Pole Dance als Hochschulsport "Nicht nur dummes Popowackeln"
Studentin Amelia : Nach dem Intensivkurs klappen schon die ersten Figuren
Foto: SPIEGEL ONLINEKruzifix, Plié-Spin, Klettern und Schwan. Was sich nach einer Mischung aus bayerischen Ballett-Bergsteigern und Zoo anhört, sind Figuren an einer Pole-Dance-Stange. Davon hat sich eine junge Studentin gleich zwei in ihre Altbauwohnung in Berlin Spandau montiert.
Denn Ulrike, 24, klein, kräftig, Piercing an der Unterlippe, bietet Studentinnen an, Pole Dance als Sportart auszuprobieren. Abgesehen von den Drei-Meter-Stangen zwischen Dielenboden und Decke erinnert ihr Tanzstudio Pole Dance Kitties mehr an ein Bürozimmer: Auf 17 Quadratmetern stapeln sich Aktenordner im Regal und zwischen Kommoden, Schränken und einem Terrarium gibt es nur begrenzt Platz.
Aber das stört Lisa, Miriam, Rosa und Amelia nicht. Die Studentinnen der FU Berlin trainieren heute zum ersten Mal. Lisa suchte nach "einer Sportart mit Tanzen", auf der Uniseite des Hochschulsports wurde sie schließlich fündig. Sie studiert Politik und Soziologie im Masterstudiengang. Eine Karriere als Stripperin oder professionelle Tänzerin in einer Tabledance-Bar strebt sie ganz sicher nicht an, aber ausprobieren will sie es einmal. Tanz- und Kraftübungen - für sie eine gute Kombination. Später wird sie feststellen, dass es "sogar noch viel anstrengender ist als befürchtet".
Einmal Schwungholen und dann Eleganz bitte
Die Studentinnen dehnen sich, wärmen sich auf, danach tasten sie sich an ihr Trainingsgerät heran. Steif klammern sich sich an das kühle Metall, anfangs sehen die Bewegungen noch nicht besonders elegant und geschmeidig aus. Lisa versucht die Beine so übereinanderzuschlagen, dass sie nicht abrutscht. Einmal Schwungholen, dann soll sie sich nur über die Oberschenkelinnenseiten halten. Das ist gar nicht einfach. Vor allem, wenn die blöden Füße einfach immer falsch herum aufeinander liegen. Jetzt noch schnell die Arme ausstrecken, dann hat sie das Kruzifix geschafft.
"Ich schubs dich jetzt mal ein bisschen stärker an", ermutigt die Trainerin. Lisa schaut noch etwas verunsichert, aber langsam gehen die Anfängerinnen aus sich heraus. Nach vier Stunden sitzen die ersten Drehungen und Figuren. Auch Kraft- und Ausdauerübungen wie Sit-ups und Liegestütze sind an den Poles möglich. Kopfüber an der Stange zu hängen, trauen sich die Studentinnen aber noch nicht, das überlassen sie lieber ihrer Trainerin.
Ulrike studiert Biochemie an der FU Berlin. Tagsüber sitzt sie im Labor, abends bietet sie bis zu drei Stunden lang privaten Einzelunterricht an. Vor zwei Jahren nahm sie selbst Unterricht in einem Fitnessstudio, seitdem trainiert sie zu Hause. Wegen eines Wettbewerbs bietet sie Pole Dance nun auch als Hochschulsport vergünstigt für Studentinnen an. Mit "Funpreneur" fördert die Initiative Profund der Freien Universität Berlin junge Gründerideen und hilft bei der Umsetzung. Die Intensivworkshops für Studentinnen sind ein Anfang, ab dem Wintersemester will Ulrike die Kurse wöchentlich anbieten.
"Nicht nur Popowackeln von halbnackten Mädels"
Ulrike selbst entdeckte ihre Leidenschaft zum Stangensport durch einen Fernsehbericht. "In Amerika und Australien ist Pole Dance als Sport schon Trend, in Deutschland aber kaum bekannt", bedauert sie. Das soll sich ändern. Immerhin: Einen deutschen Pole Dance Sport Verband und Weltmeisterschaften gibt es schon.
"Pole Dance ist nicht nur dummes Popowackeln von halbnackten Mädels, sondern ein anspruchsvoller Sport", sagt Ulrike. Man müsse sich die Übungen aneignen, seine Körperspannung gut beherrschen und Kraft haben. "Und natürlich sieht es auch noch sexy aus", fügt sie hinzu.
Das Ganzkörpertraining solle endlich seinen schlechten Ruf als Schmuddel-Sport loswerden. Und warum die knappe Kleidung? Die Haut verleihe Haftung an der Stange, sonst würde man abrutschen, sagt Ulrike. Dass die Akrobatik an der Stange anspruchsvoll und anstrengend ist, können die vier Anfängerinnen bestätigen. "Mir tut jetzt schon jeder Muskel weh", sagt Lisa nach dem vierstündigen Intensivkurs.
Trotzdem wollen sie alle wiederkommen. "Man muss Pole-Dancerinnen nicht krumm anschauen. Für mich ist es eine schöne Mischung aus Tanz, Akrobatik, Erotik und Sport", sagt Miriam am Ende des Kurses. Ihr Freund sehe das genauso, sagt die Studentin. Ob der dann wohl auch zur Stange gebeten wird? Männer können zwar prinzipiell kommen, sagt Trainerin Ulrike. Sie bezweifelt allerdings, dass sie die Kraft hat, bestimmte Bewegungen für männliche Pole-Sportler vorzumachen. In ihrem Kurs sind Kruzifix und Schwan deshalb erst einmal Frauen vorbehalten.