Seltene Studienfächer: Bergbau, Brauwesen, Körperpflege - DER SPIEGEL
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Sonderbare Studienfächer "Bachelor of Bodylotion"

Freizeit, Puppenspiel, Körperpflege: Die Namen einiger Studiengänge klingen absurd bis unseriös. Doch bei manchen handelt es sich um ernsthafte Wissenschaft - die Absolventen haben gute Chancen auf dem Jobmarkt.
Von Eva-Maria Hommel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Freizeitwissenschaft

"Man arbeitet mit einem lebendigen Werkstück."

"Man arbeitet mit einem lebendigen Werkstück."

Foto: Nicolas Mahler

Daniel Rendant hatte oft das Gefühl, mit seinem Studium nicht ernst genommen zu werden: "Wenn ich auf einer Party erzähle, dass ich Freizeitwissenschaft studiert habe, ernte ich gleich einen Lacher - habe aber auch einen Gesprächseinstieg." Dabei bleibt den Studenten im Internationalen Studiengang "Angewandte Freizeitwissenschaft" an der Hochschule Bremen gar nicht viel Zeit zum Rumhängen. Sie müssen unter anderem lernen, wie man Kostenpläne für Sportveranstaltungen erstellt, was ein Wellnessberater macht und wie ein Animateur ein Theaterstück auf die Bühne bringt. Auch Kenntnisse in Fremdsprachen und Landeskunde sind hilfreich, um bessere Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt zu haben.

Die Stärke der Freizeitwissenschaftler ist ihre Vielseitigkeit: Sie arbeiten in Museen, in Sportzentren, Stadtplanungsämtern, NGOs, Nationalparkverwaltungen. Eine Umfrage der Hochschule unter 179 Absolventen aus dem Jahr 2014 zeigt: Drei Viertel haben einen Job in einer einschlägigen Branche, die meisten in Tourismus oder Eventmanagement. Daniel ist inzwischen 38 und hat eine Stelle im Spicarium, einem Seefahrtmuseum in Bremen. Er liebt, was er tut: "Du verkaufst den Leuten nicht nur ein Ding, sondern einen netten Tag."


Zeitgenössische Puppenspielkunst

"Ich werde immer einen Weg finden, mich zu finanzieren."

"Ich werde immer einen Weg finden, mich zu finanzieren."

Foto: Nicolas Mahler

An der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin lernt Karin Herrmann, 27, Klappmaulpuppen oder Marionetten zum Leben zu erwecken. Im Fach "Zeitgenössische Puppenspielkunst" belegt sie Kurse in Schauspielerei, Dramaturgie, Akrobatik oder Fechten. Bis zu zwölf Stunden verbringt sie jeden Tag an der Hochschule, denn Puppenspiel ist kein Kinderspiel. Und es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ein Puppenspieler in einem kleinen Kasperltheater oder auf einer großen Schauspielbühne auftritt.

Absolventen und Teilnehmer verschiedener Studiengänge wie Schauspiel, Regie, Dramaturgie und Choreografie sollen sich hier bereits während des Studiums als fachübergreifende Teams zusammenfinden. Auch das Entwickeln von eigenen Stücken und das Schreiben von Texten gehört zur Ausbildung.

Seit drei Jahren gibt es noch ein weiteres Pflichtfach: Kulturmanagement für Freiberufler. Denn inzwischen arbeitet rund die Hälfte der Absolventen frei. Feste Stellen sind rar. Andererseits, sagt Dozentin Susanna Poldauf, würden an "normalen" Theatern immer häufiger Puppen eingesetzt: "Die Puppe ist im Kommen." Karin Herrmann blickt jedenfalls gelassen in ihre Zukunft: "Ich werde immer einen Weg finden, mich zu finanzieren", sagt sie, "und ich finde es spannend, dass man sich immer weiterentwickeln muss."


Brauwesen und Getränketechnologie

"Natürlich trinken wir alle gerne mal ein Bier."

"Natürlich trinken wir alle gerne mal ein Bier."

Foto: Nicolas Mahler

Der süße, schwere Duft von Hopfen schlägt einem in Freising bei München schon von Weitem entgegen. Seit 1040 wird hier Bier gebraut, 1865 gab es den ersten "Brauer Cursus" in der Landwirtschaftsschule im ehemaligen Benediktinerkloster.

Seitdem hat sich viel verändert: Die Schule ist jetzt eine Fakultät der TU München, der Studiengang heißt "Brauwesen und Getränketechnologie". Fächer wie Gespannviehkunde sind aus den Stundenplänen verschwunden. Wer heute professionell Bier brauen will, benötigt ein Ingenieursstudium, um die komplexen Apparate bedienen und die Hygienevorschriften einhalten zu können.

Johannes Tippmann, Leiter der Forschungsbrauerei, sieht so aus, wie man sich einen Braumeister vorstellt: kräftiger, breiter Oberkörper und Vollbart. Er sagt: "Wenn ich erzähle, ich unterrichte Bier, dann sagen die Leute: 'Is' doch ganz einfach, da machst a Helles, machst a Pils, machst a Weißbier!'" Doch es ist komplizierter. Mischungsverhältnis, Verweilzeiten und Temperaturen spielen eine große Rolle. Elektrotechnik, Biochemie und Mikrobiologie stehen auf dem Stundenplan. Die Prüfungen brachten Nadja von Nessen manchmal zum Verzweifeln.

Inzwischen hat es die 24-Jährige aber bis ins zweite Mastersemester geschafft. Sie hat nicht nur gelernt, eine Hopfendolde auf Pilze zu untersuchen, sie weiß auch, wie Wein oder Saft in die Flasche kommt. Wer sich nur betrinken will, ist fehl am Platz. "Dann würden wir das Studium gar nicht schaffen", sagt Nadja. "Aber natürlich trinken wir alle gerne mal ein Bier." Absolventen landen bei Getränkeherstellern oder auch in der Pharmaindustrie, wo besonders hygienisch produziert werden muss. Die Brauer aus Freising sind gesucht, denn nur wenige Hochschulen weltweit bieten einen solchen Studiengang an.


Education Körperpflege

"Man arbeitet mit einem lebendigen Werkstück."

"Man arbeitet mit einem lebendigen Werkstück."

Foto: Nicolas Mahler

Wenn Sascha Sand eine Vorlesung besucht, dann bekommt er vor allem eines zu sehen: einen Hörsaal voller Studentinnen. Man könnte meinen, Körperpflege sei reine Frauensache. "Bachelor of Bodylotion" witzeln Freunde und Bekannte häufig, wenn Sand von seinem Studium erzählt. Doch hinter dem "Bachelor und Master of Education Körperpflege" verbirgt sich etwas Handfestes: In diesem Studiengang bildet die TU Darmstadt Berufsschullehrer im Friseurhandwerk aus.

Sand, 30, will seinen Schülern später einmal zeigen, wie anspruchsvoll dieser Beruf ist: "Als Friseur trägt man eine große Verantwortung und arbeitet quasi mit einem lebendigen Werkstück." Alle zukünftigen Ausbilder sollen das verständlich an ihre Schüler weitergeben.

Alexandra Karentzos, Professorin für Mode und Ästhetik, sagt: "Das Studium ist sehr anspruchsvoll." Wer anderen erklären will, wie man Haare richtig färbt, muss gute Basiskenntnisse in Chemie und Biologie mitbringen. Zudem ist ein Grundverständnis für Modephänomene, Ästhetik und Kunst wichtig. Auch Erziehungswissenschaften und Fachdidaktik stehen auf dem Stundenplan. Wer es geschafft hat, kann sich auf ein lebenslang steigendes Gehalt als verbeamteter Studienrat freuen, sagt Karentzos. Und noch etwas verspricht die Professorin: "Wer bei uns seinen Abschluss macht, bekommt beinahe immer eine Stelle."


Geotechnik und Bergbau

"Meine Freunde nennen mich Buddler."

"Meine Freunde nennen mich Buddler."

Foto: Nicolas Mahler

Selbstverständlich hauen die Freiberger Bergbaustudenten nicht mehr mit Schlägel und Eisen das Erz aus dem Berg. Moderner Bergbau ist Hightech. In den ersten Semestern müssen sich die angehenden Ingenieure durch jede Menge Mathe und Physik quälen, wie in einem klassischen Maschinenbaustudium. Später kommen Fächer wie Bergbauliche Wasserwirtschaft, Bergbauplanung und Bergrecht hinzu, 120 Acht-Stunden-Schichten in der Praxis sind außerdem Pflicht.

An der Bergakademie Freiberg werden seit 250 Jahren Bergleute ausgebildet - doch 2018 schließt in Deutschland die letzte Steinkohlengrube. Trotzdem sagt Studiendekan Matthias Reich: "Die Berufsaussichten sind sehr gut." Er zählt auf: Freiberger Diplom-Ingenieure planen Bergbau in Russland oder der Mongolei. Sie durchsuchen die heimischen Halden nach Rohstoffen, die früher niemand brauchte, oder renaturieren Braunkohlentagebaue. Trotz moderner Technik legt die Uni auch Wert auf Tradition: Die Studenten begrüßen sich mit "Glück auf" und erscheinen zu Prüfungen im festlichen Bergkittel.

Wenn Pascal Grünheid, Alexander Kriebel und die anderen zu ihrem Seminar wollen, müssen sie erst mal Gummistiefel anziehen, einen Helm aufsetzen und Stöpsel in die Ohren stecken. Dann geht es bergab. Ihr Seminarraum liegt 150 Meter unter der Erde, im Lehr- und Forschungsbergwerk Himmelfahrt Fundgrube. Das Studienfach dazu heißt "Geotechnik und Bergbau" und wird an der TU Bergakademie Freiberg in der Nähe von Dresden gelehrt. Alexander, 19, ist bei einem Ferienjob in einem Kalibergwerk auf den Geschmack gekommen. Inzwischen ist er sogar Mitglied im Berg- und Hüttenmännischen Verein, einer Studentenverbindung. Viele Gleichaltrige könnten mit dem Studienfach nichts anfangen, erzählt er. Seinem Kommilitonen Pascal, ebenfalls 19, gehe es genauso: "Meine Freunde nennen mich Buddler."

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Ausgabe 6/2015

Freunde auf Zeit
Was vom Erasmus-Gefühl bleibt

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