Leben: Endstation Sehnsucht - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Leben Endstation Sehnsucht

Die Zentrale Studienplatzvermittlung trennt liebende Paare ­ doch studentische Fernbeziehungen haben auch Vorteile.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwischen Abitur und Studium hatte sich die Münchnerin Tina Hüttl ein paar entspannte Monate in London gegönnt, gejobbt und das Leben genossen. Dann, wenige Tage vor ihrer Rückkehr - sie suchte einen Nachmieter -, stand der Mathematikstudent Simon McFadzean vor ihrer Tür.

Mit dem Zimmer hat es damals, vor drei Jahren, nicht geklappt, mit den beiden schon. Es wurde der Beginn einer nicht immer wunderbaren Fernbeziehung.

Simon McFadzean, 29, absolviert ein wirtschaftswissenschaftliches Zusatzstudium in London, seine Fernfreundin Tina Hüttl, 23, studiert Politikwissenschaft in Berlin. Doch sobald das Geld reicht, etwa einmal im Monat, fliegt einer von beiden über den Ärmelkanal.

Am schönsten sei es, sagen sie, den anderen vom Flughafen abzuholen - am schrecklichsten, ihn wieder hinzubringen. "Eine normale Beziehung", sind sich die beiden jedenfalls einig, "wäre uns lieber." Und zwar innerhalb einer Stadt. Nur in welcher? Sie kann es sich nicht leisten, im teuren London zu studieren - ihr Stipendium erhält sie nur an einer deutschen Hochschule. Sein Studiengang ist andernorts nicht einmal vertreten.

Lässiges Studentenleben: Raus aus dem Elternhaus - aber auch weit weg von Freund oder Freundin? Lernen am einen und lieben am anderen Ort? Zum gestressten Stammkunden bei der Mitfahrzentrale werden, während andere am gemeinsamen Liebesnest bauen? Oder statt Physikformeln die Spartarife der Bahn auswendig lernen und über die Vorteile des liberalisierten Telefonmarktes philosophieren?

Studenten haben schließlich - trotz Nebenjobs - kein üppiges Budget, im Durchschnitt sind es rund 1350 Mark pro Monat. Außerdem verfügen sie - wegen der Nebenjobs - trotz anders lautender Gerüchte nicht über unendlich viel Freizeit. Eine für Liebespendler ungünstige Ausgangslage, kostet eine Zugfahrt von Dresden nach Tübingen doch schon 230 Mark und dauert siebeneinhalb Stunden.

Vielleicht zieht es deshalb pragmatischere Paare sofort an dieselbe Hochschule: 23 Prozent deutscher Studienanfänger, fand das Hochschulinformationssystem in Hannover heraus, drängt es an die Uni, an der die große Liebe studiert - ein erstaunlicher Bindungsdrang in jungen Jahren.

In jedem Semester eine neue Flamme, das war vielleicht in den blumigen Siebzigern ein Muss. Heute, sagt Rosita Lehmann, Leiterin der Psychologischen Beratung des Studentenwerks Berlin, zählen andere Ideale: In Zeiten, in denen sich alles rasant verändert und - wie auf dem Arbeitsmarkt - nicht alles zum Besseren, ist eine stabile Partnerschaft besonders begehrt.

So gehen die Studenten der Jahrtausendwende ganz ungeniert auf Schmusekurs. Oder würden es zumindest gern. Denn da gibt es einen verhassten studentischen Liebestöter: die Zentrale Vergabestelle von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund. Sie kann nicht nur den Studienplatz verweigern, was bei immerhin 50 Prozent der 120 000 Anträge pro Jahr geschieht. Sie darf auch einen Bewerber nach Münster verbannen, obwohl es ihn doch zur Geliebten nach München drängt: Das Internet quillt über von Offerten wie "Biete 1. Semester BWL in Leipzig, suche dringend Tübingen".

Gleichgültig aber, ob das Schicksal ZVS oder Urlaubsliebe heißt, im Alltag ist die Konsequenz dieselbe: Bei jeder Sehnsuchtsattacke dürfen nur die Telefondrähte glühen. Und wenn ein spontaner Liebesgruß via E-Mail auch rascher ankommt als per Post: Letztlich, klagt ein Student, sei die digitale Zweisamkeit "genauso abstrakt".

Doch bei den meisten fernverliebten Studenten gibt es die reale Beziehung - zumindest während des Semesters - nur am Wochenende. Freitags können die Long-Distance-Lover mit Bahn oder Auto endlich losrasen, doch schon der Sonntag wird vom Trennungsschmerz vermiest.

Und auch während der Woche kommen Anfälle der Sehnsucht. Oft reicht schon ein erfolgloser Tag an der Uni: Dann, sagt die Münchner Kunstgeschichtsstudentin Silke Streppelhoff, 24, belastet die Entfernung am meisten. Ist die mentale Schieflage erst mal erreicht, mag sich die WG noch so mühen, es muss der Freund sein, der tröstet - nur studiert der in ihrem Fall in Tel Aviv.

Unter ihrem Teilzeit-Solo, weiß Beraterin Lehmann, leiden vor allem Studenten, die frisch an eine Uni gekommen sind oder sie, nach dem Examenskampf, endlich verlassen dürfen: also in Umbruchsituationen, in denen eben mal das ganze Leben auf den Kopf gestellt wird.

Selten aber nagt der Fernliebeskummer allein. Viele, die bei Lehmann Hilfe suchen, klagen außerdem über Leistungsdruck und Prüfungsängste. Einfach alles lastet schwerer, und scheinbar nur, weil die Liebe nicht in U-Bahn-Reichweite wohnt.

Die eigentliche Ursache ist häufig eine andere: nicht selten der mangelnde Glaube daran, Konfliktsituationen allein bewältigen zu können. Wer das aber erkennt und sein Selbstbewusstsein an der Uni trainiert, verspricht Lehmann, nimmt wahrscheinlich auch das Privatleben gelassener. Ganz gleich, ob er sich dann entscheidet, dem Partner hinterherzuziehen - oder zu bleiben, wo er ist.

Wie die Bochumer Doktorandin Birgit Käufer, 32, die ihrem Freund bei aller Liebe nicht nach Marburg folgen wollte. "Es klappt auch wunderbar so", schwärmt sie. Will sie ihn mal nicht nur am Wochenende sehen, packt sie ihre Bücher ein und setzt sich für ein paar Tage an seinen Computer.

Als sie im vergangenen Jahr der Magister-Prüfungsstress heimsuchte, war sie sogar froh, sich allein in ihrer Wohnung verbarrikadieren zu können. Sie lernte am liebsten abends - und musste kein schlechtes Gewissen haben, weil jemand gelangweilt daneben saß.

Oder die Politologiestudentin Katrin Milhahn, 24. Sie zog vor zwei Jahren nach Berlin - obwohl ihr Freund, ein Jurastudent, in München lebt, 584 Kilometer und eine ständig verstopfte Autobahn weit weg.

Nicht, dass sie unbedingt so weit entfernt voneinander studieren müssten. Er könnte ebenso gut in Berlin Gesetzestexte pauken, sie sich in München ihren Kopf über politische Strukturen zerbrechen, was sie in den ersten Semestern auch getan hat: Die beiden, die sich schon seit Schulzeiten kennen, haben später eine Zeit lang sogar im selben Haus gewohnt.

Sobald sie ihren Freund vermisst, gesteht die angehende Politologin, wurmt es sie natürlich, dass er nicht mehr wie früher binnen drei Minuten vor ihrer Tür stehen kann. Trotzdem: Größer als das Risiko, sich wegen der Entfernung auseinander zu leben, sagt sie, sei die Gefahr, "einander zu früh und zu dicht auf der Pelle zu hocken". Außerdem: Sie mag Berlin, er hängt an München. Warum, fragt sie, sollten wir Kompromisse eingehen, die einen von uns unglücklich machen.

Die Eifersucht hält sich bei den Fernpaaren erstaunlicherweise in Grenzen: Vertrauen, heißt es, sei schließlich ebenso wichtig, wenn zwei in einer Straße leben. "Wir sind ja auch früher nicht immer auf dieselben Partys gegangen", sagt Katrin Milhahn.

Was nicht heißt, dass ihre geografische Scheidung für ewig sein soll. Das mag sich ohnehin kaum eine Fernverbindung vorstellen: Viele haben sogar konkrete Annäherungspläne.

"Auf Dauer", meint auch Studentin Milhahn, "schließen sich ständige Sehnsuchtsschwüre und permanentes Abschiednehmen aus." Nach dem Studium, ahnt sie, "landen wir wieder in einer Stadt".

ULRIKE KNÖFEL