Schulstunde im TV: Der Präsident macht auf Pauker - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schulstunde im TV Der Präsident macht auf Pauker

Plötzliche Programmänderung im venezolanischen Staatsfernsehen: Um gegen den Analphabetismus der armen Bevölkerung vorzugehen, ging Präsident Chávez persönlich auf Sendung. Live aus seinem Palast erteilte er dem Volk eine Lektion in Lesen und Schreiben.
Von Andreas Ross
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man stelle sich vor, Gerhard Schröder hat das Gejammer über die Bildungsmisere eines Tages so satt, dass er zur Aktion schreitet. Er beordert ARD und ZDF ins Kanzleramt und lässt sich dort zwei Stunden dabei filmen, wie er dem Volk Matheaufgaben vorrechnet. Gesendet wird der Unterricht live in TV und Radio.

Hier zu Lande unvorstellbar, doch nicht so in Venezuela. Die Südamerikaner haben sich längst daran gewöhnt, dass ihr umstrittener Präsident Hugo Chávez gern den TV-Moderator mimt. "Aló, Presidente" heißt jene Ein-Mann-Show, die Chávez meist sonntags moderiert, oft viele Stunden lang. Angeblich kann jedermann den Präsidenten während der Sendung anrufen. Der berühmt-berüchtigte Populist schwätzt dann leutselig mit seinen Bürgern und verspricht mit Pathos die Linderung der Armut in dem ölreichen Land.

Mit Zeigestock und Tafel

Doch als diesmal das staatliche Fernsehen auf Geheiß des Staatschefs die endlose Reihe der Seifenopern unterbrach und auch der Rundfunk in den Präsidentenpalast Miraflores von Caracas schaltete, wartete kein nettes Geplauder auf die Nation. Der sonst so festliche Salón Ayacucho war zur Schulklasse umfunktioniert worden, und der Präsident fuchtelte mit einem Zeigestock vor der Tafel herum. Es gab eine Doppelstunde in Lesen und Schreiben.

Auf den Bänken hockten handverlesene Teenager und Erwachsene aus den Armenbezirken der Hauptstadt, die sich von dem ehemaligen Fallschirmspringer Chávez belehren ließen: "Wir werden nicht geboren, um von der Welt ausgeschlossen zu sein, um arm zu sein und keine Häuser zu haben. Lesen lernen heißt begreifen, dass wir diesen Zustand ändern können."

Der Staatschef verspricht Brillen für alle

Zwar hatte der Vater des Staatschefs einst als Lehrer gearbeitet, doch an pädagogischer Sicherheit gebrach es Chávez. Auch in der spanischen Sprache hatte er Unsicherheiten: Die zum größten Teil gegen den Präsidenten eingestellten Intellektuellen des Landes mussten nicht lange warten, bis der Staatschef vor laufender Kamera ein Verb falsch konjugierte. Ein Blick ins Wörterbuch zeigte dem Oberpauker seinen Irrtum - und diente gleich als Modellfall: "Wenn ihr ein Wort nicht genau kennt, dann schaut es nach", dozierte der Präsident.

Gegen Chávez, der seinen Hang zum Rollenwechsel auch schon bei Baseballspielen unter Beweis gestellt hat, läuft ein Volksbegehren: Der revolutionäre Präsident soll abgesetzt werden, nachdem ein Putsch gegen ihn im vergangenen Frühjahr scheiterte. Die ehemals herrschenden Eliten des Landes haben fast geschlossen Stellung gegen den Staatschef bezogen, doch in den ärmeren Bevölkerungsschichten verfügt der viel Gescholtene nach wie vor über großen Rückhalt. Die Schulstunde markierte den Beginn einer neuen Alphabetisierungsoffensive seiner Regierung.

Denn in einem kann kein politischer Gegner Chávez das Wasser reichen: Er versteht es, dem armen Volk Hoffnung zu geben. Einige seiner Nachhilfeschüler im Palast klagten über die kleine Schrift der Unterrichtsmaterialien. Kein Problem für den Staatschef: "Wir werden euch allen Brillen besorgen." Die ganze Nation wurde Zeuge dieses Versprechens.