Seminar-Sharing: Na also. Geht doch. - DER SPIEGEL
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Seminar-Sharing Na also. Geht doch.

Klaustrophobie im Seminar, Stehplatz im Hörsaal, Gedränge in den Uni-Gängen - das muss nicht sein. Die Universität Frankfurt hat die Lösung gefunden: Seminar-Sharing. Genial einfach, einfach genial. Und das Land Hessen hat keinen Pfennig dazubezahlt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles sprach für einen schlechten Scherz, doch die Goethe-Universität in Frankfurt am Main meinte es ernst: Bei den Lehramt-Studenten ist der Andrang so groß, dass sich in diesem Semester immer zwei Studenten einen Platz teilen müssen. Der eine besucht in der ersten Semesterhälfte die Veranstaltung, der andere zum Ende des Semesters hin. Wer gerade nicht teilnehmen darf, muss sich den Lehrstoff auf eigene Faust erarbeiten. Oder mit Hilfe eines Tutors.

Aus zwei mach eins - die Frankfurter Universität schien zunächst aus der Not eine Tugend machen zu wollen, als sie die Teilung der Veranstaltungen verkündete: "So leisten wir auch einen Beitrag zu frühem wissenschaftlich selbstständigen Arbeiten", tröstete sie die Studenten.

Doch die reagierten nicht amüsiert auf die - nach Auffassung der Uni-Leitung - "konstruktive Lösung". Von "Quatsch" bis "Bullshit" reichten die Reaktionen. "Da werden die Probleme der Uni auf die Studenten abgewälzt", kritisierte Moritz Jörgens von der Fachschaft Erziehungswissenschaften. "In solchen Seminaren kann es nur noch darum gehen, Inhalte zu pauken." Und auch der Asta hält das Seminar-Sharing für "nicht besonders glücklich".

Schnell ruderte die Uni zurück

Der Groll der Studenten ist verständlich. Und so beeilte sich die Universität, in einer weiteren Presseerklärung das Bild wieder zurechtzurücken: Angesichts der hohen Studentenzahlen müssten im Lehramtsstudium "Notmaßnahmen" ergriffen werden, hieß es einen Tag später. Dies sei aber keineswegs als dauerhafte Lösung geplant und nur in einigen wenigen Veranstaltungen vertretbar, um allen Erstsemestern einen Studieneinstieg zu ermöglichen. Das Selbststudium könne das reguläre Lehrangebot ergänzen, aber nicht ersetzen.

Das Kapazitätsproblem bei den Lehramtstudenten hat die Frankfurter Uni nicht erfunden. Es ist sehr real und bereitet Professoren wie Studenten Kopfzerbrechen. "Viele andere hessische Universitäten haben längst einen Aufnahmestopp verhängt, nur Frankfurt nicht", erklärt Uni-Sprecher Ralf Breyer, "deshalb sind die Studienbedingungen inzwischen fast unzumutbar."

Denn in manchen Vorlesungen drängen sich 600 Studenten, die Auslastung erreicht mitunter 200 Prozent, Dozenten und angehende Lehrer sind entnervt. Die Überlast in Frankfurt scheint krass. Die Teilung der Veranstaltungen sei "aus der Not geboren, auf keinen Fall ein Modell für die Zukunft", versichert Ralf Breyer.

Im nächsten Semester: Schotten dicht?

Ob das hessische Wissenschaftsministerium das genauso sieht? Die Frankfurter Universität hat bereits einen Aufnahmestopp für das Sommersemester beantragt und will zum kommenden Wintersemester, wie die Nachbar-Hochschulen, einen Numerus clausus einführen.

Davon ist das Land wenig begeistert: Lehramt-Absolventen sind derzeit begehrt, die Bundesländer suchen verzweifelt nach jungen Lehrern. Nun habe das Ministerium signalisiert, dass die Frankfurter Uni ja keinen Aufnahmestopp brauche, wenn sie die Kapazitätsprobleme durch Seminar-Sharing lösen könne, grollt Ralf Breyer.

Den Etat des Fachbereichs verdoppeln wird Hessen kaum. Ob das Land von den Frankfurter Studenten dann später auch nur ein halbes Examen fordert, ist aber bislang nicht bekannt.