Rechtschreibung an Unis: Es streiten sich die Gelehrten - DER SPIEGEL
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Rechtschreibung an Unis Es streiten sich die Gelehrten

Seit dieser Woche ist die neue Rechtschreibung rechtskräftig. Außer in Bayern und Nordrhein-Westfalen lernen Schüler nach den neuen Regeln. Die Studenten auch? An den Universitäten breitet sich ein Wirrwarr aus, die Germanisten wollen einen "Religionskrieg" vermeiden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für den Germanistikstudenten Ben Ewald ist die Sache klar: Ab sofort gilt die neue Rechtschreibung auch an jeder Hochschule. "Ich denke, wenn das rechtskräftig ist, wird das schon Standard sein", sagt Ewald, "das gibt dann mächtig Abzüge, wenn die Rechtschreibung nicht stimmt oder Kommafehler passieren."

Die Philosophie- und Archäologiestudentin Annelie-Catherine Hoffmeister dagegen glaubt, dass sich nichts ändern wird: "Unser Dozent hat darauf hingewiesen, dass es ganz wichtig für ihn ist, dass die griechischen und römischen Fachbegriffe richtig geschrieben werden. Das andere sei auch wichtig, aber da würde er mal nicht so hingucken."

Und ihrem Kommilitonen Holger Schmidt ist alles egal: "Ich schreibe so gut, wie ich kann und wie mein Rechtschreibprogramm mir das sagt. Ich hoffe, mein PC kann das gut, der Rest ist gut Glück." Große Verwirrung also - gilt nun die alte oder die neue Rechtschreibung an der Uni?

Kein Punkteabzug bei Verstößen

Nach geltendem Recht müssen die Hochschulen die neue Rechtschreibung nicht anwenden. Aber sie können. Beispiel Humboldt-Universität Berlin: Die Uni-Verwaltung schreibt nach den neuen Orthografie-Regeln - vom Immatrikulationsbüro bis zum Präsidialamt. Der Akademische Senat hat dies so beschlossen. "Ja, wir wollten als Universität gerne mit der Zeit gehen", berichtet Pressesprecherin Angela Bittner.

Anders sieht es in den einzelnen Fakultäten der Uni aus. Die Philosophen und Historiker etwa haben bereits vor Jahren entschieden, studentische Arbeiten generell nach Duden-Norm zu kontrollieren. Und die Norm hat sich geändert - also gelten die neuen Regeln. Allerdings: Es ist nur eine Empfehlung für die Dozenten, Punkteabzug gibt es bei Verstößen nicht.

Wiederum anders ist die Lage bei den Germanisten: "Ich hielte eine einheitliche Regelung für absolut bedenklich, weil das innerhalb der Fakultät fast einen Religionskrieg auslösen würde", sagt Dozent Michael Kaemper van Den Boogaart. "Viele meiner Kollegen und Kolleginnen haben sich auch eher als Gegner der Rechtschreibreform profiliert, und ich nehme nicht an, dass die ihren Orthografie-Habitus noch verändern werden."

Das heißt: Solange die Deutsch-Profis streiten, bleibt für die Studierenden alles beim Alten. "Hier ist es gegenwärtig noch so - ich korrigiere gerade Klausuren -, dass die Studierenden sich entscheiden können, ob sie der neuen oder alten Rechtschreibung folgen", sagt der Germanistikdozent.

Beim Staatsexamen bestimmt das Ministerium

Kompliziert wird es für diejenigen, die auf Lehramt studieren. An der Uni können sie noch schreiben, wie sie wollen, doch bei der Prüfung kommen sie damit nicht durch. Denn bei einem Staatsexamen hat nicht die Hochschule das Sagen, sondern das jeweilige Ministerium.

"Seit 1. August ist die Regelung, die an allen Berliner Schulen gilt, auch für die Lehramtskandidaten für die Prüfung unseres Hauses verbindlich. Das heißt, es wird nach neuer Rechtschreibung geprüft - konsequent", erklärt Jens Stiller von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport die Rechtslage. "Wir müssen ja auch davon ausgehen, dass die Lehramtskandidaten sehr bald und sehr schnell die neue Rechtschreibung in den Schulen selber unterrichten müssen."

Bizarr: Die Universität, die Studenten auf ihren künftigen Beruf vorbereiten soll, lehrt und verlangt die neue Orthografie nicht. Doch in der Schule müssen die Absolventen plötzlich fit sein.

Ein echtes Dilemma, räumt der Germanist Michael Kaemper van den Boogaart ein: "Wir sehen das auch im Praktikum, wo es unseren Studierenden häufig Schwierigkeiten bereitet, spontan im Tafelanschrieb den Regeln der neuen Rechtschreibung zu folgen. Das hat aber auch den Vorteil, dass die Schülerinnen und Schüler dann mit aller Aufmerksamkeit korrigierend eingreifen und sich ein sehr interaktives Verhältnis ergibt."

Von Jens Rossbach, "Campus & Karriere"  / Deutschlandfunk

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