Kulturmix Bücher Du bist Döner
SACHBUCH / "Deutschland-Puzzle"
Pünktlich zur WM, als die Welt zu Gast bei Freunden war, stellten sich die Freunde mal wieder eine altbekannte Frage. Wie immer, wenn in ihrem Land etwas Bedeutendes geschieht, wenn etwa einer von ihnen Papst wird oder eine Kanzlerin. Dann guckt die Welt auf Deutschland. Und die Deutschen fragen sich, wer sie eigentlich sind.
Das deutsche Wesen - wie und wo zeigt es sich? In der Flagge? In der Hymne? Im Grundgesetz? Alles richtig, aber die Antworten, die Feuilletons und Talkshows herbeiphilosophieren, sind oft ganz schön hoch gegriffen. Was die Nation im Innersten zusammenhält, hat der Journalist Klaus Werle ein paar Etagen unterhalb der Metaebene gefunden: zum Beispiel beim Schweden am Stadtrand und beim Türken um die Ecke.
Ikea und Döner gehören längst zur deutschen Alltagskultur. Selbst der Bildungsbürger verwahrt seinen Brockhaus im eigenhändig zusammengeschraubten Regal und gönnt sich regelmäßig Geknofeltes im Fladenbrot. Anstelle des schnöden deutschen Filterkaffees schlürfen wir heute lieber Latte Macchiato. Bloß unser Vollkornbrot wollen wir gegen kein Sandwich der Welt eintauschen.
Manches an unserem Alltag ist und bleibt eben urdeutsch, wie Werles "Deutschland-Puzzle" zeigt: Den ADAC, die Autobahnen, den "Tatort" wollen wir nicht missen. Doch insgesamt ist der Kitt der Republik im Jahr 2006 ein bunter Mix aus Multikulti und Mülltrennung, Joggen und Simsen, Aldi und Ebay. 20 solcher Puzzleteile hat Werle für sein Buch zusammengetragen - eine faktenreiche, unverkrampfte Begleitlektüre für den Weg zur Selbstfindung.
Klaus Werle: "Deutschland-Puzzle". Herder Verlag, Freiburg; 160 Seiten; 7 Euro.
Roman / "Das Wasser, in dem wir schlafen"
Die Schlammfliegen, die anfangs auftauchen, verheißen nichts Gutes. In Schwärmen legen sie sich vom See her über die ganze Stadt, und da sie nur einen Tag lang leben, knirschen die toten Insekten bald bei jedem Schritt unter den Schuhsohlen.
Das Todesmotiv ist ein böses Omen für die Geschichte zweier Schwestern, die die 23-jährige Literaturstudentin Rabea Edel in ihrem Debütroman erzählt. "Das Wasser, in dem wir schlafen" handelt von einer Familie, die langsam zerbricht, nachdem die zweite Tochter Lina geboren ist.
Die Mutter steht fortan nur noch stumm am Fenster, betrügt ihren Mann und verlässt die Familie schließlich. Der Vater, lethargisch und hilflos, lässt seine Töchter verwahrlosen. Lina und ihre ältere Schwester wachsen heran zu Verbündeten, die sich in tiefer Hassliebe aneinander klammern, weil sie sonst niemanden haben. "Lina und ich sind ungerade, wir sind nicht teilbar", sagt die Ich-Erzählerin. Bis ein Mann kommt, den beide wollen. An Gregor entflammt ein Konkurrenzkampf der Schwestern, der so lange wütet, bis eine dem Leben entflieht.
Eine grausame, radikale Geschichte habe sie erzählen wollen, sagt die Autorin, die mit Auszügen aus ihrem Erstling bereits den Literaturwettbewerb "Open Mike 2004" gewann.
Ihr Debüt ist ein klar und poetisch geschriebenes Geschwisterpsychogramm, das offenbar keine autobiografischen Züge trägt: Zu ihrer eigenen Schwester, sagt Rabea Edel, habe sie "ein sehr gutes Verhältnis".
Rabea Edel: "Das Wasser, in dem wir schlafen". Luchterhand Literaturverlag, München; 160 Seiten; 16,95 Euro.