Ninas Chicago-Report: Ein Schuss, ein Schrei, das war Karl May - DER SPIEGEL
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Ninas Chicago-Report Ein Schuss, ein Schrei, das war Karl May

Sogar in den USA ist ein deutscher Schriftsteller bekannt, der Wildwest-Geschichten erfand und nie die Staaten besuchte - beim Dinner staunt Nina Breitsprecher über die Achse Chicago/Bad Segeberg. Außerdem im Online-Tagebuch der Hamburger Studentin: Espresso im Großraumbecher und museale Mogelpackungen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

9. Januar
Original oder Fälschung, was soll's


Das Kaminzimmer des Art Club of Chicago ist groß und dunkel. Der von Mies van der Rohe gestaltete Raum ist angefüllt mit gediegenen Sofas, niedrigen Tischen, auf denen kleine Lämpchen leuchten, breiten Sesseln und Designerstühlen. Das Feuer im riesigen Kamin ist echt, brennt aber laut- und rauchlos hinter Gittern und spiegelt sich auf dem schwarz lackierten Parkett.

Den ersten Miró entdecke ich nach fünf Minuten über einer kleinen Anrichte an der Wand. Mir wird klar, dass sowohl der Picasso als auch der Chagall echt sind. Und dass sich vielleicht noch andere Kunstwerke von hohem Wert in diesem Raum befinden.

Wir befinden uns bei einer Podiumsdiskussion mehrerer namhafter Auktionshäuser, deren Abgesandte sich über die Frage auslassen sollen, ob Originalität im Berufsfeld des Designers noch eine Rolle spielt. Die Moderatorin kündigt an, sie sei für diese Aufgabe völlig ungeeignet, und sie schwärme sowohl für Las Vegas als auch für Disney World.

Das Fachpublikum besteht aus Architekten und Designstudenten. Aber statt die Relevanz des Berufsfeldes Design an sich zu diskutieren oder den Wert der Originalität im Gegensatz zu einer Fälschung oder Nachahmung eines Kunstwerks im Allgemeinen, sind sich eigentlich alle eine Stunde lang einig: Erlaubt ist, was gefällt.

"If you like it, who cares if it's a fake or worth one million Dollars?", fragt mich meine elegante Sitznachbarin. Vielleicht ist ihre Cartier-Uhr echt. Und vielleicht spielt für sie auch eine Million Dollar mehr oder weniger wirklich keine Rolle.

Beim anschließenden Dinner gibt es reges Interesse an den Zuständen in good old Germany. Die Runde besteht aus einem sehr exaltierten Architekten und einer eher abgehärmten Architektin. Einem verschmitzten, vollbärtigen Rechtsanwalt, der sagt, er habe etwas Ordentliches gelernt, um Geld zu verdienen, so dass er auch weiterhin seinem Hobby Architektur frönen könne, und seiner Frau. Und der Besitzerin des größten Architektur-Buchladens der Welt ("Prairie", Chicago) und ihrem Mann, einem Ex-Architekten von enormem Umfang, der mittlerweile am Art Institute unterrichtet und Mies van der Rohe noch persönlich kennen gelernt hat.

Der Anwalt berichtet belustigt, es gebe da so einen deutschen Schriftsteller, der unterhaltsame Geschichten über den Wilden Westen erfinde, über Cowboys und Indianer, obwohl er selbst nie einen Fuß in die Staaten gesetzt habe. Trotzdem seien seine Geschichten sehr amüsant. Er will sich totlachen, dass es in Deutschland sogar ein Festival gebe, an dem sich die Menschen im Freien versammelten und diese Geschichten aufgeführt würden.

Ich bin weit davon entfernt zu glauben, jeder Mensch auf dieser Erde müsse Respekt vor Karl May zu haben; im Gegenteil, Old Shatterhand scheint auch mir durchaus für den einen oder anderen Kalauer zu taugen. Und immerhin kennt der Mann die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg. Andererseits finde ich es köstlich, dass sich jemand aus dem Land von Disney World und Bonanza über Winnetou lustig machen kann, ohne auch nur eine einzige Parallele zu erkennen.

Doch spätestens mit der Suppe kommt das beklemmende Gefühl wieder auf. Die Hand, die eine Tasse vor mir auf dem gestärkten Tischtuch platziert, ist schwarz. Ebenso der Kellner, der mein Wasserglas mit Eiswasser auffüllt, kaum dass ich daran genippt habe. Der Portier an der Eingangstür, der Pförtner, die Garderobenfrau. Und an unseren Tischen nur Weiße.

11. Januar
Espresso on the run

Fast-Food-Ketten überbieten sich in Dumpingpreisen. Fragt sich, wo das hinführt, wenn es heißt: "Buy one Bigmac, get one free". Was soll ich mit zwei Bigmacs, wahlweise Sandwiches oder Pizza? Aufgrund des Konkurrenzdrucks fabrizieren die Ketten die Dinger hier sowieso schon so "huge", dass ich nicht mal einen schaffen würde, wenn ich denn wollte.

Und es gibt kein Entkommen. Um am Nachmittag einen Espresso zu trinken, betrete ich eine Filiale der unvermeidlichen Coffeeshop-Ketten. In keinem dieser Läden wird gefragt, ob man sein Heißgetränk vor Ort trinken möchte oder on the run. Wählen kann man nur zwischen Pappbechern verschiedener Größen.

Die Becher werden jetzt zusätzlich in dicke Pappringe gesteckt, obwohl auf den Bechern faszinierenderweise fett gedruckt steht: Contains hot beverage! Das Ergebnis: Espresso aus einem 0,3-Liter-Pappbecher mit Pappring. Zwei Schlucke, und das Behältnis landet im Müll.

13. Januar
Hey, big spender

Mir wird immer mehr klar, dass Museen hier Unternehmen sind. Sie werden so geführt, haben Management- und Fundraising-Departments, eigene Graphikabteilungen. Das Meeting für eine der nächsten Ausstellungen läuft ab wie eine Vorstandsversammlung: In einem riesigen, holzgetäfelten Raum sitzen rund 20 Mitarbeiter aus allen Abteilungen des Hauses auf Polsterstühlen um einen ungefähr 20 Quadratmeter großen Tisch.

Die Finanzierung von Kunst und Ausstellungen funktioniert hier nahezu ausschließlich über Sponsoren und Privatspender. Dabei müssen natürlich Kompromisse geschlossen werden, und die sind mitunter skurril - wenn beispielsweise unvermittelt eine Sammlung von gläsernen Briefbeschwerern der Wohltäterin inmitten einer Ausstellung am Art Institute präsentiert wird.

Kunst ist ein Prestigeobjekt für große Konzerne. Die Nasa ist durchaus interessiert an der kommenden Fliegerausstellung des Art Institutes und schickt zwei Abgesandte vorbei, die Schritt für Schritt die Ausstellungsvorbereitungen verfolgen und ab und zu auch Einsprüche erheben.

Noch bevor das Konzept für die "1945"-Ausstellung steht, werden schon themenspezifische Gimmicks für den Museumsshop entwickelt. Bei der Konzeption von Ausstellungen spielen also die Kategorien "Publikumswirksamkeit" und "Kompatibilität mit möglichst finanzstarken Sponsoren" eine große Rolle.

Dem Publikum wird besonders viel Aufmerksamkeit entgegengebracht; das Niveau der Museumspädagogik ist extrem hoch. Manchmal allerdings werden Ausstellungen zu Mogelpackungen. Die Ausstellung "The Medici" wurde umgetauft in "The Medici, Michelangelo and the Art of Late Renaissance Florence". Das eigentliche Thema der Ausstellung war das Mäzenatentum der Medici in der ausgehenden Renaissance-Zeit. Doch als zugkräftiger Name wurde Michelangelo bemüht, dem gerade mal ein spärlich bestückter Ausstellungsraum von insgesamt über 20 Räumen gewidmet ist.

Von Nina Breitsprecher