Notenroulette: Eine Eins aus Mitleid - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Notenroulette Eine Eins aus Mitleid

Bei der Notenvergabe an Universitäten regiert das Prinzip Willkür - in Deutschland wie in den USA. Ein Harvard-Professor hatte die "Inflation guter Noten" satt. In einem Experiment vergibt er jetzt doppelte Noten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - "Veritas" - die Wahrheit. In großen Lettern ziert das Wort das Emblem von Harvard, der ältesten US-Universität. Dass die Eliteinstitution es mit der Wahrheit nicht immer genau nimmt, glaubt ein Politik-Professor der Universität. In diesem Semester führt er ein Experiment durch, das seine Zweifel klar zum Ausdruck bringt.

Harvey C. Mansfield hat in seinem Seminar "Geschichte der modernen politischen Philosophie" ein Zwei-Noten-System eingeführt. 51 Prozent seiner Studenten erhalten am Ende des Semesters ein A oder A minus. Nach deutschen Standards entspricht dies einer Eins oder Eins minus. Etwa 22 Prozent erhalten ein B, eine Zwei. Doch diese Notenvergabe richtet sich nicht nach den tatsächlichen Leistungen. Mansfield hat Statistiken der Notenvergabe seiner Harvard-Kollegen vom Vorjahr ausgewertet und überträgt die Zensuren prozentual auf seine eigenen Studenten.

Der Professor spricht dabei von "Harvard- Schmeichelnoten", die besser seien, als es die Studenten wirklich verdienten. Aber inoffiziell erfahren seine Studenten auch, was er tatsächlich von ihren Leistungen hält. Die Durchschnittsnote hier ist ein C plus - eine Drei plus.

Keine konsequente "Nichts als die Wahrheit"-Position

"Ich würde meinen Studenten gerne die wahre Note auf dem Zeugnis geben", sagt Mansfield. "Aber damit würde ich vielen von ihnen den Zugang zu höheren Bildungsinstitutionen und Jobs versperren. Solange die anderen Professoren und Universitäten nicht mitziehen, wären meine Studenten benachteiligt." Mansfield kämpft bereits seit den siebziger Jahren gegen die "Inflation der guten Noten" im US-Bildungswesen, besonders an den Eliteuniversitäten.

Seiner Ansicht nach nahm die Vergabe guter Noten erstmals in den 60er Jahren erheblich zu. Damals versuchten Professoren, ihre Schützlinge vor der Armee zu bewahren - Studenten mit guten Noten mussten nicht in den Vietnamkrieg ziehen. Der große Zustrom schwarzer Studenten in den siebziger Jahren verstärkte den Trend zu übertrieben positiven Beurteilungen noch verstärkte.

Mansfield meint, dass die Professoren fürchteten, durch die Vergabe schlechter Noten an Schwarze des Rassismus bezichtigt zu werden. "Heute ist es so, dass viele Professoren denken, sie müssten durch die Verteilung guter Noten das Selbstbewusstsein der Studenten fördern", so der Politologe.

Wer viel zahlt, will auch gute Noten

Bildungsexperten sehen auch in den enormen Kosten des amerikanischen Studentenlebens eine Ursache der "Noteninflation". Ein Jahr in Harvard beispielsweise kostet über 33.000 Dollar, also knapp 72.000 Mark. Schlechte Noten, so scheint es, wollen die Professoren ihren Studenten bei diesen Tarifen nicht zumuten.

Dabei zeigte eine Studie von 1993, dass viele Jugendliche sehr wohl einen Dämpfer vertragen könnten. Sie offenbarte, dass 49 Prozent der US-Bevölkerung über 16 Jahren kaum lesen, schreiben und rechnen können. Frappierend: Dazu zählten immerhin 16 Prozent aller Studienanfänger. Über ein Viertel von ihnen belegt deshalb von den Universitäten angebotene Schreib-, Lese- und Mathematikkurse, bevor sie sich dem regulären Studium zuwenden.

Harvey C. Mansfields Vorgehen hat gemischte Reaktionen ausgelöst. Die Studenten scheinen es zu unterstützen. In diesem Semester sitzen mit etwa 100 jungen Leuten doppelt so viele in seinem Seminar wie in den Jahren zuvor. "Mit den übertrieben guten Noten betrügen wir nicht nur die Öffentlichkeit, sondern vor allem die Studenten selbst", meint Mansfield. "Dabei schätzen sie es, wenn man ihnen mitteilt, wo sie mit ihren Leistungen wirklich stehen."

Von Nina Luttmer, dpa