Kulturmix Musik Tanzbares Risiko
FRANZ FERDINAND / Tonight: Franz Ferdinand
Wochenlang hat es sich "Ulysses", die Vorab-Single, auf den Spitzenplätzen der Campuscharts gemütlich gemacht - ein Hinweis auf die großen Erwartungen, die die Fans in das dritte Album der Band aus Glasgow, "Tonight: Franz Ferdinand", setzen.
Sie werden nicht enttäuscht: Wie auf den exzellenten Vorgängern "Franz Ferdinand" (2004) und "You Could Have It So Much Better" (2005) klingen Alex Kapranos, Nicholas McCarthy, Paul Thomson und Robert Hardy wie eine in das Hier und Jetzt katapultierte Wave-Rock-Band der achtziger Jahre.
Trotzdem ist "Tonight" kein Aufguss des Altbekannten. Das Prinzip Elektro haben nun auch die Schotten entdeckt und unterlegen "Ulysses" und "Turn It On" mit düsterem Synthie-Gegrummel und Hintergrundeffekten, die das Gesamtbild weniger stören denn verfeinern, und in Songs wie dem Dancefloor-tauglichen "No You Girls" für einen Genre-Sprung zu Funkrock Marke Prince und Disco sorgen.
Aber tanzbar war Franz Ferdinand schon immer, jetzt wird es auch der größte Ignorant merken. Und wer kann etwas haben gegen eine Verbeugung vor den späten Beatles mit "Twilight Omens"? Gegen eine Avance an Blondie mit "Live Alone"? Ein punkiges "Bite Hard"? Ein verschlafenes Schlaflied ("Dream Again")? Her damit.
Franz Ferdinand geht in jedem der zwölf Songs ein Risiko ein, und das sehr erfolgreich. So ist "Tonight: Franz Ferdinand" vielleicht nicht ihr bestes, aber das vielseitigste und mutigste Album geworden, mit vielen großen Überraschungen. Einer der ersten Höhepunkte des Pop-Jahres 2009.
BRUCE SPRINGSTEEN / "Working on a Dream"
Respekt! Es kommt nicht oft vor, dass man den Eröffnungssong eines Albums nach dem ersten Abspielen sofort noch einmal hören will - "Outlaw Pete" von Bruce Springsteens neuer Scheibe "Working on a Dream" ist so einer: ein achtminütiges Opus magnum, ein dramatisch orchestriertes Stadionpanorama rund um eine der prägnantesten Stimmen der Rockgeschichte. Ein starkes Stück, auch wenn das Grundthema an "I Was Made for Loving You" von Kiss erinnert.
"My Lucky Day", "What Love Can Do" und die ruhigeren "Working on a Dream" und "Queen of the Supermarket" sind dagegen herkömmlicher, aber eben der Boss pur: Blues, Folk und Rock'n'Roll. Auch den Country vergisst er mit "Tomorrow Never Knows" nicht.
Insgesamt ist "Working on a Dream" klassischer, vielleicht sogar altmodischer US-Mainstream-Rock, aber das aus Leidenschaft. Der Mann wird dieses Jahr auch schon 60. Man will es nicht glauben.