Selbsttest 1 Das Borakel hat gesprochen
Zwei Klicks, einen Namen aussuchen und das Passwort eingeben, schon kann der Test losgehen. Wer liest im Internet schon so genau nach, worauf er sich einlässt und wie lange der Spaß dauert? Beim Borakel "Mein Berufsweg " wäre eine Warnung in dicken roten Lettern angebracht: Dieser Test dauert 90 bis 120 Minuten, decken Sie sich vor Beginn mit Schokolade und Getränken ein.
Teil 1: "Lieber Teilnehmer, in der folgenden Aufgabe wird ihr Konzentrationsvermögen untersucht." Der erste Durchgang ist noch machbar, in vier Feldern erscheinen Symbole: Quadrate, Kreuze, Kreise, Rauten, Striche, Dreiecke. Die Aufgabe: Bei Raute schnellstmöglich die Space-Taste drücken, außer wenn in einem der drei übrigen Feldern ein Kreuz erscheint. Fünf Sekunden Zeit für jede Antwort. Schon ab Runde zwei wird die Anzahl der Felder unübersichtlich, die Kriterien werden komplizierter.
"Das Prinzip kennen Sie bereits die korrekte Lösung ist hier, die Antworttaste zu drücken, weil das Symbol an der Stelle A einmal und das Symbol an der Stelle B keinmal vorkommt."
In diesem Fall sind das Kreuz und Strich. Allerdings: Wenn Kreuz zweimal vorkommt, ist die Regel nicht erfüllt, daher darf die Space-Taste nicht gedrückt werden. Nach zweimaligem Lesen erschließt sich die Bandwurmaufgabe so langsam. Die blitzschnelle Kontrolle von neun Feldern ist trotzdem eine Überforderung für nur zwei Augen. Soll ich vielleicht als Scharfschützin gecasted werden?
Wozu kann man ein Taschentuch benutzen?
Zum Glück folgt rasch ein Persönlichkeitstest, dessen Fragen keine Hirnakrobatik verlangen:"Ich sollte Antworten besser überlegen." Wenn man den Reaktionstest außer Acht lässt, bei dem ich auf gut Glück die Tasten malträtiert habe: "Eher nein". "Ich kann gut nachgeben" auf einer Skala von 1 (trifft überhaupt nicht zu) bis 100 (trifft voll zu). Vielleicht 40? "Gruppenarbeit bedeutet für mich Stress": eine glatte 15.
Der Mathetest ist ähnlich knifflig wie die Reaktionsaufgaben. Welche Zahl muss in diese Reihe eingefügt werden? 1; 4; 27; ?; 3; 125 keine Ahnung. "Ein Radfahrer fährt 20 km/h. Er bekommt von einem Auto, das 70 km/h, fährt 75 km Vorsprung. Wann hat das Auto den Radfahrer eingeholt?" Fünf Antworten stehen zur Auswahl, immerhin 20 Prozent Chance auf einen Zufallstreffer.
Kreativität - das ist schon eher mein Stichwort. Was kann man mit einem Taschentuch alles machen, außer Nase putzen? Mütze falten, winken oder ein Puppenkleid nähen. Die Frage danach, wie man Kartoffeln zubereiten kann, streichelt endlich mal das bisher arg gerupfte Ego, 16 Antworten in 1.30 Minuten. Von Kartoffelspalten, über Püree, Pommes, Puffer bis hin zu spanischen Salzkartoffeln purzeln die Ideen in die Tastatur. Die Kartoffelhälften mit Thymian aus dem Ofen passen sogar in die vorgegebene Leerzeile.
Am Ende gibt es noch einmal Fragen zur Persönlichkeit, zwei Minuten Bearbeitungszeit, schon verrät der Computer meine Zukunftschancen. So eindeutig wie sein berühmtes Vorbild in Delphi, das Morde und Hochzeiten vorhersagte, wird das Borakel allerdings nicht. Auf 37 Seiten werden die Testergebnisse detailliert aufgeschlüsselt. Auf Skalen von 0 bis 100 lassen sich zum Beispiel Führungsmotivation, Kontaktfreude, Stressresistenz und Spontanität mit dem Durchschnitt einer Stichprobe von Schülern vergleichen.
Die Auswertung trifft ganz gut
Mein Ergebnis: Ich bin unglaublich einfallsreich, habe ein ganz gutes Sprach- und Textverständnis, aber keine Ahnung von Zahlen. Meine Passung für eine selbstständige Tätigkeit oder ein Angestelltendasein ist recht hoch. Die eigentliche Frage versteckt sich auf Seite 19: Bin ich für ein Studium geeignet? Forschung passt immerhin etwas besser als "mittel"-gut zu mir, die Anwendung von Wissen liegt mir sogar.
Fehlt nur noch das Studienfach, bei dessen Auswahl das Borakel ja auch gleich helfen will. Da geht es zunächst um Studienbedingungen. Wer in der vorlesungsfreien Zeit weniger als 10 Stunden pro Woche investieren will, an Urlaub oder Nebenjobs denkt, bekommt sogleich eine Warnung auf den Schirm. Für solche Kandidaten hat die Ruhr-Universität kaum Angebote. Nun gut, 20 Stunden, auch in den Semesterferien. Anschließend werden Schulfächer, Hobbys und Interessen abgefragt.
Mit den Vorschlägen liegt das Borakel gar nicht mal schlecht. Germanistik und Politik habe ich tatsächlich studiert. Geschichte und Theaterwissenschaften finde ich interessant. Naturwissenschaftliche Fächer und Mathematik tauchen aus gutem Grund nicht unter den Ratschlägen auf.
Getestet von Antonia Götsch