Rettungsgrabung von Archäologen: Die kopflose Sigi - DER SPIEGEL
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Rettungsgrabung von Archäologen Die kopflose Sigi

Die angehenden Archäologen hatten eine besondere Mission: In kurzer Zeit sollten sie eine alte Kirche finden - die Braunkohle-Bagger rückten immer näher. Und auf dem Friedhof lagen noch einige Skelette. Student Tobias Paukert erzählt von einer heiklen Grabungs-Aufgabe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Wir wussten, dass es die mittelalterliche Kirche gab - aber nicht, wo genau sie gebaut wurde. Uns blieb wenig Zeit: In dem Gebiet sollte künftig Braunkohle abgebaut werden, die Bagger kamen schon näher. Als Archäologie-Team hatten wir nur einige Informationen aus alten Aufzeichnungen, die natürlich ungenau waren. Um wirklich nichts zu zerstören, haben zuerst Bagger die obersten Erdschichten abgetragen. Immer nur höchstens fünf Zentimeter.

Daneben stand eine Baggeraufsicht, die aufgepasst hat. Sobald die Erde eine andere Färbung hatte, hat sie 'Stopp' gerufen, der Bagger musste mit dem Schaufeln aufhören. Es ist nämlich so, dass Grabstellen eine andere Erdfärbung haben. Zuerst wird ja eine Kuhle gegraben, dann wird die Erde über einem Sarg wieder reingeschaufelt. Da ist dann natürlich auch sogenannte Obererde dabei, die anders gefärbt ist.

Das Terrain wurde auch noch in neuerer Zeit für Bestattungen benutzt - es war der örtliche Friedhof eines alten Dorfes. Viele Leichen wurden vor unserer Grabung exhumiert. Wenn es noch Verwandte gab, die das wollten. Einmal kam ein Einwohner vom Nachbardorf und sagte: 'Hey, hier müssten meine Großeltern auch noch liegen.' Das war schon ein bisschen makaber. Zumal natürlich noch genug junge Skelette da waren, die wir dann ausgraben mussten. Einige riechen da ziemlich modrig, so ähnlich wie in einer alten Kirche, in der viele Reliquien gelagert sind.

Die schönen Skelette bekommen Namen

Nicht gerade schön ist auch das Leichenfett - wenn die Knochen unter 100 Jahre alt sind, findet man das an Skeletten. Es ist weiß und von der Konsistenz so ähnlich wie Butter. Auch der frühere Totengräber des Friedhofs kam vorbei und zeigte auf zwei Gräber, die etwas anders ausgerichtet waren. 'Das müssten die Priester sein', sagte er. Der Totengräber hatte Recht. Als wir den Bereich freilegten, haben wir noch die Pullover der beiden Geistlichen gefunden. Auch Gummistiefel und Nylonstrümpfe waren in einigen Gräbern - so was hält sich immer besonders lange.

Natürlich ist es eigentlich nicht normal, dass man erst durch so frische Gräber durch muss. Für einige von uns Archäologiestudenten war das auch nicht einfach. Aber da wir die genaue Tiefe der Kirche aus dem Mittelalter nicht kannten, war es besser, vorsichtig zu sein.

In den älteren Barockgräbern haben wir dann die 'kopflose Sigi' gefunden. Ein Skelett mit Pinsel und kleiner Schaufel freizulegen, das dauert - und dann muss natürlich noch eine wissenschaftliche Zeichnung der Grabstelle angefertigt werden. Zwei Tage ist man schon beschäftigt.

Da entwickelt man irgendwie eine Beziehung zu den besonders 'schönen' Skeletten und gibt ihnen manchmal einen Namen. Sigi fehlte der Kopf, dafür hatte sie ein wunderschönes altes Holzkreuz mit einer Jesusfigur an ihrer Hüfte liegen. Wahrscheinlich stammt es von einem alten Rosenkranz. Es ist leider oft so, dass ein Grab unvollständig ist. Die Sigi müsste jetzt bei den Anthropologen zur Untersuchung sein.

Von der mittelalterlichen Kirche haben wir leider nur sehr wenig gefunden. Vielleicht wurde ein Teil zum Bau einer neuen Kirche verwendet. Jetzt wird in dem Gebiet Braunkohle abgebaut, und wir warten auf die Auswertung der Funde."

Aufgezeichnet von Claudia May