Rabbi-Seminare Gespaltene Tradition
Heidelberg - An der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg will der Zentralrat der Juden Rabbiner ausbilden und richtete zu diesem Zweck eine Ignatz-Bubis-Stiftungsprofessur ein. Am 10. Mai wird die Eröffnung gefeiert, dann können die Studenten kommen: Die Kandidaten werden zunächst die etwa zweijährige Grundausbildung absolvieren und mit einer Zwischenprüfung abschließen.
Dabei können sie selbst entscheiden, ob sie eher eine liberale, konservative oder orthodoxe Richtung einschlagen wollen. Anschließend verweilen sie einige Semester im Ausland, um das Diplom zu machen - in Israel, den USA oder Großbritannien. Die Finanzierung einer vollständigen Rabbinerausbildung sei in Deutschland derzeit nicht realisierbar, so die Hochschule.
Es sei denn mit privaten Mitteln. Bereits im letzten Jahr wurde das "Abraham-Geiger-Kolleg" eingeweiht, angeschlossen an das "Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien" der Universität Potsdam. Vorerst kann das Kolleg, das keine staatlichen Finanzhilfen erhält, nur drei bis fünf Studenten pro Jahr aufnehmen. Die ausgewählten Stipendiaten müssen im seit 1994 bestehenden Studiengang "Jüdische Studien" einen Magisterabschluß erwerben. Parallel dazu erhalten sie am Kolleg eine theologische und gemeindepraktische Zusatzausbildung.
Die beiden Ausbildungsstätten stehen zwar in derselben Tradition, verfolgen jedoch unterschiedliche Ansätze. Das Abraham-Geiger-Kolleg wurde gegründet auf Initiative der "Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz" - ohne Rücksprache mit dem Zentralrat. Rabbi Geiger, Namensgeber des Kollegs, gilt bis heute als einer der bedeutendsten Theoretiker des jüdischen Liberalismus. So lieferte er Ende des 19. Jahrhunderts die religionsgeschichtliche Legitimation für die Modernisierung der jüdischen Religion.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland, der sich aus historischen Gründen einer eher konservativen Linie verpflichtet fühlt, hüllte sich bei der Eröffnung des Abraham-Geiger-Kollegs denn auch in Schweigen: Man müsse abwarten, in welche Richtung sich dieses Rabbinerseminar entwickele, hieß es. Nun hat man ein eigenes.
- Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Jüdische Studien an der Universität Potsdam
- Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien
- Zentralrat der Juden in Deutschland
Die konkurrierenden Seminare mögen zwar nicht dem Prinzip der Jüdischen Einheitsgemeinde entsprechen, beheben aber möglicherweise einen Notstand: Weniger als ein Drittel der 85 jüdischen Gemeinden in Deutschland hat derzeit einen eigenen Rabbiner. Zudem fehlte deutschen Rabbis, die in England, in den Vereinigten Staaten oder Israel studiert hatten, bislang die praktische Erfahrung in den deutschen Gemeinden. Und deren Struktur hat sich durch den Zuzug von Kontingentflüchtlingen aus den GUS-Staaten grundlegend gewandelt.
Mit der Einrichtung der beiden Ausbildungsstätten wird nun eine Tradition fortgeführt, die durch die Naziherrschaft zerstört worden war. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es drei Rabbinerseminare in Deutschland - eines in Breslau und zwei in Berlin. Internationalen Ruf genoss die 1942 geschlossene Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, an die die Heidelberger Hochschule mit der Ignatz-Bubis-Stiftungsprofessur anknüpft. Einer der bekanntesten Lehrer der 1870 gegründeten Hochschule war übrigens - Rabbi Geiger. Da scheint die Gemeinde plötzlich wieder einheitlich.