Kulturmix Musik Versailler Friede
PHOENIX / "Wolfgang Amadeus Phoenix"
Achtung, Konzept! Ein wenig fürchtet sich, wer das neue Album der französischen Band Phoenix zur Hand nimmt.
Mit "Wolfgang Amadeus Phoenix" hat es einen Titel, der das Schlimmste befürchten lässt. Der Umstand, dass die Band monatelang durch die Welt gondelte, um es einzuspielen, wirkt auch nicht gerade beruhigend. Einige Teile entstanden in New York, wo man sich in einem Hotel auf der Bowery einmietete, andere in Paris, wo das Quartier im Atelier eines Malers des 19. Jahrhunderts aufgeschlagen wurde.
Diese Art käuflicher Inspirationsumgebung suchen klassischerweise Bands in der Schaffenskrise. Ein Zustand, von dem Phoenix drei Alben lang verschont blieb. Auch das: unnormal lange. Alles Indizien dafür, dass ein Phoenix-Album ausnahmsweise mal nichts taugt.
Und dann? Alle Befürchtungen umsonst. "Wolfgang Amadeus Phoenix" ist ein weiteres perfektes Album des Quartetts aus Versailles: Laurent Brancowitz, Thomas Mars, Christian Mazzalai und Deck D'Arcy. "Wolfgang Amadeus Phoenix" ist Musik von jungen Männern, die sich, wenn sie einer Frau imponieren wollen, auch ans Klavier setzen können.
Wer käme sonst auf die Idee, ein Stück wie "1901" zu schreiben, das das Paris ebenjenes Jahres in Erinnerung ruft, eine Stadt, in der die Weltausstellung noch nachglüht, der "futuristischste Moment" der französischen Hauptstadt, wie Thomas Mars sagt? Oder "Lisztomania", einen Song über den Komponisten, Pianisten und Wagner-Schwiegervater Franz Liszt?
Die Band hat nichts von ihrer Leichtigkeit verloren, von der Kunst, über einen federnden Groove Melodien zu legen, die niemals aufdringlich sind, sich dann aber trotzdem ins Hirn senken und sich partout weigern, von dort wieder zu verschwinden. Im Film "Marie Antoinette" von Sofia Coppola - sie ist die Freundin von Thomas Mars - haben die vier von Phoenix einen Auftritt als barocke Hofmusiker.
Die Band macht Musik, die diesen Geist der Freude und Verschwendung atmet. Und all das, ohne dass es dafür noch eine Aristokratie brauchte.
FLEUR EARTH EXPERIMNET / "Soul des cabots"
Unbemerkt von einem größeren Publikum werkelt in Köln seit Jahren eine Gruppe von Soul-Begeisterten an ihrer Musik herum. Dazu gehört die Sängerin Fleur Earth. Sie ist 29, aufgewachsen zunächst in der DDR, dann für einige Jahre im Kongo, als Teenager kam sie zurück nach Deutschland.
Fleur Earth hat mit ihrer Band nun ein erstaunliches Album vorgelegt: "Soul des cabots". Ihre Musik ist im Rap verwurzelt, das merkt man der Art an, wie die Texte fließen, wie sie ihre Zeilen immer wieder neben dem Takt laufen lässt, um sie dann aufzufangen, daran, dass sie immer wieder mit lyrischem Stop & Go kokettiert.
Das hört sich ziemlich lässig an - und sehr eigen. R&B wird ja oft mit der schönen Oberfläche verwechselt. Fleur Earth weiß, dass es um Tiefe geht. Ein bedingungslos origineller Entwurf von deutschem Straßensoul.