Junge Abgeordnete: Ich studiere noch, aber pssst - DER SPIEGEL
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Junge Abgeordnete Ich studiere noch, aber pssst

Studenten haben keine Lobby im Deutschen Bundestag: Die wenigen studierenden Abgeordneten verstecken ihre akademische Biografie, so gut es geht. Sie fürchten den Spott der übermächtigen Alten.
Von Wiebke Hollersen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie werden beide nicht gern darauf angesprochen. Jens Spahn, 29, und Manuel Sarrazin, 27, sind Abgeordnete im Deutschen Bundestag, aber das ist nicht ihr Problem. Die Tatsache, dass sie noch studieren, ist das Problem. Das wollen sie nicht unbedingt in die Welt hinausposaunen. Es könnte aussehen, als seien sie nicht konsequent genug, etwas durchzuziehen. Es macht sie zu Außenseitern im Parlament.

Denn höchstens eine Handvoll der 612 Abgeordneten ist noch an einer Hochschule eingeschrieben, eine winzige Minderheit angesichts der Übermacht von 143 Juristen, 77 Lehrern; sogar 12 Geistliche gibt es. Im Durchschnitt sind die Parlamentarier 53 Jahre alt, nur sieben sind jünger als 30.

Auch wer nach studentischen Kandidaten für die Bundestagswahl am 27. September sucht, findet vor allem Studenten, die eigentlich keine mehr sind. Die gerade ihre letzten Scheine machen, an der Abschlussarbeit schreiben, nur noch die Prüfungen ablegen müssen.

Die meisten Studenten, die in den Bundestag wollen, treten als Direktkandidaten an, in Wahlkreisen, die traditionell von einer anderen Partei gewonnen werden. Manche Studenten kandidieren auch auf den Landeslisten der Parteien; man findet sie auf den hinteren Plätzen, wo eine Wahl nicht mehr als sicher gilt.

Es gibt in Deutschland zwei Millionen Studenten, die wählen dürfen. Wer vertritt ihre Interessen? Wo ist ihre politische Lobby?

Wie Kämpfer klingen sie nicht, allenfalls wie Wahlkämpfer

Die Studenten, die antreten, klingen nicht, als hätten sie große Lust auf Konfrontation, auf harte politische Kämpfe. Sie geben sich wie nette junge Leute, die sich ein bisschen einbringen wollen. Ihnen geht es vor allem darum, für ihre jeweilige Partei zu streiten. Auf ihre Ziele hinzuweisen. Für bessere Politik zu werben. Sie klingen dabei fröhlich, sie berichten von ihren Plänen für den Sommer: Wahlkampf, von frühmorgens bis spätabends. Das mache Spaß, auf Ferien könnten sie verzichten.

Und wenn sie doch in den Bundestag kommen? Dann wollen sie, gleich bei welcher Partei sie sind, "junge Politik machen". Sich für eine bessere Bildungspolitik einsetzen, für Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit.

Wenn sie tatsächlich gewählt werden, sollten sie sich mit Jens Spahn und Manuel Sarrazin unterhalten. Darüber, was so möglich ist an junger Politik.

Spahn ist Christdemokrat und schon seit sieben Jahren im Parlament, Sarrazin ist bei den Grünen und erst vor gut einem Jahr als Nachrücker eingezogen. An ihren Universitäten sind die beiden schon recht lange eingeschrieben. Wann sollen sie auch studieren? Schließlich arbeiten sie voll, und voll heißt meistens 50, 60 Stunden in der Woche. Vor allem jetzt, kurz vor der Wahl, zu der sowohl Spahn als auch Sarrazin wieder antreten.

Das schlimmste Schimpfwort: Langzeitstudent

Aber man könnte die beiden jungen Abgeordneten auch Langzeitstudenten nennen, und vermutlich ist es das, was sie fürchten. Es gibt wohl kaum eine Tätigkeitsbeschreibung, die unangenehmer für einen Politiker ist. Dem Kollegen Niels Annen (SPD), 28 Semester Geografie, wurde gerade, nachdem ihn die Lokalpresse verspottet hatte, von seinem eigenen Parteiverband in Hamburg-Eimsbüttel die Direktkandidatur verweigert.

Jens Spahn hat da bessere Chancen. Er wird mit großer Wahrscheinlichkeit im September zum dritten Mal in Folge seinen Wahlkreis im Norden Nordrhein-Westfalens gewinnen und für weitere vier Jahre ins Parlament einziehen. Und das, obwohl er einer der wenigen jungen Abgeordneten ist, die einmal ernsthaft "junge Politik" zu machen versuchten.

An der Tür zu seinem Abgeordnetenbüro hängt eine Urkunde, auf der die Renten in Deutschland für sicher erklärt werden, für immer und ewig. Im Vorzimmer sitzen in einem Regal zwei Puppen aus der Muppet Show, Statler und Waldorf, die alten, ewigen Nörgler. An den Tischen im Vorzimmer sitzen junge Leute. "Jens hat eine SMS geschickt, er ist etwas verspätet", sagt einer.

An diesem Morgen hat die vorletzte Sitzungswoche der Legislaturperiode begonnen, für Spahn im Café Einstein Unter den Linden, er hat dort Journalisten getroffen. Im Büro angekommen, wirft er sein Sakko über einen Stuhl.

Studium? Ja, aber nicht verraten

Er wirkt nicht mehr jung und noch nicht alt, er ist ein großer Mann mit kurzen Haaren und Brille, das Auffälligste an ihm ist, dass er so oft lacht. Mit 15 ist er in die Junge Union eingetreten, mit 17 in die CDU, mit 19 war er Mitglied im Stadtrat seines Heimatortes Ahaus im Münsterland. Seit fast sieben Jahren, so lange, wie er Abgeordneter ist, studiert Spahn auch, an der Fernuniversität Hagen. In seiner Biografie im Bundestagshandbuch wird das nur angedeutet. Da steht neben seinem Bild: Bankkaufmann und Politologe.

Nach dem Abitur hat Jens Spahn eine Bankausbildung gemacht und bei einer Bank gearbeitet. Das muss er noch loswerden, bevor er endlich über sein Studium redet. "Ich lege wirklich Wert darauf, dass ich schon etwas anderes gemacht habe." Ein paar Monate nur war er nach seiner Ausbildung bei dieser Bank, es ist schon Jahre her, aber diese Monate scheinen ihn für seine Politikerlaufbahn zu qualifizieren. Offenbar hat ihn das zu einem anständigen jungen Menschen gemacht. Zu einem, der schon was geleistet hat. Zum Gegenteil eines Langzeitstudenten.

Er sagt, dass es ohne abgeschlossene Ausbildung mit einer Bundestagskandidatur schwierig geworden wäre, "bei mir zu Hause, von der Stimmung her". Er ist in einer konservativen Partei und kommt aus einer ländlichen Gegend.

Im Frühling vor einem Jahr wurde Spahn als Politiker plötzlich bundesweit bekannt. Es ging um die Renten, die Große Koalition hatte eine außerplanmäßige Erhöhung beschlossen, Spahn hatte das ein Wahlgeschenk für Rentner genannt und gesagt, die Sache ginge langfristig zu Lasten seiner Generation. Daraufhin wurde er in Talkshows eingeladen.

"Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal" - und vom Leben keine Ahnung?

Die Senioren-Union forderte, ihm seinen Wahlkreis wegzunehmen. Und Spahn bekam Post. Unmengen Post. 3500 Briefe und Mails, schätzt er, die meisten klangen wütend, in einigen habe gestanden: "Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal". So einer sei er, einer, der nichts gesehen habe außer Uni und Parlament und deshalb vom Leben keine Ahnung.

Jens Spahn hat in diesem Frühling das Gesetz, mit dem Rentenkürzungen für die Zukunft ausgeschlossen werden sollen, kritisiert und trotzdem zugestimmt. Es sei bei der Abstimmung um mehr gegangen, so hat er das gerade in der Fernsehsendung von Anne Will erklärt.

Wenn man Jens Spahn fragt, ob er Politik für seine Generation machen will, dann setzt er ein ernstes Politikergesicht auf und sagt viele Politikersätze. Er wolle die Interessen seiner Generation "im Blick behalten", genauso wie die Interessen anderer Generationen. Was ist mit den Interessen der Studenten? Spahn guckt jetzt nicht mehr ernst, sondern erschrocken. Studentenführer will er auf keinen Fall sein.

Als er 2002 zum ersten Mal für den Bundestag kandidierte, war er an der Universität in Münster eingeschrieben, für BWL. Ein richtiges Studium, bei dem man in Vorlesungen sitzen muss, ging nach der Wahl nicht mehr, er meldete sich an der Fernuniversität Hagen an, Politik und Recht, in Politik hat er vor einem Jahr den Bachelor gemacht, jetzt will er auch den Master schaffen.

Zwei Wochen echtes Studentenleben

Er schwärmt dann doch noch von seinem Studium, dem tollen Lernmaterial, das in dicken Paketen regelmäßig aus Hagen kommt, den Klausurbesprechungen per Webcam, den Blockseminaren in verschiedenen Städten. Besonders schwärmt er von zwei Wochen im vergangenen Juli. Da ist er zu einer Summer School nach Madrid gefahren.

Den Kurs besuchten 36 Leute aus Spanien, den Niederlanden und Deutschland, sie wohnten auf dem Campus, in Acht-Quadratmeter-Zimmern. Ganz einfache, kleine Zimmer, sagt Spahn, es gab auch einen Pool und abends Bier. Zwei Wochen echtes Studentenleben. Das habe er ganz bewusst gemacht. Und eigentlich wäre er gern mal für ein Jahr ins Ausland gegangen, Australien, Amerika, mal richtig weit weg, so wie andere Studenten das machen.

Manuel Sarrazin will nach Osteuropa, mit dem Erasmus-Programm, wenn das im September nichts wird. Das gehört zu seinem Plan B, der sich, wie Plan A, mit dem Abschluss seines Magisterstudiums im kommenden Sommer befasst.

Plan B gilt für den Fall, dass Manuel Sarrazin nicht wieder in den Bundestag gewählt wird. Er belegt bei den Grünen in Hamburg den zweiten Listenplatz, das ist ein guter Platz, aber kein ganz sicherer.

Wenn's mit der Wiederwahl nicht klappt, geht's wieder an die Uni

Es ist Wahlkreiswoche, Manuel Sarrazin hält sich gerade nicht in Berlin auf, sondern in Hamburg-Harburg. Er ist in Dortmund geboren und als Kind hierhergezogen, er schwärmt von dem Hamburger Stadtteil, als wolle er nie wieder weg. Es regnet, Harburg sieht an diesem Tag grau aus, die Kneipe, in der Manuel Sarrazin mit einem Mitarbeiter aus seinem Büro das günstige Mittagsgericht gegessen hat, heißt Goldener Engel. Also gut, sagt Sarrazin, er sei im 13. Semester, Uni Hamburg, Geschichte, Osteuropa-Studien, Jura. Für einen Politiker wirkt er ziemlich wortkarg, aber vielleicht liegt das am Thema. Ihm fehlten noch vier Scheine, und es gebe da ein paar liegengebliebene Hausarbeiten. Aber er habe seine Pläne.

Plan B zuerst, keine Wiederwahl. Dann will Sarrazin wieder richtig studieren, Scheine und Hausarbeiten in einem Semester abarbeiten, das Auslandssemester in Osteuropa einlegen und dort die Magisterarbeit schreiben. Plan A sieht im Prinzip dasselbe vor, ohne Auslandssemester - und mit Bundestagsmandat. In den Wahlkreis-Wochen will sich Sarrazin jeweils "richtig große Zeitslots" für die Uni einräumen.

Er ist politisch aktiv, seit er mit 16 Jahren Mitglied bei der Grün-Alternativen Liste in Hamburg wurde. Mit 19 hat er den Bürgerschaftswahlkampf seiner Partei in Harburg organisiert, mit 22 Jahren ist er selbst in das Hamburger Parlament gewählt worden.

Als nach der Bürgerschaftswahl im Februar 2008 die Grünen in Hamburg eine Koalition mit der CDU eingingen, kehrte die Landesvorsitzende aus dem Bundestag zurück, um Senatorin zu werden. Bei der Bundestagswahl vor vier Jahren hatte Manuel Sarrazin auch kandidiert, auf dem eigentlich aussichtslosen fünften Listenplatz. Es sei denn, es ist drei Jahre später plötzlich ein Mandat nachzubesetzen, und die Kandidaten, die auf den Plätzen drei und vier waren, stehen nicht mehr zur Verfügung. Wenn Sarrazin nicht in den Bundestag gegangen wäre, wäre das Mandat für die Grünen verfallen.

"Ach was, er ist noch Student?"

Ja, dann habe er das gemacht, sagt Manuel Sarrazin. Gefeiert habe er nicht. "Ich hab gedacht: Erst mal abwarten, wie sich mein Leben ändert." Handy-Aufladekabel und Schuhe sind jetzt oft in der anderen Stadt, außer der Wohnung in Harburg hat er ein WG-Zimmer in Berlin-Kreuzberg. Er arbeitet noch mehr als vorher und hat zum ersten Mal in seinem Leben etwas Geld gespart.

Setzt er sich im Bundestag für seine Generation ein? Für die Belange von Studenten? "Ich sehe mich eher als Europapolitiker. Ich bin ja auch nicht mehr jung", sagt Sarrazin. Er reibt sich mit der Hand über den Kopf, der kahl wird, und wirkt dabei ganz zufrieden. Seit elf Jahren ist er in seiner Partei, genauso lange hört er von einigen dort, dass er zu jung sei. Manchmal hört er auch, dass er seinen Uni-Abschluss machen soll.

"Die ewigen Studenten sind ja sehr abhängig vom Mandat", sagt Manuel Sarrazin. Er will unbedingt fertig werden, weil er unabhängig werden möchte. Wer früh im Bundestag anfange, solle früh wieder aufhören.

In die Kneipe in Harburg ist inzwischen eine seiner Kolleginnen aus der Bundestagsfraktion gekommen, Ekin Deligöz, am Nachmittag wird sie Sarrazin auf einer kleinen Tour durch seinen Wahlkreis begleiten, sie werden gleich einen neueröffneten Jugendclub besichtigen. Deligöz fragt, worum es in dem Interview ging, das ihr Kollege gerade gegeben hat.

Als sie die Antwort hört, sagt sie: "Ach was, er ist noch Student?"