Schnappschuss aus Cambridge Ami go home
Nick S., frischgebackener Harvard-Absolvent, ist seit sechs Monaten für einen Graduate Course an der Geschichtsfakultät in Cambridge. Aber es lässt sich streiten, ob er für den Botschafterjob besonders geeignet wäre. Die kurze Zeit genügte ihm nämlich, um einen Bekanntheitsgrad zu erreichen, der eine ganze Menge Leute bei Nennung seines Namens aufheulen lässt: Oh, Nick S. Oder, besser noch: Oh, der Amerikaner.
Den Grundstein dafür legte S. mit einem Artikel in der hiesigen Studentenzeitung, einem Vergleich zwischen dem amerikanischen Harvard und dem britischen Cambridge. Quick Nick kam großmütig zu dem Urteil, Cambridge sei eine ganz passable Uni mit gutem Nachtleben - aber in Harvard seien Studenten, Professoren und "intellektuelles Klima" auf einem unvergleichlich höheren Niveau.
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Man kann das sicher diskutieren (auch wenn es der Glaubwürdigkeit nicht unbedingt hilft, wie Nick S. grandiose falsche Statistiken für die Analyse der Aufnahmepraxis heranzuziehen). Ganz sicher aber macht man sich so eher wenige Freunde in Cambridge. Prompt hagelte es Leserbriefe, in denen etwa stand, Ereignisse wie der 11. September hätten ja gezeigt, wohin amerikanische Arroganz führen könne.
Reichlich scharf und nicht wirklich nett -und schwer vorstellbar, dass die Kritik bei einem deutschen oder spanischen Autor ähnlich ausgeufert wäre. US-Studenten sind zwar bei der Hochschulleitung von Cambridge herzlich willkommen, weil sie viel mehr Gebühren zahlen als die EU-Europäer. Bei den Kommilitonen jedoch, vor allem bei den Briten, sind sie weit weniger beliebt.
Es mag daran liegen, dass viele von ihnen nach dem ersten Abschluss nach England kommen, oft mit üppigen Stipendien, und ihre Graduierten-Tätigkeit mitunter eher als Freizeit betrachten (was der clevere Nick S., der in Vorlesungen häufiger ein Nickerchen macht, auch gleich am ersten Tag im Beisein seines Supervisors hinausposaunte).
Zudem hat der Großteil der Amerikaner hier Abschlüsse aus Harvard, Yale oder Berkeley. Solche Namen sind für Cambridge-Enthusiasten ein rotes Tuch, weil die US-Eliteunis zwar weniger Tradition, aber viel mehr Geld für Forschung und Lehre haben. Und so werden die amarikanischen Studenten oft so kritisch beäugt wie neureiche Verwandte mit schlechten Manieren beim Familienbesuch.
Ein reines Cambridge-Phänomen ist das nicht: In Oxford avancierte Chelsea Clinton zum Vorzeigehassobjekt, als sie schon kurz nach ihrer Ankunft in einem Interview heulte, England sei ganz schrecklich (ein Gefühl, das sich gelegt hat, seit sie verliebt ist. In einen Amerikaner natürlich). Und schuld an Prinz Williams schlechter Laune an der schottischen Zwerghochschule St. Andrews sind laut britischer Presse US-Studentinnen, die ihm nachlaufen "wie Kühe".
Dass das Taktgefühl von Nick S. jede Cruise Missile vor Neid explodieren ließe, machte die Lage in Cambridge noch etwas brisanter. Auf Plakaten des Debattierclubs ließ er sich als Experte für Europa ankündigen. Und vor der Verkündung von Examensergebnissen maulte er sinngemäß, wenn jeder bestehe, falle seine Harvard-Exzellenz ja kaum auf.
Als die sich dann in mäßigen Noten widerspiegelte, tauchte flugs wenig später im Internet eine ausgefeilte Computeranalyse auf, in der ein "Mr. X" statistisch nachwies, dass S.' Kurswahl die schwerste von allen gewesen sei.
Andere Amerikaner hier fragten mich besorgt, ob ich wirklich über Nick S. schreiben wolle. Es sind Amerikaner, die freiwillig Slowenisch lernen, über den "War on Terrorism" differenzierter streiten als der "Guardian" und über ihren Landsmann sagen, er sei einfach ein Harvard-Schnösel, der nichts über das Leben wisse - in keinem Fall jedoch sei er ein typischer amerikanischer Student.
Nun habe ich trotzdem über Nick S. geschrieben. Aber in einem selbstkritischen Moment muss man sich wohl eingestehen, dass es vielleicht nur deshalb eine gute "story" ist, weil sie unseren Stereotypen so schön entspricht.