Sansibar: Studieren in 1001 Nacht - DER SPIEGEL
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Sansibar Studieren in 1001 Nacht

Sansibar - das klingt nach Kolonialpracht, Traumstränden, Schwimmen mit Delfinen. Nirgendwo können Afrikanisten schöner Kisuaheli lernen. An die Uni der ostafrikanischen Inselgruppe kommen deutsche Gaststudenten aber nur, wenn sie gut sind.
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Der Eingang zum Institut für Fremdsprachen an der State University of Sansibar gleicht der Pforte eines verwunschenen Sultanats. Hinter der reichverzierten Holztür öffnet sich ein Innenhof mit Säulengängen und Holzbalustraden. Auf den Stufen sitzen bunt verschleierte Studentinnen, einige halten ein Mobiltelefon ans stoffbedeckte Ohr.

Auf dieser Treppe genoss im vergangenen Sommersemester auch Nathalie Anthony die Sonne. Jetzt stößt die 26-jährige Afrikanistikstudentin fröstelnd die Tür zum Café im Hamburger "Afrikahaus" auf. Draußen prasselt kühler Dauerregen aufs Kopfsteinpflaster. "Das Wetter war ohne Frage besser in Sansibar", sagt sie und lacht. "Dafür schmeckt mir nach den ewigen Hühnchen mit Banane hier das Essen wieder ziemlich gut."

Zwei Monate lang hat Anthony mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) auf Unguja, der Hauptinsel Sansibars, Kisuaheli studiert. Genauer: in Stone Town mit seiner malerischen Altstadt. "Das war kein Ferienaufenthalt, da wurde richtig gelernt", sagt die Tochter eines Ghanaers.

Wer in Ostafrika tätig werden will, sollte Kisuaheli (Arabisch: "Küstenbewohner") beherrschen - es ist die meistgesprochene Sprache in Kenia, Uganda und eben in Tansania, zu dem das autonome Sansibar gehört, jene Inselgruppe 40 Kilometer vor der Küste im Indischen Ozean. 80 bis 90 Millionen Menschen sind es insgesamt, die Kisuaheli sprechen; mindestens zwei Vokabeln kennen die meisten Deutschen: "Daktari", Arzt, und "Safari", Reise.

In der Regenzeit wird Sansibar zur Freiluftsauna

Anthonys Passbild hängt zusammen mit den Konterfeis der anderen DAAD-Studenten noch immer an der Wand im karg möblierten Geschäftszimmer des "Instituts für Suaheli und Fremdsprachen in Sansibar", daneben Bilder von Studierenden aus den USA, Großbritannien, Indien oder Italien. Die Fotos werden erst ausgetauscht, wenn der nächste Schwung Gäste kommt; das wird zum kommenden Herbstsemester sein.

Der Lehrbeauftragte Ramadhan Abdalla Kututwa attestiert den jungen Leuten aus Deutschland "großen Fleiß". Dabei ist die Ausübung dieser Tugend bei durchschnittlich 30 Grad Hitze und einer Luftfeuchtigkeit von gefühlten 110 Prozent nicht selbstverständlich. In der Regenzeit, im März, verwandelt sich Sansibar in eine Art Freiluftsauna. Weder die Bibliothek noch die spartanisch eingerichteten Vorlesungssäle sind mit einer Klimaanlage ausgestattet. Dafür weht in den Gemäuern Stone Towns eine beständige Brise durch die stets offenen Holzläden.

Ein kleiner überdachter Kiosk im Innenhof neben dem Fahrradständer bietet Unterschlupf, wenn der Regen in Sturzbächen vom Himmel kommt - und Stärkung: Die Bude ist die Mensa. "Da kann man mal was anderes erleben", sagt Jennifer Domnick, 27, ebenfalls Hamburgerin, ebenfalls Afrikanistikstudentin, inzwischen im siebten Semester. Im kenianischen Nairobi hatte sie zuvor ein Praktikum bei der Deutschen Presseagentur gemacht. Jetzt hockt sie mit Anthony im Café, und die beiden erinnern sich an die weißsandigen Traumstrände Sansibars. "Aber ich bin nicht wegen der Strände dahin", beteuert Domnick. "Ich wollte mir vor allem beweisen, dass ich es packen kann, länger in einer derart fremden Kultur zu leben."

Unguja und Pemba - die zweite große Insel des Sansibar-Archipels - liegen an der wichtigsten Handelsroute zwischen Indien und dem südafrikanischen Kap. Dadurch erlangte das ehemalige Sultanat schon früh Bedeutung: Es diente als Umschlagplatz für Elfenbein und Gewürze aus dem tansanischen Hinterland - und für Sklaven. Es folgte eine wechselvolle Kolonialgeschichte, auch Deutschlands Handelsfirmen hatten schon früh Niederlassungen in dem Sultanat. Im sogenannten Helgoland-Sansibar-Vertrag ging 1890, im Zuge einer Neuordnung der kolonialen Gebiete in Ostafrika, die Nordseeinsel von Großbritannien an Deutschland. Heute strebt das autonome Sansibar eine Partnerschaft mit dem schleswig-holsteinischen Helgoland an.

"Mit Stipendium kommt man gut über die Runden"

Rund 70 deutsche Studenten bewerben sich um die 16 DAAD-Plätze an der State University auf Unguja. Bevor die Erwählten Richtung Sansibar aufbrechen können, müssen sie mindestens zwei Semester hinter sich gebracht und eine gute Abschlussklausur geschrieben haben. Und sie sollten stichhaltig begründen, warum es unbedingt Sansibar sein muss. Immerhin könnten sie Kisuaheli auch an acht deutschen Universitäten lernen: Bayreuth, Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main, Köln, Hamburg, Mainz und München.

Für die deutschen Gäste in Sansibar beginnt das Tagespensum um 8 Uhr und geht nur bis 12 Uhr mittags - ein Teilzeitstudienplatz, noch dazu mit intensiver Betreuung: In den Arbeitsgruppen sitzen nur sechs bis acht Studenten. Nach der internen Gebührenordnung der Fremdsprachenfakultät wird jede Sprachstunde mit derzeit sieben US-Dollar abgerechnet und gleich zu Monatsanfang cash kassiert.

Der DAAD unterstützt die jungen Sansibar-Deutschen mit einem Teilstipendium von rund 1100 Euro, 500 für die Schule und 600 für die Gastfamilie. "Damit kommt man gut über die Runden", versichert Jennifer Domnick. "Obwohl man auch den Flug teilweise davon bezahlen muss."

Wer am Ende die ostafrikanische Sprache beherrscht, dürfe auf "zunehmende Jobangebote von NGO oder aus der Wirtschaft" hoffen, sagt der Hamburger Kisuaheli-Lektor Ridder Samsom, der gemeinsam mit seiner Frau Sauda Barwani dabei ist, eine Partnerschaft zwischen dem Afrika-Asien-Institut in der Hansestadt und der State University von Sansibar zu schmieden.

Nathalie Anthony kann sich tatsächlich nicht über Arbeitsmangel beklagen; ihre Sprachkenntnisse haben ihr bereits zu einem Job beim Hamburger Afrika-Verein verholfen, in Tansania wird sie demnächst eine Stelle bei einer deutschen Kinderärztin antreten.

Heute leben etwa eine Million Menschen in Sansibar; zu 98 Prozent sind es Muslime. Das hat Folgen für die ausländischen Gaststudenten: Die strenge islamische Etikette zwingt die Frauen, sich eher zugeknöpft zu kleiden, wenn sie zwischen den bröckelnden Fassaden auf den Gassen Stone Towns flanieren.

Wildes studentisches Nachtleben? Fehlanzeige

Hautnah können die westlichen Ausländer die Konflikte einer islamisch geprägten Gesellschaft erleben. "Meine Gastmutter hatte ein Kind, sie war die Zweitfrau eines Geschäftsmanns, der jedes zweite Wochenende aus Daressalam mit der Fähre ankam, um Geld dazulassen", erinnert sich Jennifer Domnick. "In unserem westeuropäischen Sinne war das keine besonders glückliche Ehe."

Ein ausschweifendes studentisches Nachtleben lässt sich vor solchem Hintergrund eher nicht erwarten. Immerhin, zur blauen Stunde erklingt die melancholisch-rhythmische Taarab-Musik, die von der Hamburgerin Mücke Quinckhardt auch an der örtlichen Dhow Countries Music Academy gefördert wird, von den Terrassen der großen Hotels in Sansibar. Und der Abend lässt sich wunderbar mit Tintenfisch-Spießen vom Grill für wenig Geld am Ufermarkt verbringen, Sonnenuntergang inklusive. Eine Wasserpfeife mit Apfeltabak wird nahebei im Restaurant des traditionsreichen Hotels Africa House angeboten, gleichsam als Dessert nach einem hausgemachten Ugali-Maisgericht.

"Das Nachtleben ist eher bescheiden", sagt Jennifer Domnick. Ihr wildestes Erlebnis: Bei privaten Partys traf sie Kommilitoninnen in "Hot Pants und ohne BH", die sie kaum erkannte, da diese im Institut stets streng verschleiert erschienen.

Am Nachmittag und am Wochenende können die Austauschstudenten auf Entdeckungstour gehen. Alten Stolz und Traurigkeit strahlen die original erhaltenen Wohnräume der Prinzessin Salme im Sultanspalast aus, die einst, von einem Hamburger Kaufmann geschwängert, Sansibar verlassen und ins kalte Hamburg flüchten musste. Ein fröhlicherer Zeitvertreib: Schnorcheln und Schwimmen mit den Delfinen im kristallklaren Wasser der Südküste.

Und schließlich können sich die Kisuaheli-Studenten - besonders verdienstvoll - für den Kulturaustausch engagieren. Einen besonderen Erfolg landeten Domnick und Anthony mit urdeutschen Kochkünsten: Sie servierten ihren erst verdutzten und dann begeisterten Gasteltern selbstgemachte "Arme Ritter".

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