Leben: LATEIN HILFT BEIM TEXTEN - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Leben LATEIN HILFT BEIM TEXTEN

Lernen im Tourbus: Wie die Jungs von Tocotronic und Sportfreunde Stiller ihr Doppelleben als Rockmusiker und Studenten führen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Studentenrock, nein, kein gutes Wort, klingt ziemlich verschnarcht, ein Begriff mit Körpergeruch. Einer, den Florian, Peter und Dirk nicht gern angehängt bekommen. Merkwürdig eigentlich, denn Florian Weber studiert Diplomsport an der Hochschule in München, Peter Brugger ebendort Sport und Latein auf Lehramt, und beide stellen zwei Drittel der Band Sportfreunde Stiller. Der Rest der Band, Rüdiger Linhof, ist Student der Politikwissenschaften.

Dirk von Lowtzow, Sänger des Hamburger Erfolgstrios Tocotronic , hat erst vor ein paar Jahren sein Jura-Studium zu Gunsten der Musik aufgegeben. Als er seine Band 1993 zusammen mit Arne Zank und Jan Müller gründete, gingen alle drei noch mehr oder weniger regelmäßig zur Uni. Aber Studentenrock?

"Wenn ich Studentenband höre, denke ich an verkopfte Intellektuelle ­ Jungs, die in den Abgründen ihres Daseins schwelgen und nur abgehobenes Zeug von sich geben", sagt Peter, 27, Sänger und Gitarrist der Sportfreunde Stiller . "Darauf habe ich nicht die geringste Lust." Den Schlagzeuger Florian hat er an der Uni kennen gelernt, und einen der frühen Auftritte absolvierte die Band auf dem Sommerfest der Hochschule. Keimzelle Universität, das vielleicht.

Dirk von Lowtzow, von der Presse vor Jahren ob der schlauen und oft programmatisch anmutenden Texte der ersten Tocotronic-Alben zum Sprachrohr seiner Generation ernannt, hält den Begriff Studentenrock für zwiespältig: "Einerseits hat er etwas Schimpfwortmäßiges, klingt extrem muffig", sagt der schlaksige Musiker. "Andererseits impliziert er Intellekt und inhaltliche Auseinandersetzung. Das kann ich nicht so schlecht finden. Wenn das Gegenmodell Bloodhound-Gang-mäßige Dummbratzerei ist, wo es nur um Titten, Ficken, Spaß um jeden Preis und Homophobie-Witze geht, dann bitte gerne Germanistenrock!"

Dass Uni und Rockmusik auch anders zusammen geht, hat Dirk erst vor einigen Wochen wieder erfahren. Da war er mit seiner Band in den USA auf Tour und spielte unter anderem live bei einem College-Sender. "In Amerika wird mit dem Begriff College Rock eine undergroundige, sehr lebendige und gute Musikszene assoziiert", sagt er. "Für viele Bands ist das College-Radio sogar die ideale Möglichkeit, ihre Musik unter das Volk zu bringen."

In den USA ist die College-Rock-Szene auch wirtschaftlich von Bedeutung. So wurde der Erfolg von Bands wie den Lemonheads oder, aktuell, die Karriere von Semisonic, der Band des Harvard-Absolventen Dan Wilson, von College-Radios ausgelöst. Dort wurden deren Stücke, beispielsweise der 92er Lemonheads-Hit "Mrs. Robinson", so lange und so erfolgreich gespielt, bis die kommerziellen Rundfunkanstalten hellhörig wurden. Der Rest ist Chart-Geschichte.

Mittlerweile regen sich auch in Deutschland erste Bemühungen, die musikalische Diaspora Hochschule zu missionieren ­ so erringt zum Beispiel das Münchner Studentenradio M94,5 zumindest regionale Bedeutung.

Noch fallen die Versuche allerdings recht zaghaft aus. Dirk, der erst in Freiburg und später in Hamburg studierte, war allerorten erschrocken über die musikalische Ignoranz seiner Kommilitonen. "Ich hatte das Gefühl, dass die Leute hier bis zum Abitur durchaus an Musik interessiert sind", sagt er. "Und wenn es nur die Charts sind oder der Star-Klatsch aus der 'Bravo'. Das hört dann an der Uni abrupt auf ­ dann hören alle nur noch Rocky Horror Picture Show oder Police."

Naheliegend, dass der desillusionierte Dirk sein Studium irgendwann abbrach. Anfangs hatte der frühere Trainingsjacken-Träger noch versucht, sich die ganze Sache schönzureden. Hatte in Interviews Dinge gesagt wie: "Das Gute am Studium ist, dass man an der Uni Mädchen kennen lernt, die Benetton-Pullover tragen und trotzdem nett sind." Lange hielten die ihn allerdings auch nicht, schließlich war das Jura-Studium von Anfang an eine Verlegenheitslösung gewesen. Nie hatte er sich vorstellen können, den Beruf tatsächlich auszuüben. "Irgendwann war es dann eben vorbei", sagt er. "Ich war zu oft weg, es funktionierte nicht mehr."

Heute hat der 29-jährige Musiker auch als Geschäftsmann genug zu tun. Im letzten Jahr veröffentlichte er mit seinen Band-Kollegen auf dem gemeinsamen Plattenlabel Rock-O-Tronic ein Album der Hamburger Lärm-Legende Rudolf Brauer Sextett, und im Juli erscheint ein Tocotronic-Remix-Album.

Florian Weber, 26, Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller mit Vorliebe für Fußballtrikots, hat einen anderen Weg gewählt. Im Sommer wird er seine Diplomarbeit schreiben, gerade hat er seine Prüfungen abgeschlossen, nebenbei ein Album aufgenommen und auf Promotion-Terminen für die Band geworben. "Das war oft ziemlich hart", erzählt er. "Als wir in Spanien die CD aufgenommen haben, hatte ich meine Uni-Ordner dabei. Leider wurde aus dem Lernen aber nix ­ die Landschaft war einfach irre und das Wetter viel zu schön."

Als die Band einige Monate später auf Teneriffa ihren Video-Clip drehte, wurde es eng ­ Florians Gepäck mitsamt den Unterlagen für das Studium kam nicht an. Und das eine Woche vor seinen Prüfungen. "Mir fehlten sechs Tage", sagt Florian, "um das nachzuholen, musste ich mich ziemlich reinhängen. Zum Glück wird mir nicht schlecht, wenn ich beim Autofahren lese. Da kann ich im Tourbus auf dem Weg zu Konzerten einiges aufarbeiten." Wegen des Video-Drehs musste Florian auch eine mündliche Prüfung sausen lassen ­ sein Vorschlag, ihn telefonisch abzufragen, wurde von den Dozenten abgelehnt.

Der Gedanke, das Studium abzubrechen, kam ihm nicht. "Erstens war ich schon sehr weit, als es mit der Band richtig losging", sagt er. "Ich wusste, den Rest kriege ich auch noch hin. Zweitens hat mein Vater mein Studium finanziell unterstützt. Ich wollte ihn nicht enttäuschen."

Florians Bandkollege Peter Brugger hat momentan ernsthafte Probleme mit der Uni-Abwesenheit, immer wieder werden ihm Seminare nicht angerechnet. Die Band genießt Priorität, da heißt es touren und promoten. Trotzdem möchte Peter sein Studium nicht hinschmeißen. "Die Zeiten sind vorbei, in denen es für einen Musiker nur um Sex, Drugs und Rock'n'Roll gehen konnte und alles andere scheißegal war", glaubt der blonde Sänger. "Ich möchte nicht mit 50 als Altrocker irgendwo auf Dorfbühnen oder bei Volksfesten im Bierzelt spielen. Da würde ich schon lieber als Lehrer arbeiten."

Auch wenn die Sportfreunde, anstatt in ihren Stücken verkopfte Nabelschau zu betreiben, Erfrischendes über alte TV-Sendungen oder ihr Lieblingsthema Fußball texten, scheint ihnen der Uni-Alltag inspirierend. "Das Musikgeschäft ist oft sehr abgehoben, fernab jeder Realität", hat Songschreiber und Texter Peter eingesehen. "Die Uni ist ein gesunder Ausgleich. Außerdem habe ich durch mein Latein-Studium die deutsche Sprache erst richtig begriffen. Latein hat meinen Blick für die deutsche Grammatik geschärft. Ich habe gelernt, punktgenau zu formulieren."

Hochschul-Deserteur Dirk von Lowtzow glaubt ebenfalls an den Nutzen der Bildung. "Wer Texte schreibt, braucht eine Art bildungsmäßigen Background. Auch wenn es nicht explizit deutlich wird, unsere Texte schöpfen immer aus großen Ressourcen ­ Literatur, Kunst, Film, all so was. Eine Art Bildung, die nicht unbedingt nach Hochschule verlangt."

Allerdings hilft kein Studium der Welt dabei, den kleinen Undercover-Scherz zu bemerken, den sich Tocotronic auf der aktuellen Remix-Maxi ihres Klassikers "Freiburg" leisten: Teile der Titelmelodie des Horror-Films "Suspiria" von Altmeister Dario-Argento sind in den Song gemixt, da der Film ebenfalls in Freiburg spielt. Die Idee ist gut und die Welt dafür bereit.

Und, Hand aufs Herz, wer hat bei den Mädchen die besseren Karten, der Student oder der Rocker? "Kommt darauf an", sagt Peter, "es macht immer Eindruck, wenn du an der Uni von deiner Rockkarriere erzählen kannst." Seine Freundin, ebenfalls Studentin, lernte er bei einem Konzert der Sportfreunde Stiller kennen. Mit ihr hat er allerdings zunächst einmal über sein Studium geredet. Manchmal ist das unglückliche Doppelleben als Student und Rockmusiker eben doch nützlich.


Das neue Album "So wie einst Real Madrid" von Sportfreunde Stiller erscheint im Mai bei Motor Music, von Tocotronic erscheint im Juni der Remix "Freiburg V 3.0" (Tocotronic vs. Console), im Juli das "K.O.O.K. Variationen"-Remix-Album, beide bei L'Age D'Or.

JÖRG BÖCKEM