Reisen: CAMBRIDGE, ANATOLIA - DER SPIEGEL
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Reisen CAMBRIDGE, ANATOLIA

Nicht nur für Nahost-Experten: Türkische Privat-Unis bieten Stipendien, internationale Abschlüsse und Studentinnen in Gucci und Chanel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor 30 Jahren hätte man Leute wie James Helicke an der Kaimauer von Izmir ins Meer geschmissen und ihnen mit gereckter Faust "Yankee, go home!" hinterhergeschrien. Inzwischen ist Anti-Imperialismus out, und James aus Pittsburgh und seine amerikanisch-deutsch-ungarische Politologen-WG sind herzlich willkommen in der Türkei.

James hat bis vergangenen Sommer an der Georgetown University in Washington studiert, Vera Weidemann in Göttingen und Mark László-Herbert in Budapest. Seit September sind sie Teilnehmer eines Graduiertenprogramms der Bilkent-Universität in Ankara. Für James und Mark zahlt die türkische Hochschule das Stipendium, Veras Aufenthalt unterstützt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Sie möchte, bevor sie fürs Diplom nach Deutschland zurückkehrt, in Ankara einen Master-Abschluss machen.

Jeden Morgen fahren die drei mit dem kostenlosen "Bilkent-Shuttle" eine halbe Stunde hinaus in die baumlosen Hügel westlich der Hauptstadt, wo sich auf mehreren Hektar manikürtem Rasen der Campus der begehrtesten türkischen Privat-Uni erstreckt.

Bilkent steht für "bilim kenti", Stadt der Wissenschaft. Wer die pastellfarbenen Cabrios und flotten Kleinwagen auf den überfüllten Parkplätzen sieht, könnte das Areal auch für ein junges Software-Unternehmen oder einen überdimensionalen Fitnessclub halten. In Bilkent studieren 9000 Zöglinge des anatolischen Geldadels und etwa 1000 Voll-Stipendiaten ­ Hochbegabte aus dem Mittelstand und Ausländer, denen Studiengebühren von 3000 bis 6000 Dollar, ein Platz im Wohnheim und ein Taschengeld bis 280 Dollar monatlich finanziert werden.

Die Unterrichtssprache ist Englisch, das Curriculum amerikanisch. Ein Drittel der etwa 1500 Professoren sind Ausländer, die meisten türkischen Professoren haben Jahre im Westen verbracht.

Vera Weidemann kam auf Anregung ihres Göttinger Lehrers, des Nahost-Experten Bassam Tibi, nach Bilkent. Zwei Unterschiede zu Göttingen, sagt sie, seien ihr gleich in der ersten Woche aufgefallen: die Chanel-Kostüme und Gucci-Taschen bei ihren Kommilitoninnen und die "Meisterschaft der negativen Motivation" bei den Professoren.

"Bilkent ist kein Zuckerschlecken" und "Glaubt ja nicht, dass ihr meinen Kurs so nebenher absitzen könnt" seien die Botschaften der ersten Sitzungen gewesen. "Ganz so dramatisch ist es zwar nicht", sagt Vera, "doch ein Lektüre-Pensum von wöchentlich 300 Seiten pro Veranstaltung ist durchaus die Regel." Dazu Anwesenheitspflicht, Bewertung der mündlichen Mitarbeit sowie je eine "presentation", ein schriftlicher Test plus Hausarbeit ­ Göttingen war offenbar etwas beschaulicher.

Dass an türkischen Privat-Universitäten eine globalisierungstaugliche Auslese herangezogen werden soll, ist Programm; Skrupel mit dem Elitebegriff plagen weder Professoren noch Betreiber. Für die großen türkischen Industrie-Holdings ­ im Fall Bilkent ein Baukonzern aus Ankara ­ sind Hochschulstiftungen hervorragende Abschreibungsobjekte, die vor allem in den Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften auch noch eigenen Führungsnachwuchs liefern.

Obwohl Bilkent regelmäßig Staatsmänner aus dem In- und Ausland zu Diskussionen lädt, wird das politische Engagement der Studenten nicht gerade gefördert. "Unsere Studierenden", sagt Saadet Bozkurt, Leiterin der Internationalen Abteilung, "haben genug zu tun ­ für radikale Aktivitäten bleibt keine Zeit."

Auch die soziale Ablenkung soll sich offenbar in Grenzen halten. In den ungewöhnlich kargen Wohnheimen herrscht ein viktorianischer Sittenkodex. Männer- und Frauenblocks sind strikt getrennt, Wachmänner registrieren jeden Besucher. Zur privaten Kontaktaufnahme mit dem jeweils anderen Geschlecht greifen die Wohlhabenden zum Handy; für die Stipendiaten gibt es Münztelefone.

"In Ankara ist es generell ein bisschen schwer mit dem Fun-Faktor", sagt Vera Weidemann. Daran hat auch der Umzug der Ausländer-WG in die Innenstadt kaum was geändert. Andererseits: "Wir fanden sofort einen Vermieter ­ und das, obwohl wir keine Türken sind, geschweige denn verheiratet. Vier Zimmer für 500 Dollar, zentral, gepflegt, frisch renoviert und hoffentlich erdbebensicher. Alles europäischer Standard."

In der WG-Küche hängen Schnappschüsse aus dem Nahost-Seminar ihres Lieblingsprofessors Norman Stone. Der Brite war außenpolitischer Berater der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher und unterhält seine Schüler gern mit Anekdoten aus Downing Street. "Allein wegen Leuten seines Kalibers lohnt es sich, ein paar Semester nach Bilkent zu kommen", sagt James Helicke. "Schade, dass er jetzt für sein neues Projekt nach Moskau geht."

Sieben Jahre war Stone in Bilkent, zuletzt als Leiter der Abteilung Internationale Beziehungen. Es scheint ihm gefallen zu haben: Sein Büro in Ankara behält er.

BERNHARD ZAND