Leben: "ZEIG, WAS GEHT!" - DER SPIEGEL
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Leben "ZEIG, WAS GEHT!"

Eine studentische Tour durch die Berliner Nacht
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ja, so ist das in der Hauptstadt. Wer hier ausgeht, teilt sich entweder irgendwann mit Gerhard Schröder im "Borchardts" ein Schnitzel oder wartet morgens um vier ­ so cool, so frei ­ irgendwo mit Schauspielern, Werbern und DJs vor einer Toilette auf die nächste Line Koks.

Ach ja?

Jede Großstadt kultiviert einen Ausgeh-Mythos, die Illusion, man könne dort in einer alltagsfreien Welt ohne Zeit- oder Geldbeschränkungen den Dauerparty-Rausch erleben. Und weil es die Hauptstadt ist, geben mittlerweile alle Blätter der Republik allerneueste, allergeheimste Berlin-Geheimtipps, um den Mythos besonders festzuklopfen.

Es ist Zeit, die Wahrheit herauszufinden. Wie geht man hier aus, wenn man nicht Ben Becker heißt oder gerade mit seinem Start-up den Neuen Markt aufmischt? Wenn man etwa Jan Rohleder heißt, seit Oktober in Berlin ist und im Hauptstudium an der TU in Medienberatung das Diplom ansteuert?

Wir treffen den Studenten aus dem siebten Semester an einem Donnerstag gegen 18 Uhr gegenüber der TU-Mensa im gut gefüllten Café Hardenberg ­ einem Klassiker, dessen Einrichtung sich als angenehm moderesistent beschreiben lässt, wie die meisten Besucher auch. Die Bezüge der Bänke sind aus rotem, die Kleidung der meisten Studenten aus schwarzem Stoff. So ist das in Berlin seit ­ man möchte sagen: Jahrzehnten. Wer hier studiert, trägt gern schwarz ­ oder andersherum: Wer schwarz trägt, studiert gern hier. Dieter Bohlen wäre angetan.

"ES GIBT EINEN ORT, DER KICKT TOTAL
WENN DU NICHT DABEI BIST,
IST DEIN LEBEN NE QUAL
DU WEISST BESCHEID, SEI BEREIT
DU BIST IN BERLIN MITTE, BOY
SO COOL, SO FREI, IN BERLIN MITTE"

Jan ­ schwarzes Hemd, schwarze Jeans, schwarze Jacke, schwarze Haare ­ ist 26 Jahre alt und kommt gerade aus einer Medienmarketing-Veranstaltung, die offensichtlich Spuren hinterlassen hat. Er redet, schnell und viel, von der "eigentlichen Kernzielgruppe" beim Ausgehen, die zwischen 16 und 22 Jahre liege, so sei das auch in der Musikindustrie, die sein Ziel ist, weil er für ein "emotionales Produkt" arbeiten will. Er meint: CDs. Dass er meist nur am Wochenende richtig ausgehe, weil er vor allem von Bielefeld nach Berlin gekommen sei, um sein Studium zu beenden ­ da bleibe wenig Zeit. Und bei 500 Mark Miete für 30 Quadratmeter in Charlottenburg auch nicht viel Geld von den 1100 Mark Halbwaisenrente.

Charlottenburg sei "ja mehr so Upperclass", aber die Wohnung liegt nah an der Uni, da nimmt er die längere Tour ins Nachtleben, in die "in"-Bezirke Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, gern in Kauf. Das klingt alles sehr vernünftig und durchdacht, und weil es so früh ist, trinkt Jan auch nur eine Cola. Aber das kann ja noch werden.

Im Café Hardenberg trifft er oft Freunde auf ein Bier oder um "Projekte zu besprechen". Genau so ist die Stimmung. Im sympathischen Nebel aus dichtem Zigarettenqualm und noch dichterem Gebrabbel beugen sich überall konzentrierte Projektbesprechungsgesichter über Papiere und Skripte. Vereinzelt sitzen junge Männer und Frauen herum, die schweigend ihren Blick offensichtlich auf größere Weisheiten richten, die wir nur erahnen können. Ihnen steht es in die zart gewellten Stirnfalten geschrieben: Mensch, ich denke gerade wieder ­ so viel, so gut, so tief. Ein schöner Anblick, aber wir müssen weiter.

Auf zum Schwarzen Café in der Kantstraße. Eigentlich ist halb acht die falsche Zeit, denn hier gilt seit Jahren die Regel, dass man am besten morgens aufläuft, wenn das Zittern und Schwitzen nach einer harten Nacht gerade nachlässt und der ganze geschundene Körper nur noch schreit: "Frühstück".

Wir schreien "Was?", als wir dort Jans Bekannte Maria treffen, die uns lapidar erklärt, dass sie in Berlin abends nur Geld für Eintritt, aber fast nie für Getränke ausgebe, weil immer Männer für sie zahlen würden. Jan verschluckt sich fast an seinem Alster.

"Ich bin doch ein Mädchen", sagt die 20 Jahre alte Maria aus der Nähe von Stuttgart und lacht unschuldig. Die Studentin der Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre im zweiten Semester plappert munter drauf los, wie sie als Schwäbin von den Cocktail-Preisen anfangs geschockt gewesen sei und wie sie auch in schickeren Clubs (90 Grad) und Bars (Lore) mit ihren Freundinnen nur an der Theke zu stehen brauche, um von "Männern in Anzügen" Drinks spendiert zu bekommen.

Maria ist jung, blond, hübsch und hat eine, man könnte es so formulieren: sehr weibliche Figur. Und lässt sich also von Anzugträgern ­ "so um die 25" ­ gern abends, na ja, aushalten. Jeansjackenträger Jan saugt an seiner West light und fragt stockend: "Aber verpflichtet dich das nicht zu was?" ­ "Nein, wenn die drauf bestehen, kann ich doch nichts dafür. Und ich bin schon gerecht, ein kleines Gespräch kriegen sie auch. Wenn sie zu sehr drängeln, sage ich ihnen, dass ich einen Freund habe." Ach so, ja dann. Wir bestellen noch mehr Bier.

"Im Grundstudium geht man mehr aus", versucht sich Jan das Mysterium des Ausgehverhaltens junger Frauen zu erklären.

S-Bahn-Station Hackescher Markt, wir sind im Zentrum des Mythos. Maria zeigt uns das Dante in den S-Bahn-Bögen, wo sie manchmal Cocktails schlürft. Flüchtiger Eindruck: rustikales Großraumbistro nach Osnabrücker Art. Zum Glück ist kein Platz mehr frei. Vor den Hackeschen Höfen trotten süddeutsche Touristen im Gänsemarsch vorbei, ein Jungdynamiker im silbrigen Hemd brüllt in sein Handy: "Gestern hatte ich eine andere."

"BERLIN MITTE BOY
DEINE PARTY KENNT KEIN ENDE
DU BIST IN BERLIN MITTE, BOY
HACKESCHER MARKT
STATT BROADWAY"

Auf der Kneipenmeile Oranienburger Straße, der mit dem Straßenstrich, legen wir einen wahllosen, aber dringenden Stopp in der Assel ein. Auf den Toiletten blättert der Putz von den Wänden. Der Charme des Morbiden, das mögen sie in Mitte. Das Publikum ist gemischt. Drinnen Studenten an Holztischen, draußen sitzen vereinzelt Touristen. Oberlippen- und andere Bärte sollen in so genannten hippen Kreisen Berlins zwar wieder cool sein, aber diese Gäste mit den Busfahrerbärtchen machen den Eindruck, als würden sie tatsächlich Busse fahren.

Unser Kellner sieht aus wie ein schlecht gelaunter Zwillingsbruder von Alex aus dem Big-Brother-Haus. Kapuzenjacke, zottelige Haare, Koteletten bis zu den Achselhöhlen, und ein Gesicht, das ­ stellvertretend für viele seiner Berliner Kollegen ­ sagt: Eigentlich bin ich gar kein Kellner. Sondern, bitte ankreuzen: Model, Schauspieler, Künstler. Seht ihr das nicht? Vielleicht hat er auch einfach nur zu viel gekifft.

Was ist jetzt mit dem wilden Nachtleben, den Drogen und den endlosen Partys? Maria sagt, sie gehe samstags gern mal in Bars und alle zwei bis drei Wochen in eine Disco. Jan sagt, schön sei in Berlin das Gefühl, dass man alles machen könnte, auch wenn man es nicht wahrnimmt. Drogen? Bei ihnen und ihren Kommilitonen kein Thema.

Maria nimmt ihr erstes alkoholisches Getränk zu sich, ein Bier mit Cola, wir bleiben beim Bier. Jan outet sich als alter Technofan, auch wenn er wirkt, als würde er Cello im Jugendorchester spielen. Er produziert zu Hause sogar selber Musik, aber, pragmatisch wie er ist, macht er sich keine große Hoffnung. Seit einem Praktikum bei einem Berliner Technolabel, erzählt er stolz, schaffe er es immer wieder, bei Großveranstaltungen auf die Gästeliste zu kommen. Am Samstag etwa in der Arena in Treptow, wo seine Helden Paul van Dyk und Westbam auflegen.

Maria sagt, sie und ihre Freundinnen würden in Berlin leicht Leute in Kneipen kennen lernen. "Die euch dann einen Drink ausgeben?", fragt Jan ein bisschen spöttisch. Er und seine Freunde lernten in Läden nie jemanden kennen. "Aber wir sind ja auch Männer." Beide sind sich einig, dass sich auf Privatpartys in WGs die besten Kontakte ergeben.

"ALLE SIND HORNY
ALLE SIND DRAUF
UND WISSEN GENAU
DAS HÖRT NIEMALS AUF!
GIB JETZT VOLLGAS
ZEIG, WAS GEHT!
HAU TOTAL REIN, ES IST NIE ZU SPÄT"

Mitternacht naht, wir haben Hunger. Wir landen im Goa am Ende der Oranienburger Straße. Der Name lässt Schlimmes befürchten, aber im Gegenteil: ein großes, nettes asiatisches Restaurant mit bezahlbaren Preisen und einer Karte, die hoffen lässt: Drinks von der Space Bar. Na endlich.

Wir bestellen den Cocktail Satyrn, laut Karte "der Begleiter des Dionysos: gewitzt, lüstern, horny", und den Drink Yaona, der "zur seelischen Entspannung" führen soll. Jan erzählt irgendwas von legalem Aufputschmittel, von Guarana im Allgemeinen und der vermeintlichen Wirkung der Getränke hier im Besonderen, und das macht er so ernst und gewissenhaft, dass ich hoffe, die Space Drinks mögen sehr, sehr stark sein. Leider schmeckt der "Begleiter des Dionysos" wie nasser Hund mit Waldmeister.

Jan hält, noch nicht richtig seelisch entspannt, einen Vortrag über die Probleme der Plattenfirmen durch MP3 und das Internet sowie über die Bedeutung der Praxis in seinem Fach. Seminare und Professoren werden kurz analysiert und bewertet. Das Wort "Kernzielgruppe" fällt noch mal.

Maria rührt ihren Cocktail kaum an und erzählt, dass ihr Freund Wirtschaftsingenieurwesen studiert und sich einen Audi kaufen will und dass sie als Werkstudentin zehn Stunden in der Woche "beim Daimler" arbeite. Sagt sie genau so: "beim Daimler". Sie betreue da ein "Projekt" im Lkw-Vertrieb, mit Internet und so, die seien sehr zufrieden mit ihr, das sei eine "schöne Sache".

"Kernzielgruppe" und "beim Daimler" ­ das ist alles sehr interessant, kann aber nur nach schwäbischen Maßstäben als "gewitzt, lüstern, horny" gelten. Sind die Drinks zu schwach? Was ist los mit Berlins Studenten?

"SEI BEREIT, ES IST ZEIT
DU BIST IN BERLIN MITTE, BOY"

Nebenan im gemütlichen Obst & Gemüse noch ein Warmgetränk für Maria, mehr Bier für uns. Langsam wird es wohlig weich und nett in Mitte. Der Kellner hier wirkt äußerst sympathisch und gelassen, um nicht zu sagen: komplett bedröhnt. Sich drei Getränke zu merken ist auch nicht leicht. "Ich bin müde", sagt er lächelnd. Na klar, ist schon in Ordnung.

Am Nebentisch sitzen drei Jungs in karierten Hemden und Frisuren wie auf der Kinderschokolade-Packung, die schweigend trinken und langsam ihre Flaschen in den Händen drehen. Da machen drei richtig einen drauf. "Bestimmt Maschinenbauer", flüstert Maria.

Irgendwas war in Marias Milchkaffee. Plötzlich bricht es aus ihr heraus. Wie sie durch BWL I gerasselt sei, weil die schon das Wissen von Mathe II vorausgesetzt hätten, wie das mit den Wochensemesterstunden und den Vertiefungskursen ist, und immer schneller und immer ungehemmter versinkt Berlins Mitte zwischen Leistungsscheinen und Marketing und Produktion, und säße nicht schräg hinter ihr so eine Art Brunhilde mit strammen Zöpfchen und noch strammerem Dekolleté, die ihrer Freundin recht intim an den Schenkel fasst, müsste man ganz schnell depressiv werden.

Das angesagte Jubinal in der Auguststraße ist eine gute Adresse für einen Caipirinha um viertel vor drei. Die coole Einrichtung sieht aus, als fühle sich hier die "aspekte"-Kulturredaktion sehr wohl, die wenigen Gäste sind etwas schicker, oder liegt das nur am schummrigen Licht?

Nach einem Exkurs ins weite Feld der Trendforschung, der möglichen Vorteile von Studiengebühren sowie der Vermutung, Studenten von der Hochschule der Künste gingen öfter und heftiger auch in der Woche aus, kommt Jan auf ein Thema zurück, an dem er zu knabbern hat ­ Maria und ihre Galane. Also wie ist das mit den Typen, die mit Drinks um sich werfen?

"Manchmal ist das schon ein beklemmendes Gefühl", sagt Maria. Einmal sei ihr einer gar gefolgt, den habe sie aber abgehängt. Und selbst wenn sie sagt: "Das bringt dir nichts, mir einen auszugeben", lassen die sich nicht abhalten, also nimmt sie den Drink halt. Notwehr, sozusagen.

Dann reden die beiden sich heiß über ihre Fächer, Professoren und Scheine. Und Jan sagt: "Wissen ist der einzige Rohstoff, den Deutschland wirklich hat." Sagt er einfach so, ganz ungerührt und erschreckend klar, nachts um vier, beim zweiten Caipirinha, mitten in Berlin im Jubinal. Was soll man da noch machen?

Es wird langsam hell. "Sind Sie Inder?", steht auf einem Werbeplakat. Das ist eine schöne und wichtige Abschlussfrage für diesen Abend. Wir steigen am Hackeschen Markt ins Taxi ein, und der Fahrer ­ kein Witz ­ ist ein Inder. Oder ein Türke, der sehr indisch guckt.

So macht am Ende doch wieder alles Sinn. Aber vielleicht war das auch nur der letzte Caipirinha.

RAINER SCHMIDT

(Texte von den "Berlin Mitte Boys"; ihre CD "Berlin Mitte Boy" ist bei Universal Records erschienen.)