Korruptionsverdacht in Russland: Uni ließ Hunderte Phantomstudenten zu - DER SPIEGEL
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Korruptionsverdacht in Russland Uni ließ Hunderte Phantomstudenten zu

Hat Moskau eine Geister-Uni? Mehr als 700 Top-Abiturienten schafften es in diesem Sommer an eine renommierte Medizin-Hochschule - allein, die meisten Bewerber gab es nie. Als Phantomstudenten verstopften sie gebührenfreie Studienplätze, die dann gegen Geld an schlechtere Bewerber gehen sollten.
Phantom (rechts), hier in der Oper: An Moskaus Pirogow-Universität gab es ganze 626
Phantom (rechts), hier in der Oper: An Moskaus Pirogow-Universität gab es ganze 626

Phantom (rechts), hier in der Oper: An Moskaus Pirogow-Universität gab es ganze 626

Foto: ALEX BAILEY/ AP
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Vielleicht hatte der Rektor der staatlichen Moskauer Pirogow-Universität ein Herz für schlechte Schüler, wahrscheinlicher ist aber, dass es ihm schlicht um Geld gegangen ist. Jedenfalls kostete Nikolai Wolodin die Aufnahme von 626 in der russischen Presse als "Phantomstudenten" bezeichneten, erfundenen Erstsemestern an seiner Uni den Job. Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa habe den Hochschulleiter entlassen, teilte ihr Ministerium am Mittwoch mit.

Die renommierte Medizin-Uni steht seit einigen Tagen unter Korruptionsverdacht. Sie hatte Ende Juli über 700 Studenten für ein Medizinstudium zugelassen, die die landesweit einheitliche Aufnahmeprüfung mit Bravour gemeistert hatten - Schüler mit sehr guten Testergebnissen zahlen für ihren Studienplatz keine Gebühren. Doch laut Staatsanwaltschaft existierten 626 dieser besonders begabten Studienbewerber gar nicht.

Offenbar hatte die Uni sich die Geisterstudenten ausgedacht, die naturgemäß ihr Studium nicht antreten würden, um im Nachrückverfahren Abiturienten mit schwächeren Leistungen zum Zuge kommen zu lassen - als Gegenleistung für ein Bestechungsgeld für den ersehnten Platz.

Der Vorsitzende des Russischen Studentenverbandes, Artjom Chromow, sagte laut der deutschsprachigen Nachrichtenseite "Russland-Aktuell", dass Eltern und Bewerbern in der Nähe des Immatrikulationsbüros Studienplätze für 400.000 Rubel (ca. 10.000 Euro) angeboten worden seien . Das Vorgehen der Uni nannte Chromow als "sehr gescheit, sachkundig und abgewogen". Mit den falschen Studienplätzen für die "toten Seelen" habe die Uni all jene Top-Abiturienten ausgesiebt, die dank ihrer guten Leistung ein Anrecht auf einen der kostenlosen Studienplatz gehabt hätten.

Rektor spricht von "technischen Fehlern"

Aufgeflogen ist die Zulassung der Phantomstudenten nur durch Zufall. Der Blogger Viktor Simak hatte sich die Zulassungslisten der Moskauer Medizin-Unis angesehen und war stutzig geworden, weil sich viele der Top-Abiturienten nur bei einer Uni beworben hatten: Der Pirogow-Universität. Außerdem hätten sich viele der Bewerbernamen auch schon auf der Zulassungsliste des vergangenen Jahres befunden.

Seinen Verdacht veröffentlichte der Blogger unter anderem im Online-Forum der Hochschule, worauf sich die staatliche Aufsichtsbehörde für Bildung einschaltete. Deren Ermittlungen ergaben, dass Hunderte der vermeintlichen Erstsemester gar nicht im zentralen Register des Schulabgänger verzeichnet waren.

Laut "Russland-Aktuell" hatte Rektor Wolodin zunächst mit der Entlassung von Untergebenen reagiert und von "technischen Fehlern" gesprochen. Nun wurde er, der als Rektor auch Vorsitzender der Zulassungskommission ist, selbst seines Amtes enthoben.

Russland hatte erst 2009 eine landesweit einheitliche Prüfung für die Studienzulassung eingeführt. Eigentlich sollte sie den Zugang zu den staatlichen Hochschulen transparenter und weniger anfällig für Korruption machen.

seh/AFP