Marc ist scheinfrei: Abschluss oder Anfang? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Marc ist scheinfrei Abschluss oder Anfang?

Für alle Lebenslagen hält der Uni-Jargon einen passenden Begriff parat. "Scheinfrei" etwa ist, wer alle Scheine beisammen hat - wie Geschichtsstudent Marc Röhlig, 22. Auf ihn wartet nur noch die Abschlussarbeit. Und erst einmal das Semesterabschlussschlemmen mit Freunden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Meine Freunde und ich treffen uns zum Semesterabschlussschlemmen. Das machen wir, um einmal das Klischee des hungernden Studenten zu durchbrechen - und um die Eroberungen, Abstürze und Erkenntnisse des ausklingenden Semesters Revue passieren zu lassen. Meist ändert sich nicht viel. Stahlin: ist ein schlauer Kopf, hat sich aber nach drei Bier nicht mehr unter Kontrolle. Simon: meckert gern, ist SPD-Mitglied, FC-Bayern-Fan und meckert daher gern. Hauke: Schlagzeuger, Fußballgott, Frauenschwarm.

Wir sitzen also jedes Semester am letzten Tag beisammen. Hinter uns haben wir gerade unsere Prüfungen, vor uns nun unsere Hausarbeiten und die vorlesungsfreie Zeit. Wir suchen uns stets ein Restaurant mit genau diesen drei Attributen: billig, fettig, viel davon.

Diesmal waren wir in einem Laden, der Burger so groß wie Sofakissen anbietet. Und für mich war es das letzte Abschlussschlemmen: Während meine Freunde auf Lehramt studieren, bin ich nun nach fünf Semestern Bachelorstudium schon scheinfrei. Vor mir liegen noch eine Hausarbeit, eine mündliche Prüfung und dann zwei Monate BA-Arbeit.

Nach "scheinfrei" kommt das Leben

Scheinfrei bedeutet ganz paradox: Je mehr Scheine man in seiner Unilaufbahn sammelt, desto scheinfreier wird man. Der Student besucht also die Pflichtveranstaltungen, trägt sich ein, schreibt die Prüfungen und erhält als Lohn ein kleines Stück Papier. Das hütet er mit all den anderen Papierchen wie eine Briefmarkensammlung (okay, im Bachelor-Zeitalter sammelt man die Scheine in einem Online-Album). Und mit kompletter Sammlung ist man dann scheinfrei.

Scheinfrei, das ist sowas wie vogelfrei, narrenfrei, freifrei. Dieses kleine Adjektiv begräbt mehrere Halbjahre universitären Strebens unter sich, hüllt vergangene Klausuren und Hausarbeiten in nichtigen Dunst, lässt Präsentationen und Exkursionen verschwinden. "Wieso ging das jetzt so schnell bei dir?", wundert sich Hauke zwischen zwei Burgerbissen. Ich antworte mit Schulterzucken. Und wundere mich auch.

Scheinfrei schafft ein Freiheitsgefühl. Scheinfrei: Nach scheinfrei kommt das Leben, auf scheinfrei wartet nur noch die Abschlussarbeit, scheinfrei ist der erste Spross auf der Karriereleiter. Und scheinfrei macht ein flaues Gefühl im Magen.

Das Studium halten Eltern immer für beste Zeit im Leben, darauf darf man sich so richtig freuen. Schule, das war Pflicht - aber Uni, das ist Kür. Und es geht nicht mal nur um die Uni, es geht um das ganze Drumherum. Mal wollte ich mich in den Stoff reinfuttern, mehr und mehr lernen. Wenn andere nur gelangweilt und mundfaul im Seminar saßen, habe ich das nicht verstanden. Dann war ich der andere und habe den Sekundenzeiger an der Wanduhr beobachtet, bis die Sitzung endlich vorbei ist.

Die Uni ist ein wie Rorschachbild, immer neu

Das erste Mal im Leben ganz auf sich allein gestellt sein: Da kann man sich reichlich selbst belügen, aber auch selbst finden, belohnen, Neues entdecken. Die Uni ist wie ein Rorschachbild: bei jeder Betrachtung neu. Manche denken, die Uni ist da, um einen Abschluss zu machen. Ich denke, sie ist da, um einen Anfang zu wagen. Um morgens gegen halb acht mit Kaffee im Pappbecher in den Hörsaal zu schlurfen. Um weit nach Mitternacht ins Freiburger Bächle zu kotzen. Um mal vom Bibliotheksfenster, mal von der Liegewiese aus die Sonne untergehen zu sehen. Die Uni brauchen wir, um uns ins Leben zu spüren.

Zurück zum Semesterabschlussschlemmen: Hauke - Schlagzeug, Fußball, Frauen - hat seinen Teller längst leer gegessen. Stahlin - Köpfchen und Kontrollverlust - nippt an einer Cola. Draußen färbt die Abendsonne die Luft blassrot. Du bleibst aber schon zum Master in Freiburg, oder? Was machst'n überhaupt nach deiner Arbeit? Der eine wird jetzt Skifahren gehen, der nächste für eine Prüfung lernen. Na, bis zum Abgabetermin ist es ja noch ein paar Monate hin. Zwei wollen zum Oasis-Konzert nach München.

Mit unseren Gabeln kratzen wir die letzten Bulettenreste vom Teller. So ein Burger-Pommes-Moment kann manchmal mehr sein als jeder Uni-Schein.