Mitfahr-Geschichten: Nimm! Mich! Mit! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Mitfahr-Geschichten Nimm! Mich! Mit!

Bahnticket oder Mitfahrgelegenheit? Besonders Studenten wählen gern die billigere Variante. Das kann abenteuerlich werden. Sechs junge Leute erzählen, was sie erlebt haben - Missionsversuche bei voller Fahrt, eine derbe Böhse-Onkelz-Dröhnung oder eine neue Liebe.
Von Christopher Paschmanns
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gibt es da draußen eigentlich noch Tramper? Einst bildeten sich Menschentrauben an den West-Ausfahrten Berlins, auf jeder Autobahnraststätte umgarnten Tramper die Autofahrer mit den zum Fahrtziel passenden Nummernschildern oder hoben an Landstraßen ihre Daumen. Heute scheint Trampen passé - wer es nicht so dick auf der Tasche hat, entscheidet sich eher für eine Mitfahrgelegenheit.

Man trifft sich also am Bahnhof oder einem Parkplatz, steigt zusammen in ein Auto, hat ein gemeinsames Ziel. Und ist sich doch völlig fremd. Das muss ja nicht so bleiben. Manche schweigen sie sich ausdauernd an, andere halten Smalltalk. Oder werden sogar Freunde fürs Leben. Spätestens wenn sie angekommen sind, wissen alle: Eine Mitfahrgelegenheit ist eine ganz besondere Art zu reisen.

Mitfahrzentralen gibt es schon seit vielen Jahren. Die ersten etablierten sich, als das Internet noch Zukunftsmusik war, und vermittelten Fahrer telefonisch und gegen Gebühr. Der Urtyp hat es allerdings schwer, sich gegen die Web-Konkurrenz zu behaupten, wo nur Spritgeld an den Fahrer fällig wird, keine Gebühr. Alle Mitfahrzentralen, ob klassisch oder im Web, eint die Freude über jeden Bahnstreik: Sobald die Lokführer die Arbeit niederlegen, ist das gut fürs Geschäft.

Zu den Platzhirschen unter den Online-Portalen zählt Mitfahrgelegenheit.de, eine Seite, mit der SPIEGEL ONLINE kooperiert. Sie verzeichnet rund 700.000 registrierte Nutzer, man kann regelmäßig um die 150.000 Angebote und Gesuche abrufen. Beim Start im April 2001 studierte Mitgründer Michael Reinicke noch - und auch heute zeigen Studenten und Auszubildende das größte Interesse an günstigen Fahrgemeinschaften.

Jedermanns Sache ist Mitfahren nicht. Wenn es ganz übel läuft, steht man im Stau und muss dabei peinliche Baggerversuche oder durchgeknallte Schwatzbacken ertragen. Im Idealfall hat man gemeinsam eine gute Zeit und trifft Leute, denen man im Leben sonst nie begegnet wäre. Ein Sixpack "Mfg, mit freundlichen Grüßen" - was beim Mitfahren alles passieren kann.

Cliff, 25: Mit einem Wanderprediger im Auto

Cliff Lehnen studiert in Arhus, Amsterdam und Hamburg Journalismus.

"Es war auf einer Fahrt von Düsseldorf nach Hamburg. Ich hatte drei Mitfahrer im Auto: einen Bauingenieur aus Kenia, eine Studentin aus Düsseldorf und einen freikirchlichen Wanderprediger aus Kiel. Der fing schon gleich zu Fahrtbeginn an, ich nenne es mal: Bekehrungspakete zu verteilen - eine DVD, von ihm und seinen Glaubensbrüdern geschriebene Broschüren, diverse Flugblätter. Er ließ nicht locker, verwickelte uns immer wieder in Gespräche und dozierte zu den dubiosen Machenschaften der katholischen Kirche.

Dabei wollten wir anderen eigentlich nur unsere Ruhe, hatten keine Lust auf Diskussion und Bekehrung. Ich hab ihn einfach reden lassen und musste mir ehrlich gesagt öfter mal das Lachen verkneifen. Obwohl, ich will nicht ungerecht sein: Er war keineswegs dumm und machte sich wirklich richtig Arbeit. Nach zwei anstrengenden Stunden schlief er dann glücklicherweise ein, und bei der Ankunft in Hamburg war noch jeder seinem Ursprungsglauben treu.

Aber das Thema sollte mich verfolgen: Als ich das nächste Mal den Stadtplan von Hamburg in die Hand nehmen wollte und ins Handschuhfach griff, hatte ich ein daumendickes Aufklärungspamphlet über Bibelverfehlungen in der Hand. Auch in den anderen Stauräumen meines Autos fand ich noch reichlich Infomaterial zu Prophetie und Weltgeschichte. Wer das wohl da reingelegt hat?!"

Manuela, 22: Mitfahren ist Vertrauenssache

Manuela Beermann ist 22 Jahre alt, aus Osnabrück und studiert Textilbetriebswirtschaft.

"Ich fahre nur selten mit. Und wenn doch, dann versuche ich Leute zu finden, bei denen ich schon mal im Auto saß. Irgendwie fühle ich mich sonst nicht so sicher. Ich lerne gern neue Leute kennen, aber man weiß nie, bei wem man einsteigt.

Ich mache es so: Wenn jemand eine Fahrt anbietet, die mich interessiert, versuche ich, die Person ans Telefon zu kriegen und nicht per Mail anzuschreiben. Dann kann ich mir schon mal einen Eindruck von der Stimme und so machen. Ist mir der Mensch an der anderen Leitung nicht sympathisch, fahre ich auch nicht mit. Zur Not muss ich dann halt in den Zug steigen.

Mittlerweile kenne ich aber ein paar Fahrerinnen, die regelmäßig Fahrten anbieten. Mit denen verstehe ich mich gut, und ihnen vertraue ich. Ihre Nummern habe ich im Handy eingespeichert, und sie rufe ich zuerst an, wenn ich eine Fahrt suche. Das ist für beide Seiten am sichersten."

Jan-Simon, 24: Gequält vom Gegröle der Böhsen Onkelz

Jan-Simon Saamen studiert Biologie und Deutsch auf Lehramt in Dortmund. Und würde nicht mehr überall einsteigen.

"Es war auf einer Fahrt von Lünen nach Hannover. Wir hatten uns auf einem Autobahnrasthof verabredet. Irgendwie war es mir schon am Telefon klar: Der Typ, der mich mitnehmen wird, tickt anders.

So war es dann auch. Aus dem äußerst heruntergekommenen Ford stieg ein schlaksiger Kerl Ende 20, der nur mittig auf dem Kopf ein paar Haare hatte. Ringsum war alles kahl rasiert. In der abgehalfterten Karre warteten seine Freundin und zwei weitere zwielichtige Gestalten darauf, begrüßt zu werden. Alle drei hatten die Kippe im Mundwinkel, und das sollte sich während der Fahrt nicht ändern.

Egal. Aus den Boxen dröhnten die Böhsen Onkelz, und alle konnten die Texte auswendig. Außer mir natürlich. In dem Gegröle ging dann auch meine schüchterne Frage unter, ob wir denn mal lüften könnten.

Konnten wir nicht. Stattdessen trat der Fahrer kräftig aufs Gas, und ich musste angstvoll feststellen, dass dieses uralte Auto noch 180 schaffte. An sich kein Problem, nur dass draußen Schnee lag, machte die Sache unangenehm.

Um das Ganze abzurunden, endete die Fahrt in Hannover mit einem Frühstück bei McDonald’s. Stilecht eben. Heute würde ich da nicht mehr einsteigen."

Annette, 38: Ums Geld geprellt

Annette B. ist 38 Jahre alt, Kunsthistorikerin, und kommt aus Düsseldorf. Sie pendelt regelmäßig und wurde von der Fahrerin zur Mitfahrerin.

"Einmal hatte ich von einer jungen Frau die Zusage, dass sie bei mir mitfährt. Eine Stunde vor Abfahrt rief sie mich an und sagte, man habe ihr am Vortag das Portemonnaie geklaut - ob sie denn trotzdem mitfahren dürfe? Klar, sagte ich, sie könne ja dann hinterher die 20 Euro einfach überweisen.

Während der Fahrt haben wir uns angeregt unterhalten. Ich hatte sogar den Eindruck, wir lernten uns kennen. Das Geldthema haben wir gar nicht mehr angesprochen - auch, weil noch zwei Mitfahrer dabei waren.

Am Zielort gab sie mir dann ihre persönlichen Daten, also Name, Adresse, Telefonnummer - und ich ihr meine Bankverbindung. Aber es kam kein Geld. Ich schickte ihr eine Mahnung. Keine Reaktion. Wenig später kam der Brief als unzustellbar zurück. Daraufhin schaltete ich die Polizei ein. Nach einiger Zeit kam die Mitteilung: Das Verfahren wird eingestellt, die Person ist nicht zu finden. Das war enttäuschend. Die junge Dame hatte anscheinend alles von vornherein geplant. Der einzige Weg, solche Situationen auszuschließen: niemanden mitnehmen, der kein Geld dabei hat.

Aber dann muss ich zugeben, dass ich auch schon mal vom guten Glauben einer Fahrerin profitierte: Ich erschien am vereinbarten Abfahrtsort und bemerkte erst dort, dass ich nicht nur kein Bargeld in der Tasche, sondern anscheinend auch meine EC-Karte irgendwo liegengelassen hatte. Die nette Fahrerin nahm mich aber mit, nachdem ich mich vor ihr ausweisen konnte. Ich organisierte dann, dass eine Freundin mich am Ankunftsort abholte und mir Geld mitbrachte. Mit der Fahrerin habe ich heute noch Kontakt."

Andreas, 27: Ist lieber allein unterwegs

Andreas Junker ist 27 Jahre alt und kaufmännischer Angestellter aus Willich. Warum er weder mitfahren noch fahren würde:

"Bei einer Mitfahrgelegenheit mitfahren oder eine Fahrt anbieten? Nein, das ist nichts für mich. Ich will mir die Menschen aussuchen, die sich zu mir ins Auto setzen, und wenn ich wo mitfahre, dann bei Freunden.

Sicher wäre es klug, meine Fahrten anzubieten, denn ich bin viel unterwegs. Und Freunde fahren regelmäßig mit Mitfahrgelegenheiten, ohne je was Negatives erzählt zu haben - im Gegenteil.

Trotzdem: Ich setze mich am liebsten in mein eigenes Auto, möglichst allein, mit einer Zigarette und guter Musik, ohne wildfremde Menschen, die mich womöglich auch noch vollquatschen."

Angela, 24: Nur die Liebe zählt

Angela Liebst kommt aus Gummersbach und macht ein Praktikum bei einem Modelabel. Sie kennt inzwischen einen besonderen Grund, warum es sich lohnen kann mitzufahren.

"Eigentlich fahre ich nur aus einem Grunde mit: Es ist günstig. Klar, man kann schon nette Leute kennen lernen, wenn man sich darauf einlässt. Aber meistens forme ich ein Kopfkissen aus meiner Jacke und döse weg.

Was mir bei einer Fahrt von Hamburg nach Köln passierte, hätte ich daher auch nie geglaubt. Am Treffpunkt standen schon ein paar Leute. Mitfahrer erkennt man. Alle nickten mir nur zu, bis auf einen, der gab mir freundlich die Hand und stellte sich vor.

Irgendwie war es da schon klar. Während der Fahrt saß er dann neben, mir und wir hatten vier Stunden Zeit, uns kennenzulernen. Als er schon in Düsseldorf ausstieg, waren wir aber zu schüchtern, unsere Handynummern auszutauschen - warum, das weiß ich heute auch nicht mehr.

Es dauerte jedenfalls ein paar Tage, bis wir uns über StudiVZ wiederfanden, endlich verabredeten und ein schönes Wochenende zusammen hatten. Das ist jetzt ein Jahr her. Mittlerweile wohnen wir zusammen."

Verwandte Artikel