Köhler-Rede: "Wissen und Wertebewusstsein" - DER SPIEGEL
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Köhler-Rede "Wissen und Wertebewusstsein"

Die Rezepte des Bundespräsidenten zur Genesung des deutschen Bildungssystems sind nicht besonders originell - und trotzdem richtig. Stellenweise werden sie schon umgesetzt, doch Erfolge werden erst mit Verzögerung sichtbar.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - "Erst wenn Wissen und Wertebewusstsein zusammenkommen, ist der Mensch fähig, verantwortungsbewusst zu handeln." Das ist der Satz, der die mit Spannung erwartete Rede des Bundespräsidenten wahrscheinlich am besten zusammenfasst: Ein erfolgreiches Bildungssystem, so wie es sich Horst Köhler für Deutschland wünscht, soll wissenschaftliche Leistung ermöglichen und stabile Werte vermitteln.

Damit präsentiert sich der Bundespräsident auf der Höhe dessen, was in der Bildungspolitik mittlerweile als Common Sense gelten kann - ohne selbst mit außergewöhnlichen Analysen zu überraschen.

Einige Befunde des Bundespräsidenten im Detail:

"In Deutschland erwerben vergleichsweise wenig junge Menschen die Hochschulreife, und zu wenige schließen ein Studium ab."

Im Vergleich zu anderen Industrieländern hat Deutschland eine vergleichsweise niedrige Akademikerquote. Nach jüngst veröffentlichten Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erwerben in Deutschland derzeit rund 20 Prozent eines Alterslehrgangs einen Hochschulabschluss. Die OECD-Staaten weisen aber im Schnitt eine Akademikerquote von knapp 35 Prozent auf. Deutschlands Rückstand bedroht die Wirtschaftskraft: Die Akademiker fehlen als Ideengeber, Firmengründer oder als gut ausgebildete Fachkräfte.


"Wir brauchen angemessene Finanzmittel für alle Bereiche des Bildungssystems, denn unsere Bildungsausgaben sind insgesamt zu niedrig."

Die Bundesrepublik gibt weniger Geld als andere Länder für Bildung aus - und zwar sowohl für Schulen als auch für Hochschulen. Laut OECD lag der Anteil öffentlicher und privater Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2003 mit 5,3 Prozent deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,9 Prozent. An der Unterfinanzierung sind aber nicht allein die öffentlichen Haushalte schuld: Deutsche Familien zeigten sich bislang wenig bereit, Geld für die Ausbildung der eigenen Kinder zurückzulegen - ganz anders als beispielsweise Eltern in Südkorea oder den Vereinigten Staaten.


"Bildungsschancen sind Lebenschancen. Sie dürfen nicht von der Herkunft abhängen. Darum werde ich immer auf der Seite derer sein, die leidenschaftlich eintreten für eine Gesellschaft, die offen und durchlässig ist und dem Ziel gerecht wird: Bildung für alle."

Nur in wenigen Ländern ist die Bildungskarriere so stark an die soziale Herkunft gekoppelt wie in Deutschland. Das Deutsche Studentenwerk hat erhoben , was aus 100 Kindern weniger gebildeter Eltern wird: 64 gehen gar nicht erst auf weiterführende Schulen und fallen damit für eine Karriere in Berufen mit hohem Einkommen und Sozialprestige weitgehend aus. Und an den Hochschulen bleiben Kinder aus Akademikerfamilien weitgehend unter sich. Gesamtschulfans schieben den Schwarzen Peter für die Undurchlässigkeit häufig dem dreigliedrigen Schulsystem zu - und greifen damit zu kurz: Länder mit und ohne Einheitsschule sind sozial durchlässiger als Deutschland, daran allein kann es nicht liegen.


"Unsere Gesellschaft muss Zuwanderern gute Bildungschancen bieten, und die Zuwanderer müssen sich im Klaren darüber sein, was auf ihrer Seite den Bildungserfolg fördert."

Schulvergleichstudien wie Pisa belegen, dass Ausländerkinder in Deutschland bei ihren Schulleistungen stark zurückhängen - weitaus stärker als in anderen Ländern. Bei 15-jährigen Schülern beläuft sich beispielsweise der Rückstand von Migrantenkinder auf ihre deutschen Klassenkameraden auf satte drei Jahre. Und was noch schwerer wiegt: Einwandererkinder aus der zweiten Generation schneiden sogar schlechter ab als diejenigen, die mit ihren Eltern nach Deutschland kommen.


"Eltern hier in Deutschland, die ihren Kindern im Leben Erfolg wünschen, sprechen mit ihnen Deutsch - nicht unbedingt Deutsch allein, aber jedenfalls auch Deutsch."

Sprachkenntnisse, das haben ebenfalls mehrere Schuluntersuchungen belegt, sind notwendige Voraussetzung dafür, dass Ausländerkinder überhaupt die Chance haben, in der Schule mitzuhalten. Immer mehr Bundesländer gehen deshalb dazu über, ausreichende Deutschkenntnisse vor der Einschulung zu prüfen und bei Bedarf Sprachkurse anzubieten.


"Wir brauchen gute Lehrer - und wir brauchen auch genug Lehrer: Genug Lehrer, um den Unterrichtsausfall zu minimieren; genug Lehrer für vernünftige Klassengrößen; genug Lehrer für alle vorgesehenen Schulfächer."

Deutsche Lehrer, so das Ergebnis einer OECD-Studie, sind im internationalen Vergleich privilegiert: Sie verdienen 40 Prozent mehr als der Durchschnitt ihrer Kollegen in anderen Industrieländern. Außerdem genießen sie in Deutschland Beamtenstatus - eine deutsche Besonderheit. Weitgehend erfolgreich widersetzte sich die Lehrer-Lobby bislang Versuchen, Lehrer-Leistungen zu prüfen. Was hinter der Klassenzimmertür geschieht, bleibt in Deutschland weitgehend Geheimsache. Gegen den grassierenden Unterrichtsausfall geht beispielsweise das Bundesland Hessen an, indem es Laien-Lehrer einstellt.


"Wir wissen: Nicht alles ist messbar. Aber Pisa hat uns genügend Anhaltspunkte dafür gegeben, dass unser Bildungssystem sich nicht auf der Höhe der Zeit befindet."

Die Einsicht, dass Vergleichstudien wie Pisa sinnvoll sind, setzt sich an Schulen und Hochschulen zunehmend durch. An der dritten Pisa-Studie nahmen in diesem Jahr rund 55.000 deutsche Schüler im Alter von 15 Jahren teil, die Auswertung läuft noch. Die Bundesregierung hat ein eigenes "Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen" ins Leben gerufen, das Schulerhebungen koordiniert.


"Vor zwei Wochen habe ich die Goethe-Grundschule in Mainz besucht - übrigens eine Ganztagsschule. Dort gibt es an den Nachmittagsen viele Spiel-, Sport- und Lernangebote."

Der hartnäckige Grabenkampf um Sinn und Unsinn der Ganztagsschule ist weitgehend beendet: Die CDU-Bildungsministerin Annette Schavan hat sich dazu entschlossen, das milliardenschwere Programm ihrer Vorgängerin Edelgard Bulmahn (SPD) fortzuführen. Was die Schulen mit dem Geld anfangen, bleibt ihnen aber weitgehend selbst überlassen - und allein wegen der dringend benötigten Mittel ist das Programm schon populär.