Marc fordert Verbessert die Lerne!
Nach Marianna kommen Julia, Steffen und Daniel. Dann Simon und dann Olivia. Oder erst Volker? Ach verdammt, ich habe den Faden verloren. Der ist orange und spannt sich in einem großen Spinnennetz durch den Seminarraum.
Das Kennenlernspiel geht ähnlich wie "Ich packe meinen Koffer": Wer das Wollknäuel auffängt, zählt erst alle vorangegangenen Kommilitonen auf und stellt schließlich sich selbst vor.
Dann wirft er das Knäuel weiter, behält aber ein Stück Faden in der Hand. So verheddert sich die ganze Gruppe langsam in einem großen Netz. Am Ende wickelt unsere Tutorin das Gewühl auf und sagt: "So, nun haben wir gleich noch den Gordischen Knoten gelöst." Dann lacht sie, dann lachen wir.
Dieses Spiel mit dem Kennenlern-Wollknäuel musste und durfte ich in einer Tutoratsstunde meines Antike-Seminars an der Uni Freiburg spielen. Musste, denn: Es ist albern. Durfte, weil: Es hat mich neugierig gemacht. Gleich nach dem Tutorat bin ich in die Bibliothek gegangen und habe mir jede Menge Bücher ausgeliehen, die mir den Gordischen Knoten erklärten, und alles, was die Jahrhunderte sonst noch zu bieten hatten. Nicht jeder Kommilitone tickt so - meist werden, wenn überhaupt, nur zum Semesterende einige Bücher für Klausuren oder Hausarbeiten durchblättert. Zum neuen Status unserer Uni passt das überhaupt nicht.
Meine Uni ist vor einigen Wochen zur Elite-Uni aufgestiegen. Für fünf Jahre erhalten wir insgesamt 21 Millionen Euro. Das Geld soll zu gleichen Teilen auf die Natur- und Geisteswissenschaften aufgeteilt werden. Nach und nach werden wir ein Forschungsleuchtturm und kommen eines Tages vielleicht auch in internationalen Rankings endlich nach oben, sagt man. Mit dem Geldsegen werde nicht nur die Forschung, nein, auch die Lehre verbessert.
Fremdwörter und Popel
Klar, die Exzellenzinitiative ist super. Doch bei mir hat sich Ernüchterung eingestellt: Ich habe beim Fiebern bis zur Zielgeraden meine ganze Erregung aufgebraucht. Der Prozess ist immer aufregender als das Ergebnis. Oder in der Glückskeksvariante: Der Weg ist das Ziel. Nun ist das Rennen gewonnen und das Knistern vorbei.
Geändert hat sich nichts. In meinem Wollknäuelseminar und in allen anderen auch tummeln sich weiterhin die seltsamsten Gestalten: Da sitzen Mädchen anstelle von Studentinnen. Sie tragen Glitzer auf den Lippen und Insektenaugensonnenbrillen auf den Nasen. Nebenan schmeißen die einen mit Fremdwörtern um sich und die anderen schnippen mit Popeln zurück.
Zwischendurch bringt eine Kommilitonin ihren Hund mit - sie hat angeblich keinen "Dogsitter" gefunden. Der Dozent parliert bei so viel Zirkus ins Nichts. Und wenn Studenten eine Frage zur Pflichtlektüre stellen, dann ist es nicht mal mehr "Wo konnt ich die mir kopieren?", sondern: "Die ist aber nicht prüfungsrelevant, oder?" Das ist die Elite, Popel-Kevin und Bienenbrillen-Maike wird man zwischen Bücherregalen wohl nie finden.
Kommando Wachrütteln
"Ich appelliere an ihre Lust", sagte mein Islam-Professor Ulrich Rebstock gleich in der ersten Stunde, "von selbst ein Buch aufzuschlagen." Studium bedeute, Antworten zu erforschen, zu suchen und zu finden. Und die lesen wir nur zwischen den Buchdeckeln, nicht auf dem Buchrücken. Umdenken ist vor und hinter dem Dozentenpult nötig. So lange es nicht genügend Dozenten gibt, die sich die gewichsten Stiefel anziehen; und so lange es keine Studenten gibt, die bereitwillig den Hintern herhalten, um sich mal kräftig zum Lernen animieren zu lassen - so lange wird wohl die eigentliche Elite auf sich warten lassen.
Nötig ist: die Verbesserung der Lerne! Genau mit dieser Haltung will ich nun weiter durch mein Studium gehen, denn mit dem Elite-Wettbewerb verhält es sich wie mit dem Lernprozess. Auch für ihn sollte gelten, der Prozess ist wichtiger als sein Ergebnis. Oder in der Wachrüttelvariante: Bücher lesen ist wichtiger als Scheine sammeln.
Noch vor der Kür der neuen Eliten hat sich meine Uni die Domain www.exzellenz-uni.de gesichert. Von der Webadresse wird man nicht auf irgendeine der insgesamt neun Gewinner, sondern nur auf die Freiburger Universität gelotst. Was die Uni Freiburg sich allerdings nicht gesichert hat: www.exzellenz-lernen.de! So wird das nichts mit dem Gordischen Knoten.