Studenten dann immer erklären, dass in deutschen Wohngemeinschaften nicht alle in einem Zimmer schlafen und es dort keine Orgien gibt", berichtet Juliane Schwab, die seit zwei Jahren die Deutschabteilung an der GJU leitet. Viele Kommillitonen von Wa'ed haben Vorurteile.
Nour Al-Ouran zum Beispiel studiert Betriebswirtschaft und ist strikt gegen Auslandsaufenthalte von arabischen Frauen: "Es ist möglich, dass sie sich der fremden Gesellschaft öffnen und Dinge machen, die ihrem Glauben und ihrer Tradition widersprechen", sagt die 21-Jährige. Wa'ed dagegen könnte sich sogar vorstellen, längere Zeit in Deutschland zu bleiben, um nach dem Bachelor auch noch den Master zu machen.
Viele Männer stören sich am Auslandsaufenthalt
"Die jungen Frauen in Jordanien sind sehr zielstrebig", sagt Labib Khadra stolz. Der Professor für Elektrotechnik ist Gründungspräsident der GJU. "Wir müssen ihnen alle Chancen geben, dass sie einen guten Beruf finden." Frauen seien in vielen Berufsfeldern geeigneter als Männer, weil sie verantwortungsvoller handelten. "Wenn wir sie im industriellen Sektor stärker mit einbeziehen, wird das unsere gesamte Wirtschaft voranbringen."
Khadras Begeisterung für den akademischen Austausch erklärt sich aus seiner Biographie: Das Diplom hat er 1976 in Aachen gemacht, danach forschte er in den USA. Etwas mehr als die Hälfte aller Studierenden in Jordanien ist weiblich. Bei den teuren Privatuniversitäten sind deutlich weniger Frauen immatrikuliert. "In der Regel wird immer noch eher in die Ausbildung der Söhne investiert", sagt Ibtesam Al-Atiyat, Soziologin von der "United Nations University".
Wa'ed möchte Karriere machen - und später auf jeden Fall eine Familie haben. Sie weiß, dass "manche Männer in Jordanien sicher ein Problem damit haben werden, dass ich im Ausland war. Aber ein Mann, der so denkt, ist eben auch kein Mann für mich."
Den Aufenthalt in Deutschland sieht sie als Chance, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln: "Das wird eine große Herausforderung für mich." Und noch aus einem anderen Grund freut sie sich auf ihre Zeit in Deutschland: "Ich liebe deutsche Schokolade", gesteht Wa'ed und lächelt. "Allen Kommilitonen, die für einen Sprachkurs nach Deutschland fahren, sage ich: Bringt mir Schokolade mit."