Schöne Bescherung: Der Baum brennt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schöne Bescherung Der Baum brennt

Mutter lächelt den Küchenstress einfach weg, Opa rasselt mit dem Säbel, die Single-Tante möchte gern schnackseln: Dank solcher Menschen wird Weihnachten alle Jahre wieder zum unvergesslichen Fest. Eine Typologie der buckligen Verwandtschaft samt ihrer Macken.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der beschäftigte Vater

Aus »beruflichen Gründen« hat er es nicht geschafft, in die Kirche zu kommen, nun sitzt er am Esstisch und ärgert sich über seine bekleckerte Krawatte. Als seine Frau für einen Moment den Raum verlässt, fragt er seinen bereits studierenden Sohn: »Und wie läuft's in der Schule?« Bei der Bescherung reicht ihm seine Frau jeweils ein Päckchen, flüstert ihm ins Ohr, was sich darin befindet und für wen es ist.

Weil die Beschenkten ihm anschließend nicht genügend Dankbarkeit zollen und er ohnehin immer das Gefühl hat, er sei nur »die Kuh, die gemolken wird«, verschwindet er demonstrativ in sein »Homeoffice«. Dort spielt er eine Runde Tetris auf seinem Laptop, fängt dann fürchterlich an zu weinen und muss von seiner Frau umständlich getröstet werden: »Nein, keiner schließt dich aus.« Und: »Du bist ein guter Vater.«

Diese Sätze hört man garantiert von ihm: »Von nichts kommt nichts.« / »Weihrauch, Myrrhe – was das alles kostet!«

Sieben weitere Weihnachtstypen:

Die ausgeglichene Mutter

Worte wie »Weihnachtsterror« und »Küchenstress« lächelt die ausgeglichene Mutter einfach weg. Kopfschüttelnd geht sie dann in die Küche zurück, pinselt die perfekt vor sich hin schmorende Gans ein und findet im Keller auf Anhieb die Kiste mit dem Lametta und den Krippenfiguren. Sie weiß genau, wann sie jedes Familienmitglied ermahnen muss, sich fertig zu machen, so dass alle rechtzeitig zum Kirchgang im Flur stehen, und singt ihr Solo im Kirchenchor so schön, dass selbst der mürrischen Großmutter eine Träne übers Gesicht rinnt. Bevor es nach Hause zurückgeht, nimmt sie selbstverständlich an einer Armenspeisung teil und liest Kindern auf der Intensivstation die Weihnachtsgeschichte vor. Den in Flammen stehenden Christbaum löscht sie beherzt, während der Rest der Familie im Hobbykeller Tischtennis spielt, dann kehrt sie seelenruhig an den Herd zurück, um den Nachtisch zuzubereiten.

Diese Sätze hört man garantiert von ihr: »Vorsichtig mit dem Geschenkpapier, das kann man noch mal benutzen, so schön, wie das ist.« / »Kinder, was haben wir es schön!«


Der neue Freund der Schwester

Er kommt zum ersten Weihnachtsfest »seiner neuen Familie« im Smoking mit Fliege, die anderen hocken schon vor dem Kirchbesuch beschwipst zusammen und bleiben in Freizeitkleidung. Als er sich zum Verzehr der Weihnachtsgans aus Versehen auf den Stuhl des Großvaters setzt, murmelt dieser deutlich hörbar seiner Enkelin zu: »Dein alter Freund gefiel mir viel besser.« Das Bolero-Jäckchen, das er seiner Schwiegermutter in spe schenkt, ist leider zu eng. Und erst als er dem künftigen Schwiegervater eine Flasche »Williams-Birne« schenkt, scheint sich die Situation zu entspannen. Gemeinsam verschwinden die beiden jetzt in Vaters Arbeitszimmer, gucken mit einem Teleskop in den Weihnachtshimmel, und der Vater will wissen, ob seine Tochter es eigentlich bringe, »du weißt schon wo«. Erschöpft fällt der neue Freund schließlich im Kinderzimmer der Tochter ins 90-Zentimeter-Bett, über ihm an der Zimmerdecke fluoreszierende Sterne, nebenan im Bad die betrunkene Tante, die sich lauthals übergibt.

Das hört man garantiert von ihm: »Natürlich möchten wir gern Kinder.« / »Ich habe mich schon nach einem Bausparvertrag erkundigt.«


Die junggebliebene Tante

Sie ist schon jenseits der vierzig. Kinderlos. Trägt am Heiligen Abend Stilettos, enge Jeans und eine Lederjacke. Und sobald ihre Schwester in der Küche verschwunden ist, füllt sie die Gläser des pubertierenden Nachwuchses mit Sekt auf. Verschwörerisch zwinkert sie anschließend bei jedem Schluck, und statt nach dem Essen in der Küche zu helfen, behauptet sie, zur Toilette zu müssen und raucht mit dem 15-jährigen Neffen heimlich im Keller Zigaretten. Dort macht sie ihm Komplimente, wie kräftig er gebaut sei, fragt, ob man in seinem Alter schon »schnackselt«, und schlägt vor, bald einmal gemeinsam auf die Gokart-Bahn zu gehen. Später, nachdem sie ihrem Schwager ein paar neue Nike-Schuhe und ihrer Nichte die aktuelle Jennifer-Lopez-CD geschenkt hat, beginnt sie in der Küche, für »die ganze Mannschaft« ein paar »Caipis« zu mixen. Dabei erzählt sie von ihrem Tango-Argentino-Kurs, den Motorradstunden und davon, wie ihre Schwester früher Auto fuhr, wenn sie mal wieder bekifft war. Nur nach mehrmaligen Aufforderungen verlässt sie schließlich unter tränenreichem Klagen über das Leben als gealterte Singlefrau die Wohnung, nicht ohne im Türrahmen zu krächzen: »Und wo gehen wir jetzt hin?«

Das hört man garantiert von ihr: »Nichts der Mama sagen.« / »Ich fand den Pfarrer süß.«


Der verwirrte Austauschschüler

Eigentlich wollte der Franzose, der mit dem jüngsten Bruder der Familie einen Schüleraustausch absolviert, zum Weihnachtsfest ins heimische Paris fliegen. Da seine Eltern und Geschwister jedoch wegen einer Lebensmittelvergiftung durch verdorbene Gänseleber im Krankenhaus liegen, verbringt er Weihnachten bei seiner Gastfamilie. Ängstlich kaut der junge Franzose nun auf dem Christstollen herum und versucht den tastenden Fußspitzen von Tante und Cousine auszuweichen, während der Großvater den »Erbfeind« hasserfüllt ansieht und ansonsten brutalstmöglich ignoriert. Die Weihnachtsgeschenke, die eigentlich für seine eigene Familie bestimmt waren, verteilt er nun gezwungenermaßen unter seinen deutschen Gastgebern. Seine eigenen Geschenke will er nach heimatlicher Tradition erst am Morgen des 25. Dezembers aufmachen, wo er sie jedoch aus der Mülltonne klauben muss, in die der Großvater sie noch in der Nacht schwer atmend hineingedrückt hat.

Diese Sätze hört man garantiert von ihm: »Darf ich vielleicht doch noch einmal ganz kurz in Frankreich anrufen?« / »Nein danke, dieses Trockengebäck ist außerordentlich wohlschmeckend, aber ich bin wirklich sehr gestopft!«


Der ewig-gestrige Opa

Als er in seinem alten, aber gepflegten Diesel-Benz vorfährt, nimmt die Mutter den französischen Austauschschüler fest an der Hand und flüstert ihm zu: »Du brauchst keine Angst zu haben. Wenn er etwas Böses sagt, komm einfach zu mir in die Küche.« Bei der Bescherung schimpft er über jedes Geschenk, das nicht aus »deutscher Produktion« stammt. Den Rest des Abends mokiert sich der Großvater jedes Mal, wenn eines der Kinder eine SMS schreibt, über den »Verdummungsapparat Handy«. Als zu später Stunde noch einmal Kaffee serviert wird, rühmt er den »echten Filterkaffee«, und als die Kinder bei seinen Erzählungen vom »Muckefuck« im Krieg nur anfangen zu kichern, fordert er zunächst polternd Liegestütze, um ihnen Respekt einzutrichtern. Als seine Befehle unerhört bleiben, geht er auf die Terrasse, um dort leise alle drei Strophen der Nationalhymne vor sich hinzubrummen und eine Stumpenzigarre zu rauchen.

Diese Sätze hört man garantiert von ihm: »Drei Wochen hat der Franzose uns standgehalten, aber Alliierter will er sein.« / »Jeder echte Junge sollte ein Luftdruckgewehr haben.«


Die strebsame Cousine

Die Geschenke, die die Cousine nach ihrer Ankunft unter dem Christbaum verteilt, sind scheinbar ohne jeden Streifen Tesafilm entzückend eingepackt. Auf kleinen Kärtchen steht kalligrafisch der Name jedes Beschenkten inklusive zweitem Vornamen. Gönnerhaft applaudiert sie dem Geschwistertrio, das mit Blockflöte, Klavier und Akkordeon mühsam durch ein paar Weihnachtslieder stolpert. Anschließend holt sie langsam und andächtig ihre Querflöte aus dem Etui und bietet nach einem kurzen »Ich bin leider etwas aus der Übung« der staunenden Familie einen zauberhaften Ausschnitt aus der »Kleinen Nachtmusik« dar. Für eine Sekunde gewinnt sie ein menschliches Antlitz, als sie nach dem Essen Fotos ihres holländischen Verlobten herumzeigt – jedoch nur so lange, bis sie auf die Frage nach seinen größten Vorzügen anfängt, von seinen Arbeiten als Molekularbiologe zu referieren.

Diese Sätze hört man garantiert von ihr: »Das haben die von der Sorbonne auch gesagt, als sie mir das Stipendium angeboten haben.« / »Familienfeste sind etwas Herrliches.«


Die undankbare Großmutter

Um sie aus ihrer Wohnung abzuholen, hat ihr Sohn extra ein geräumiges Luxusauto gemietet. Sie bekommt den besten Platz an der schön dekorierten Weihnachtstafel. Und jeder macht ihr Komplimente, wie frisch und gut sie noch aussehe. Doch sie findet, der saftige Karpfen sei zäh, alt und grätig. Die Enkelkinder wirkten verwahrlost.

Ihren Sohn bittet sie laut über den Tisch hinweg, er solle seiner Frau sagen, sie sehe in ihrem Hosenanzug aus wie ein Mann. Mürrisch schiebt sie sich anschließend zur Bescherung, reicht jedem eine unverpackte Tafel Vollnussschokolade mit einem fünf Euro Schein. Und sagt nach wenigen Sekunden, man habe sie sicherlich wieder vergessen. Als sie schließlich ein extrem teures Cashmere-Ensemble bekommt, mutmaßt sie, man wolle, dass sie sich beim Umtausch in der vereisten Stadt die Knochen breche. Ruhig wird sie erst, als sie endlich vor dem unfassbar laut gestellten Fernseher liegt. Doch wehe dem, der jetzt wagt, die alten Sketche von Didi Hallervorden per Stopp-Taste des Videorecorders zu unterbrechen.

Das hört man garantiert von ihr: »Wenn das der Opa mit ansehen müsste.« / »Undank ist der Welten Lohn.«