Schummelstudenten Mit Spicken und Hacken zur Eins
Die Verlockung ist groß: Handys, MP3-Player und USB-Sticks bieten viele Möglichkeiten, in Prüfungen zu schummeln. Und wer kein Freund der Technik ist, kann immer noch auf den guten alten Spickzettel zurückgreifen. Denn auch der ist an Deutschlands Hochschulen noch längst nicht ausgestorben. Die Schummelei kann aber fatale Folgen haben: Die Strafen reichen von einer Null-Punkte-Wertung bis zum Uni-Verweis.
Häufig sind die Vorschriften besonders strikt, was Handys oder MP3-Spieler angeht. "Wer sowas am Platz hat, hat nicht bestanden", sagt Hanna Römer, die das Studienbüro der Betriebswissenschaftler an der Universität Mainz leitet.
Ihre Kollegin My-Sun Kim von der Uni Frankfurt ergänzt: "Sollte ein Handy klingeln, wird das als Täuschungsversuch gewertet" - und die Klausur gilt als nicht bestanden. Vom kommenden Semester an drohen im Wiederholungsfall noch härtere Konsequenzen. Dann dürfen Schummler keine Prüfung mehr machen und werden somit indirekt gezwungen, die Uni zu verlassen. "Das mussten wir machen, sonst folgt daraus nichts", sagt Kim.
"Ich hätte es nicht besser formulieren können"
Denn Fälle versuchten Betrugs nehmen zu, wie die Juristin erzählt. Zum Beispiel werden Gesetzestexte, die in Jura-Klausuren erlaubt sind, beschriftet. "Auf einigen Blättern gibt es Freiraum, wo Definitionen drauf geschrieben werden können." Daher sehen Aufseher mittlerweile genau hin. Aber auch das hilft nicht immer. Manchmal würden auch Seiten in die Blattsammlungen eingefügt, die "wie gedruckt aussehen", so Kim. Da müsse schon sehr exakt geprüft werden, was bei bis zu 250 Studenten pro Klausur jedoch schwierig sei.
Kim kennt die handelsüblichen Ausreden und wird sauer, wenn die Ertappten keine Reue zeigen. "Die haben teilweise kein Unrechtsbewusstsein. Die beste Begründung bei Plagiaten ist: 'Ich hätte es nicht besser formulieren können'."
Gerade das Abschreiben ist an den Hochschulen zur Landplage geworden. Via Internet lassen sich zügig Seminar- oder auch ganze Abschlussarbeiten zusammenräubern. Das fuchst Professoren sehr. Um Plagiate zu erkennen, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Spezialprogrammen.
Ein bisschen Textmassage reicht nicht
Die allerdings helfen auch keineswegs immer, sagt Debora Weber-Wulff: "Ein Plagiat ist nicht dasselbe wie buchstabengetreue Übereinstimmung", sagt die Professorin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft, die sich seit vielen Jahren intensiv mit Problemen durch dreistes Abkupfern beschäftigt. "Da stellen Leute stellen Wörter um, fügen etwas ein oder nehmen etwas weg und massieren den Text ein bisschen." Und oft glauben Studenten dann, sie seien aus dem Schneider, weil die Passagen dann kein Plagiat mehr seien. "Aber das stimmt nicht. Das ist eine Bearbeitung - und genauso ein Plagiat, wie wenn man copy and paste gemacht hat", wo Weber-Wulff.
Um Abschreibern auf die Schliche zu kommen, wird in Frankfurt mit Texterkennungssoftware gearbeitet. Studenten müssen daher Arbeiten in gedruckter und elektronischer Form abgeben. Auf viel Verständnis stößt das bei Studenten nicht. "Sie sind teilweise genervt", sagt Kim.
Die technischen Möglichkeiten sind für viele verführerisch, glaubt Petra-Angela Wacker, Dozentin an der Universität in Mainz. "Das Internet macht es leicht. Viele sagen: Wenn ich es kann, dann mache ich es auch." Allerdings sei auch der Druck auf Studenten gestiegen. "Die Zahl derer, die es aus Verzweiflung tun, nimmt zu", sagt Wacker. "Das ist natürlich trotzdem nicht entschuldbar."
In Deutschland ein Kavaliersdelikt, in den USA verpönt
Generell gibt es nach Einschätzung Wackers Unterschiede zwischen den Fächern. In den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften seien Probleme mit Schummlern fast schon programmiert, weil Klausuren in großen Gruppen geschrieben oder als Multiple-Choice-Tests absolviert werden. Daher sei es dort üblich, die Identität der Teilnehmer anhand der Ausweise zu prüfen. Schwieriger sei Tricksen in den Geisteswissenschaften, wo eigene Aufsätze verfasst werden müssen.
In Deutschland gelte Spicken als Kavaliersdelikt, sagt Petra-Wacker. Das sei längst nicht überall so: In den USA etwa sei Schummeln "ein viel größeres Tabu, wo man für die Ausbildung viel Geld bezahlt". Ein weiterer Grund sei, dass dort ein Eid auf die akademische Ehrlichkeit geleistet wird.
An der Mainzer Uni schreiben Studenten seit dem Wintersemester 2004/05 viele Klausuren an Computern. Diese elektronischen Prüfungen erfordern besondere Sicherheitsvorkehrungen, erläutert Günter Wetter vom Zentrum für Datenverarbeitung. So ist etwa der Internetzugang blockiert.
Von Hackern und Handflächenbeschriftern
Am Anfang gab es ein paar Fälle, erinnert er sich, in denen jemand versucht habe, sich in das System einzuhacken. Doch habe man anhand der IP-Adresse erkannt, von welchem Computer die Antworten kamen. "In dem Fall war das ein Telekom-Anschluss von außerhalb."
Auch an der Universität Koblenz-Landau gibt es elektronische Klausuren - und technische Sicherungen. Prüfungen werden auf einem beschränkten Betriebssystem geschrieben. "Das ist so abgespeckt, dass USB-Sticks nicht erkannt werden", erklärt Peter Ferdinand vom Institut für Wissensmedien. "Und es gibt Aufsichtspasswörter, die erst im Klausurraum bekanntgegeben werden." Absolut sicher könne ein System zwar nie sein, doch den meisten werde Schummeln so verleidet.
Neben all diesen Techniktricks sind auch traditionelle Methoden noch aktuell. Die old-school-Variante: "Die Notiz auf der Hand oder der Spickzettel", so Römer. Und von Zeit zu Zeit würden Studenten beim Nachschlagen auf der Toilette erwischt. Diese Taktik kennt auch Wacker: "Ich merke bei mancher Klausur, dass der Harndrang erhöht ist."
Gänzlich zu verteufeln sind Spicker aber nicht - schließlich hat das stichwortartige Aufschreiben durchaus einen Lerneffekt. Studenten sollten den Zettel danach nur besser nicht benutzen.