Proteste in Harvard Aufstand der Eliteschnösel
Über hundert Studenten haben vor dem roten Backsteinkomplex Zelte aufgeschlagen und den Campus in einen riesigen Campingplatz verwandelt. Aus Lautsprechern dringt Salsa-Musik. Täglich laufen Kundgebungen. Unrasierte Mittzwanziger grüßen aus den Fenstern des Verwaltungstraktes, an den Wänden prangen große Parolen auf Plakaten. Fast könnte Woodstock-Stimmung aufkommen, hätten nicht Dutzende von Polizisten das Gebäude des Harvard-Präsidenten Neil Rudenstine hermetisch abgeriegelt.
In Harvard herrscht der Ausnahmezustand. Seit drei Wochen halten gut 30 Studenten die Massachusetts Hall besetzt. Grund der Belagerung: Die Studenten fordern höhere Gehälter für die Uni-Angestellten. "Kantinenarbeiter, Putzfrauen, Hausmeister oder Sicherheitsleute sollen endlich angemessen entlohnt werden", erklärt Geschichtsstudentin Amy Offner, "Harvard ist die reichste Uni der Welt und zahlt seinen einfachen Arbeitern nur Hungerlöhne." Schon vor zweieinhalb Jahren starteten zahlreiche Studenten die mittlerweile auch von US-Gewerkschaften unterstützte "Living Wage"-Kampagne.
Die Uni, größter Arbeitgeber in Cambridge, soll die bereits 1999 vom Cambridge City Council festgelegten Mindest-Stundenlöhne von 10,25 US-Dollar einhalten, fordern die Aktivisten. "Über 2000 Harvard-Angestellte verdienen deutlich weniger, viele gerade mal 6,50 US-Dollar", zürnt Offner. "Und damit lebt man hier definitiv unter dem Existenzminimum." Nicht selten brauchen unterbezahlte Harvard-"Service Worker" - meist lateinamerikanische Einwanderer - ein oder zwei Zusatzjobs, um ihre Familien über die Runden zu bringen.
Gratis-Vorlesungen statt Krankenversicherung
Die Univerwaltung zählt dagegen nur 400 Low-Budget-Angestellte, von denen keiner unter 8,05 US-Dollar pro Stunde verdiene. Zudem seien diese Arbeiter nicht direkt von der Uni beschäftigt, sondern stünden auf den Gehaltslisten von Vertragsfirmen. Und nicht zuletzt verweisen Harvard-Offizielle darauf, dass die Service-Angestellten verschiedene Gratis-Lehrangebote nutzen könnten.
Kostenlose Bildung in Harvard mag eine feine Sache sein. Ob indes eine mexikanische Küchenfrau ohne Krankenversicherung von Philosophie-Vorlesungen oder freien Museumsbesuchen wirklich profitieren kann, hält die Studentenbewegung für sehr fraglich. "Im April hat sich die Situation zugespitzt, wir haben das Verwaltungsgebäude besetzt", erzählt Offner. "Und wir bleiben so lange drin, bis die Verwaltung unseren Forderungen zustimmt."
"Das Ganze ist schon ein ziemlich starkes Stück", findet Professor Marshall Ganz: "Eine Institution wie Harvard mit einer 19-Milliarden-Dollar-Stiftung zahlt seinen Angestellten Hungerlöhne." Der Politikwissenschaftler ist einer von über 400 Harvard-Professoren, die die "Living Wage"-Kampagne unterstützen. Letzte Woche schalteten die Lehrkräfte gar eine ganzseitige Support-Anzeige in der "Boston Globe". Doppelt peinlich für die Elite-Schmiede: Unter den Befürwortern sind einige Nobelpreisträger.
Zahlreiche Prominente verfolgen das Geschehen auch vor Ort. Neben Senator Edward M. Kennedy statteten letzte Woche zum Beispiel der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich und Senator John Kerry der Alma Mater einen Besuch ab. Und auch die Hollywood-Stars Ben Affleck und Matt Damon solidarisieren sich mit der Aktion.
Keine Spur von politischer Moral
"Politisch, moralisch und vor allem auch ökonomisch brüstet sich Harvard damit, 'cutting edge' zu sein, und philosophiert über die Organisation kompletter Volkswirtschaften", sagt Marshall Ganz. "Daher ist es wirklich mehr als ironisch, dass es die Uni nicht einmal schafft, die eigenen Angestellten so zu bezahlen, dass sie sich eine Krankenversicherung leisten können."
Was Harvard derzeit erlebt, ist der längste Belagerungszustand in der Geschichte der Renommier-Anstalt. Außer Lebensmitteln, Medikamenten und Hygiene-Artikeln kommt nichts und niemand in das abgeriegelte Gebäude. Seit drei Wochen haben die oft als Eliteschnösel verschrieenen Hausbesetzer nicht geduscht; Körperpflege samt Abwasch erledigen sie wenig zimperlich in Waschbecken.
Mit jedem Blockadetag wurde auch die Polizeipräsenz verstärkt. "Ohne Ausweis kommt keiner mehr aufs Unigelände", erzählt Patrick Wallisch. Der Berliner Psychologiestudent ist seit Februar zu einem Forschungsaufenthalt in Harvard und dokumentiert das Geschehen begeistert mit seiner Digitalkamera. "Ich hätte nie gedacht, dass es so was hier gibt", sagt Wallisch. "Die Uni ist ja eigentlich recht konservativ und auf Status bedacht."
Wird aus den Protesten ein Flächenbrand?
- Die "Living Wage"-Kampagne
- Was die Uni dazu meint
- "Living Wage"-Hintergrund zu verschiedenen US-Staaten
Bei aller Hartnäckigkeit der Initiatoren des "Living Wage"-Kampagne steht für die Uni-Offiziellen eine Räumung des Gebäudes nicht zur Debatte. "Der Einsatz von Gewalt würde einen enormen Prestigeverlust bedeuten, daher versucht die Verwaltung, die Sache auszusitzen", erklärt Ganz. "Der Präsident steht gerade mächtig unter Druck, ich hoffe nur, dass er die richtigen Entscheidungen trifft."
Auch wenn die Unis es noch dementiert, laufen laut Offner hinter den Kulissen mittlerweile Verhandlungen. Die 22-Jährige gibt sich siegessicher: "Wir werden auf jeden Fall unsere Forderungen durchdrücken." Nicht nur für alle, die täglich für die Elite-Sprösslinge kochen, putzen oder für Sicherheit sorgen, ist zu hoffen, dass die "Living Wage"-Aktivistin recht behalten wird. "Schließlich ist das Problem der sozialen Ungerechtigkeit kein Harvard-Problem, sondern vielmehr eines der gesamten USA", sagt Ganz. "Daher halte ich es auch nicht für unwahrscheinlich, dass sich die Protestaktion auf weitere Unis ausdehnt."