Reisen PANZER VOR DEM CAMPUS
Der Rektor und seine Dekane sitzen beim Tee unter Pinien im prächtigen Universitätsgarten, kurzärmelig und krawattenlos. Ihr Großväterblick ruht auf der Bühne vor dem Atatürk-Denkmal, wo Studenten zu anatolischen Volksweisen tanzen. Die akademische Jugend verteilt sich auf dem Rasen zwischen osmanischen Pavillons, raucht, unterhält sich und macht Picknick.
Tiefer Friede, so scheint es, liegt jedes Jahr am zweiten Oktobersamstag über dem Campus an der Beyazit-Moschee, wenn die Universität Istanbul den Beginn des akademischen Jahres feiert.
Draußen aber, auf dem gepflasterten Vorplatz, stehen Panzerwagen, auf dem Boden liegen griffbereit weiße Helme, Schlagstöcke und Plexiglas-Schilde. Alle paar Sekunden piept an der Universitätspforte ein Metalldetektor. Wer zur Party auf den Campus hineinwill, muss den Inhalt seiner Tasche vorzeigen und eine Gesichtskontrolle über sich ergehen lassen.
Männer dürfen auf dem Campus keine langen Haare und Vollbärte tragen, den Frauen sind Kopftücher untersagt, Professorinnen haben nicht in Hosen, sondern in Röcken zu erscheinen. Wer verdächtige Zeitschriften oder anderes subversives Schriftgut mithat, sieht zu, dass er es noch schnell in einen Papierkorb stopft, bevor die Sicherheitsbeamten in seiner Tasche zu wühlen beginnen.
Was in den siebziger Jahren zu Revolten geführt und noch vor wenigen Jahren tausende von Hochschülern auf die Barrikaden getrieben hätte, wird nun gleichgültig hingenommen. 70 000 Studierende und etwa 5000 Professoren an der Universität Istanbul haben sich damit abgefunden, Teilnehmer einer polizeilich überwachten Veranstaltung zu sein. "Alles ruhig", sagt Professor Kemal Alemdaroglu, Chirurg und seit zwei Jahren Rektor der Hochschule, "die Konflikte an unserer Universität sind gelöst."
Das steinerne Gesicht des Rektors ziert ein gepflegter Schnauzer, wie ihn auch jeder seiner Studenten straflos tragen dürfte. Er sitzt im Büro, in dem einst der Kriegsminister des Osmanischen Reiches residierte; an der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt das obligatorische Porträt des Staatsgründers Kemal Atatürk, davor steht ein vergoldeter Zimmermast mit der türkischen Flagge.
Bei seinem Amtsantritt im Januar 1998 hat Alemdaroglu einen Katalog von Bekleidungs- und Disziplinarverordnungen reaktiviert, der zwar seit Jahrzehnten galt, um dessen Durchsetzung sich in den Jahren zuvor aber so recht keiner mehr kümmerte.
Gegen den Willen der traditionell liberalen Professorenschaft in Istanbul, doch ganz im Sinne des Generalstabs, der höchsten Autorität des Landes, setzte der Rektor die Grundsätze einer säkularen Türkei durch, die islamistische Manifestationen schon bei der Kleiderordnung bekämpft.
Kritik an den Panzerwagen vor dem Campus-Tor, Fragen nach der Hochschulautonomie, Hinweise auf seine eigene Studentenzeit als Aktivist der kemalistischen Linken hört Alemdaroglu nicht gern. Er sei hier, sagt er, um seine Universität gegen den "Missbrauch religiöser und ethnischer Empfindungen" zu verteidigen.
Studenten und Professoren, die gegen die Vorschriften verstoßen, müssten eben mit den Konsequenzen leben. Rektoren, die in politischen sowie in Bart- und Kopftuchdingen großzügiger denken als er, "vergehen sich an unmissverständlichen Urteilen des Verfassungsgerichts". Das gelte vor allem für die reichen Privatuniversitäten, die nur vermeintlich die Elite der türkischen Studenten abschöpften. "Irrtum!", hebt Alemdaroglu den Zeigefinger: "Hier, an unserer Universität, wird die Elite dieses Landes erzogen."
Die Uni auf der majestätischen Anhöhe über dem Goldenen Horn, so hatte es sich Atatürk schon bei ihrer Gründung 1933 vorgestellt, sollte mit der Fackel der europäischen Aufklärung die junge Republik erleuchten. Mit sicherem Gespür für historische Symbolik setzte er die erste Universität des Staates ins Zentrum des alten Konstantinopel, genau an die Stelle, wo sich einst das byzantinische Forum befand.
Das auf 500 Jahre muslimischer Gelehrsamkeit zurückblickende "Darülfünun", das osmanische "Haus der Wissenschaften", wurde geschlossen, die Muftis wurden davongejagt wie vor ihnen bereits Sultan und Kalif. An die Stelle der Muslim-Theologen traten vermehrt Professoren aus Europa, vor allem aus Deutschland, wo Hitler tausende Wissenschaftler aus politischen und rassistischen Gründen entlassen hatte.
Bis in die vierziger Jahre war rund die Hälfte der Lehrstühle an der Universität Istanbul mit deutschsprachigen Medizinern, Juristen, Natur- und Sozialwissenschaftlern besetzt. Der deutsche Verfassungsrechtler Ernst Hirsch arbeitete maßgeblich am ersten türkischen Hochschulgesetz von 1946 mit.
Das Gesetz räumte den türkischen Universitäten weitgehende Autonomie und Schutz vor dem Zugriff des Staates ein.
Bei den Unruhen gegen die Militärdiktatur in den siebziger Jahren boten Rektoren wie Erdal Inönü, der Sohn des ersten türkischen Ministerpräsidenten, linken Militanten auf dem autonomen Campus Zuflucht vor den Sicherheitskräften. In Ankara gründete, als einer von hunderten, ein Politologiestudent namens Abdullah Öcalan einen Diskussionskreis zum Thema Türken und Kurden die Polizei konnte ihm zunächst nichts anhaben, denn die Hochschulen waren unantastbar.
Aynur Gökçe, 22, sitzt wie ein unverdrossenes Relikt jener glorreichen Tage im Istanbuler Studentenbüro der linksradikalen "Partei der Sozialistischen Macht". Ihr grünes Armeehemd über dem T-Shirt kündet von alten Revolutionärstugenden, und ihre Stimme überschlägt sich vor Zorn, wenn sie gegen die Allianz von Kapital und politischer Reaktion in ihrem Land wettert.
Aynur ist von der Notwendigkeit der großen anatolischen Volksrevolution überzeugt; ihre Gruppe, sagt die Wirtschaftsstudentin, stehe rechts von der PKK, aber weit links von den Sozialdemokraten. Sie rechtfertigt das Hochschulregiment ihres Rektors freilich nur, so weit es ihre ideologischen Gegner trifft: die Islamisten und ihre akademische Speerspitze, die so genannten Kopftuch-Studentinnen, die als Einzige bis heute massiv gegen den "Hauptkommissar"und "Steinzeit-Professor" Alemdaroglu protestieren.
Das Kopftuch, sagt Aynur, sei mitnichten ein Symbol des Individualismus und der Menschenrechte "es ist ein Symbol von Fanatismus und Unterdrückung". Als vom Minarett gegenüber der Gebetsruf des Muezzins ertönt, schließt sie wütend das Fenster.
Ganz kühl und ohne Fanatismus zählt die Informatikstudentin Nuray Canan Bezirgan, 23, dagegen auf, warum sie von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt auftritt. Das Kopftuch, sagt Nuray, sei Ausdruck ihres Glaubens. Es verberge ihre Reize und schütze sie vor den Blicken der Männer; sie denke nicht daran, in dieser Sache einen Kompromiss einzugehen. "Ich habe mich 1996 mit dem Kopftuch an der Universität eingeschrieben, ich habe mit dem Kopftuch zwei Jahre lang studiert, und ich werde nicht auf meinen Abschluss verzichten, nur weil sich der Rektor die Sache inzwischen anders überlegt hat."
Im Juni 1998 bekam Nurays Professor für Büromanagement die Entschlossenheit seiner Studentin zu spüren. Er hatte ihr, dem neuen Reglement entsprechend, den Testfragebogen verweigert, weil sie mit dem Kopftuch zur Zwischenprüfung erschienen war. Nuray ging ans offene Fenster und schlug Radau; den Rest des Tages verbrachte sie in der Einzelzelle der Sicherheitsdirektion.
Als ihr am nächsten Tag ein Kordon aus weiblichen Polizistinnen den Zugang zum Prüfungssaal versperrte, riss ihr die Geduld: Sie ging auf eine der Polizistinnen los; es kam zum Streit, Nuray wurde an der Hand verletzt. Die Studentin klagte, die Universität klagte zurück, die Prüfung fiel aus. "Gut", sagte sich Nuray damals, "ich habe ein Jahr verloren, aber ich werde es weiter versuchen."
Seither hat sie den Campus nicht mehr von innen gesehen; die Kontakte mit ihren Professoren beschränkten sich auf Gerichtstermine in insgesamt vier Prozessen.
Die Sympathie für Frauen wie Nuray ist bei Kommilitonen wie Professoren merklich gesunken. Im Sommer des vergangenen Jahres, wenige Wochen nach dem verheerenden Erdbeben von Izmit, hatten islamistische Studentinnen mit einem provozierenden Spruchband gegen das Kopftuch-Verbot demonstriert.
"Reicht 7,4 etwa nicht aus?" stand auf dem Banner, das die Katastrophe als göttliches Strafgericht gegen die verhassten Laizisten darstellte. "Hier sehen Sie, mit welcher Art von Radikalismus wir konfrontiert sind", sagt der Jurist Saim Ustündag, Vizerektor der Universität Istanbul. Atatürks Republik sei unverändert von rechts wie von links bedroht; an eine Aufweichung des Reglements an den Universitäten sei nicht zu denken.
1981, unmittelbar nach dem letzten Militärputsch, hatten die Generäle dem Land ein Hochschulgesetz oktroyiert, das die Universitäten bedingungslos unter Staatskuratel stellte. Das Vorschlagsrecht für Rektoren, Dekane und Professoren liegt seither beim "Hochschulleitungsrat", dem ein Mitglied aus dem Generalstab angehört; die Ernennung der Rektoren ist dem Staatspräsidenten vorbehalten.
Die Lehrpläne aller Staatsuniversitäten sind seit 1982 rigoros vereinheitlicht, das zentral verordnete Korsett lässt kaum noch Freiheit für Lehre und Forschung. "Das Studium ist völlig verschult", klagt eine ausländische Lehrkraft am Fremdspracheninstitut der Universität Istanbul, "ungewöhnliche Fächerkombinationen und Wahlmöglichkeiten werden durch die überbordende Bürokratie weitgehend eingeschränkt."
Die Studenten an ihrem Fachbereich seien durchweg frustriert und sähen zu, dass sie "diesen Lebensabschnitt so schnell wie möglich hinter sich bringen". Darunter wiederum leide die Qualität der Ausbildung: "In manchen meiner Kurse", sagt die Literaturdozentin, "unterrichte ich auf dem Niveau der siebten Klasse eines deutschen Gymnasiums."
Dass außerhalb der klassischen und besonders geförderten Fakultäten wie Medizin, Jura oder Ingenieurwissenschaften an einer staatlichen Hochschule jemand mit Lust und Idealismus studiere, sei in der Tat die Ausnahme, gibt der Geografiestudent Yavuz Genç zu: "Mindestens ebenso lustlos und unengagiert wie die Studenten sind allerdings die Professoren."
Viele Mitglieder seiner Zunft, bestätigte kürzlich Professor Kemal Inal von der Universität Ankara, seien häufig nur an einem Tag pro Woche an der Universität und ließen stattdessen ihre Assistenten aus veralteten Lehrbüchern vorlesen; der Ausstoß an wissenschaftlichen Veröffentlichungen erfülle nicht mehr die Standards eines intellektuellen Wissenschaftsbetriebs.
"Der persönliche und akademische Kompass" der türkischen Professorenschaft, so Inal, weise längst aus dem überregulierten und erstarrten Universitätshain hinaus in eine dynamische Geschäftswelt, in der die Dienste von Privatärzten, technischen und juristischen Gutachtern mit barem Geld bezahlt werden.
Auch die Studenten suchen ihr Glück lieber auf dem frühkapitalistischen Arbeitsmarkt vor dem Campus-Tor als im akademischen Betrieb. Als unlängst die britische Modekette "Top Shop" eine Filiale im Istanbuler Nobelviertel Tesvikiye eröffnete und 150 Verkäuferstellen ausschrieb, bewarben sich 7500 Interessenten alle mit türkischem Hochschulabschluss.
BERNHARD ZAND