Papierboot-Wettbewerb: Treffer, versenkt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Papierboot-Wettbewerb Treffer, versenkt

Gluck gluck, weg sind sie: Nur zehn Gramm wiegen die Papierboote, tragen aber bis zu fünf Kilo Bleikugeln und saufen dann fachgerecht ab. Bei einem Wettstreit an der Rostocker Uni spielen Schüler und Studenten Schiffe versenken - Origami für den Technik-Nachwuchs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Adam-Josef" bäumt sich nicht mehr auf, es ist ein Sekundentod. "Das war die Nummer 18, Eigengewicht 10,2 Gramm", nuschelt eine Männerstimme. "Sie sehen, es klappte zuerst zusammen, bevor es unterging. Das darf bei einem Schiff nicht passieren." Robert Bronsart ist in seinem Element. Er ist der Chef des Lehrstuhls Schiffbau an der Universität Rostock, gerade moderiert er den 11. Internationalen Papierschiffwettbewerb.

Bei der Rostocker Langen Nacht der Wissenschaft warten 87 Papierschiffchen darauf, fachgerecht versenkt zu werden. Austragungsort ist ein Aquarium im Foyer der Schiffbaufakultät. Das Boot, das die meisten Bleikugeln verkraftet, bevor es untergeht, gewinnt.

Ganze Schulklassen wuseln herum, geschäftig wie Matrosen an Deck kurz vor dem Auslaufen. Wenn die Herren aus Bronsarts Team abenteuerliche Konstruktionen wie "Brauereipferd", "Titanic IVX" oder das Boot mit grün züngelnden Flammen ins tümpelhelle Wasser lassen, die Bleikugeln aus dem weißen Krug kullern, das Wasser zittert - dann rufen sie "Oh" und "Ah" und pfeifen.

Die Lüdtkes kennen das, sie waren schon letztes Jahr dabei. Das Team Lüdtke: Das sind Gabriele, Hartmut sowie Jessica, 11. Sie macht längst bei "Jugend forscht" mit. "Wir wollten unserer Tochter Physik erklären", sagt Gabriele. Die Mutter im gelb-weißen Seemannspulli wird von Bronsart persönlich begrüßt.

Training mit Ostseesand

Gabriele Lüdtke ist ein alter Hase, 2006 gewann sie mit ihrer aufblasbaren Konstruktion einen Sonderpreis. Als gelernte Maßschneiderin weiß sie, wie man akkurat arbeitet und wie Nähte aussehen müssen, die etwas aushalten. Dieses Jahr haben die Lüdtkes mit Ostseesand trainiert, in der Badewanne. Gut sechs Kilo Tragfähigkeit: So lautet die optimistische Prognose für ihre Kandidaten "Luftikus II", "Walus I" und "Walus II". Die Lüdtke-Flotte komplettieren weitere Boote mit vielsagenden Namen wie "Taugtnix" oder "Loser".

Manche, wie Anna Eudukina, 14, versenken die Boote ihrer Mannschaft gleich selbst. Die Kielerin hat zusammen mit fünf Mitschülern in den Osterferien für den Physikunterricht gebastelt. "Pewa", benannt nach einem russischen Klebstoff, trug immerhin fast 1500 Gramm Blei. "Alleskleber" ging unter wie nichts, "das 129-fache seines Eigengewichts", nuschelt Bronsart im Off.

Robert Bronsart ist der einzige mit Anzug und ganz der Kapitän. Seine Krawatte ist tiefseeblau, mit Ankern, Schiffsschrauben und schnittigen kleinen Segelbooten. Der Rest des Teams trägt marineblaue Fleece-Jacken mit weißem Uni-Emblem. Wer zwei Stunden lang seine Arme in kaltes Wasser taucht, braucht das, trotz Sommertemperaturen. Bonsarts Kommentare zur "Hauptspantvölligkeit" oder "Tragfähigkeit" kommen in Brocken. Es ist laut, Kamerateams und Schüler scharen sich um das kleine Aquarium.

Reicht die "Hauptspantvölligkeit"? Reihenweise folgen die Boote ihrer feuchten Bestimmung

Das Gebäude der Schiff- und Meerestechniker mit Bullaugen und den deckenhohen Glasfenstern liegt in der Albert-Einstein-Straße. Einstein war bekannt für seine Segelei. Wenn er in seinem Sommerhaus in Caputh bei Potsdam war, schipperte er über den Schwielowsee. Sein "Tümmler", ein Jollenkreuzer von 20 Metern, war das Geschenk eines befreundeten Schiffbau-Ingenieurs.

Der Schwielowsee ist ein Spucketropfen im Vergleich zur Rostocker Ostsee, und mit kleinen Booten halten sich die künftigen Schiffbau-Ingenieure gar nicht erst auf. "Wir bauen Handelsschiffe und Marinekreuzer", sagt Robert Bronsart. Die Sache mit den Papierbooten war seine Idee. Seine Studenten sind der Nachwuchs für die ansässigen Werften, vor elf Jahren gab es viele Stellen und wenig Leute. Eine PR-Kampagne musste her, um das Schiffbau-Studium bekannt zu machen - ein Wettkampf!

Zehn Gramm, so viel wie neun Gummibärchen

"Es sollte alles ganz einfach sein, wir wollten ja Schüler begeistern. Und: Zehn Gramm Papier hat jeder zu Hause", erklärt Bronsart. Mehr ist nicht erlaubt. Zur Anschauung sind auf einer Theke 9 Gummibärchen aufgebaut - zehn Gramm. Daneben eine Pyramide aus 20 blauen Butterpäckchen, "mit Qualitätsgarantie". Fast so viel trug das Gewinnerschiff vom letzten Jahr: 4762 Gramm.

Viele Wettbewerbs-Schiffe warten noch im Trockendock, in Bastelbunt auf zwei Tischen hinter dem Aquarium. Einer hat sein Matheheft geschlachtet und mit dem Locher noch etwas Gewicht entfernt. Die Schlauen setzten auf Transparentpapier - das, mit dem man Fensterbilder klebt. Es ist am leichtesten.

Gernot Knieling wacht über die Boote. Er promoviert bei Bronsart über Wellenwiderstandsberechnung und hat auch ein Programm geschrieben, mit dem man prüfen kann, wie viel Lecks ein Schiff aushalten muss, bevor es sinkt. "Viele hier haben keine Versteifung, um dem Wasserdruck standzuhalten." Knieling deutet auf die Einsendungen: "Mit Sprühlack aus dem Baumarkt haben wir alle noch imprägniert, sicherheitshalber." Die Musterung durch Experten steht hier vor dem Wettbewerb, einen Innovationspreis gibt es auch.

"Walus II" hält sich wacker

Bronsart zieht Kreise durchs Foyer vor dem Großen Hörsaal und redet, die Zuhörer nimmt er nicht wahr, seine Glatze glänzt wie das Meer bei Windstille. Nur ab und an blinzelt er auf die Live-Übertragung, die an die Wand projiziert wird. Sein Team ruft ihm die Ergebnisse zu, alles andere hat er im Kopf. Man kann sich vorstellen, wie er Vorlesungen hält.

Als Lüdtkes Schiffe dran sind, steht der Vater allein da. Frau und Tochter treiben sich auf der Langen Nacht der Wissenschaft herum. Wegen der selbstbewussten Prognose standen "Luftikus" II und "Walus I und II" ganz hinten auf der Startliste. Jetzt muss Hartmut Lüdtke ran, schnell noch aufpusten, mit Blei füllen. Die Boote folgen ihrer Bestimmung: Sie gehen unter, langsam. Der Traum vom Rekord - geplatzt. Aber immerhin, zweiter Platz für Walus II mit 2304 Gramm in der Kategorie "Maximale Tragfähigkeit". Und beim Verhältnis Eigengewicht zu Tragfähigkeit gewinnt "Luftikus II".

Als tief in der Nacht Wissenschaftsminister Henry Tesch mit seinem Tross zur Preisverleihung hereinstürmt, sind fast alle Teilnehmer schon weg. Die anderen Rekordbastler, die Erbauer von DIVA 2 (Gewinner mit 2752 Gramm) und "666" (Platz 3 mit 2162 Gramm), mussten mit ihren Schulklassen die Züge nach Waren und Kiel erwischen.

"Wir haben das Problem erkannt", murmelt Lüdtke leise vor sich hin. "Wissenschaft ist Zufall, hat vorhin einer gesagt." Er ist Zimmermann. Das Ergebnis zählt. "Von den 200 Euro Preisgeld werden jetzt Bleikugeln gekauft. Zum Trainieren, für nächstes Jahr."